Financial Times Deutschland, 18./19./20.04.2008, Nr. 76, S. 20
In den kommenden Monaten werden die deutschen Exporteure mehr als bislang unter dem extrem starken Euro leiden. Davor warnten am Donnerstag die Konjunkturchefs der führenden Forschungsinstitute nach Vorstellung ihrer Frühjahrsprognose. Noch würden die Folgen der teureren Währung durch die robuste Nachfrage in wichtigen Abnehmerländern aufgefangen. „Aber der starke Euro wird auf die Exporte durchschlagen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche“, sagte Roland Döhrn, Konjunkturchef am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. Die Frage sei nur, wann. Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) rechnet bis zum Herbst mit deutlich schwächeren Geschäften der Exporteure.
In ihrem Gutachten erwarten die Volkswirte für das zweite Quartal eine Stagnation der deutschen Ausfuhren (siehe Grafik). Im ersten Quartal dürften die Exporte noch mit einer auf ein Jahr hochgerechneten Rate von fast neun Prozent zugelegt haben. Behalten die Forscher recht, werden sich die Ausfuhrfirmen anschließend nur langsam erholen und erst in der zweiten Hälfte 2009 wieder an die alte Stärke anknüpfen.
Seit Monaten eilt der Euro, aber auch der Ölpreis von einem Rekord zum nächsten. Am Donnerstag war die Gemeinschaftswährung nur noch wenige Ticks entfernt von der Schwelle von 1,60 $. Mit jedem Cent, den der Euro aufwertet, verteuern sich deutsche Exporte gegenüber Konkurrenten aus dem Dollar-Raum. Bislang schienen die Folgen allerdings gering, da die Exporte etwa aus dem Rest des Euro- Raums noch deutlich zulegten. Auch die hohen Ölnotierungen lasten auf Unternehmen und Verbrauchern. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) kletterte zuletzt auf den neuen Rekord von mehr als 115 $.
Die Folgen des superstarken Euro seien bereits spürbar, sagte Scheide: „Natürlich hat die Aufwertung die Exporte gedämpft.“ Auch der hohe Ölpreis habe die Kauflust der Konsumenten in Grenzen gehalten. Allerdings käme der deutschen Wirtschaft zugute, dass der hohe Eurokurs den Ölpreisanstieg abfedere. Denn noch immer werden die meisten Lieferverträge in Dollar abgeschlossen.
Nach Scheides Einschätzung sei es beim Euro weniger wichtig, ob die Gemeinschaftswährung wieder einmal eine symbolische Schwelle überschritten habe; seien es nun 1,40 $, 1,50 $ oder 1,60 $. „Jeder Cent Aufwertung bedeutet Einbußen für die Exporteure“, sagte Scheide. Als Faustformel gelte: Es kostet einen halben Prozentpunkt Wachstum, wenn sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Firmen um einen Prozentpunkt verschlechtert. Hierzu trägt der Euro neben der Kostenentwicklung im Inland bei.
Zum Jahresbeginn hätten die Unternehmen ihren hohen Bestand an Auslandsbestellungen abgearbeitet, heißt es im Gutachten. Dies dürfte das Wachstum der Exporte noch beflügelt haben. Allerdings deuteten die jüngsten Auftragsdaten auf eine Abschwächung im Sommerhalbjahr. „Dann kommen die realwirtschaftlichen Konsequenzen von Immobilienkrise und Finanzmarktturbulenzen nicht mehr allein in der Importnachfrage der USA zur Geltung, sondern sie strahlen auch auf andere wichtige Handelspartner Deutschlands aus“, schreiben die Forscher. 2007 hatten die Firmen vor allem ihre Ausfuhren nach Europa kräftig gesteigert und so die Verluste in die USA mehr als wettgemacht. Die Forscher vermuten, diese Kompensation könne ein Ende haben.
In ihrem Gutachten unterstellen die vier Konsortien für die Jahre 2008 und 2009 einen vergleichsweise hohen Wechselkurs von 1,58 $. Die Experten der Deka-Bank erwarten auf Sicht von drei Monaten zwar ähnliche 1,57 $. Aber während des kommenden Jahres rechnen sie mit einer deutlichen Abwertung auf 1,47 $. Damit hätten die Exportfirmen wieder mehr Luft als im Gutachten unterstellt. Und die Folgen für das Wachstum wäre geringer.
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