Financial Times Deutschland, 15.11.2007, Nr. 222, S. 18
Manchmal weiß man bei einer Preisvergabe nicht, wer sich mehr freut: Preisträger oder Preisverleiher. Als Philippe Aghion am Dienstag in München zum „Distinguished CES Fellow 2007“ erklärt wurde, war er zwar offenbar in guter Stimmung, fegte bei seinem Vortrag locker über die Bühne und dozierte mit so viel Elan, dass sich seine Stimme überschlug. Stolz aber waren die anderen: Mit Aghion komme „Harvard an die Isar“, sagte strahlend der bayerische Wissenschaftsminister Thomas Goppel.
Seit 1994 wählt das Center for Economic Studies (CES), das an die Ludwig-Maximilians-Universität und das Ifo-Institut in München angegliedert ist, jedes Jahr einen Ökonomen zum Distinguished CES Fellow. „Bahnbrechende Beiträge“ zur Forschung sollen sie geleistet haben. Aghion beschäftigt sich mit Wachstum, und seine bahnbrechendste Erkenntnis lässt sich wohl auf einen simplen Nenner bringen: Eine einzige Wachstumsformel gibt es nicht.
Manche seiner Aussagen könnten auch von Globalisierungskritikern stammen: Es dürfe kein fixes „Rezept“ für die wirtschaftliche Entwicklung verschiedener Länder geben, sagt Aghion. Er greift damit die in den 90er-Jahren von Internationalem Währungsfonds und Weltbank verfolgte Politik des sogenannten Washington Consensus an, die allen Schuldnerländern ähnliche strukturelle Reformen verordnete.
Oder das Thema Arbeitsmarkt: Zwar plädiert auch der Professor für flexible Arbeitsmärkte. Doch macht er sich durchaus auch Gedanken darüber, dass Flexibilität ziemlich „stressig“ sein kann für den einzelnen Arbeitnehmer. Einer Volkswirtschaft voller gestresster Menschen könne der Anreiz zu Innovationen fehlen – und damit der Weg zu mehr Wachstum versperrt sein. „Es scheint, dass das US-Modell eben nicht der eine Weg zum Wachstum ist“, sagt Aghion. Ihm erscheint das dänische System mit seiner „Flexicurity“ am attraktivsten – geringer Kündigungsschutz in Verbindung mit hoher Arbeitslosenhilfe. Den USA würde er das Modell dennoch nicht aufzwingen wollen: jedem Land die Wachstumsstrategie, die zu ihm passt.
Legitim findet Aghion, dass China derzeit, wie er sagt, auf „Wachstum durch Imitation“ statt auf „Wachstum durch Innovation“ setzt. Wobei mit Imitation hier nicht etwa Produktpiraterie gemeint ist, sondern dass China überhaupt technologisch aufholt – ähnlich wie Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, sagt Aghion. Immer wieder taucht in seinem Vortrag die Idee einer „technologischen Grenze“ oder „frontier“ auf, wie der in Frankreich geborene und seine Vorträge auf Englisch haltende Harvard-Ökonom mit einem französischen langen „e“ am Ende ausspricht. Die „frontier“ ist der neueste produktionstechnische Stand. Wer wie China noch weit davon entfernt sei, so der Ökonom, findet andere Volkswirtschaften, bei denen er sich Ideen für sinnvolle neue Produkte und effizientere Produktionstechniken abschauen kann. Wer allerdings schon auf dem neuesten Stand ist, wie die entwickelten OECD-Länder, der kommt nur mit Innovation weiter.
Das prägt auch die Wachstumsstrategie jedes einzelnen Landes. „Die Liberalisierung der Märkte, die Stärkung des Wettbewerbs und der Kampf gegen die Korruption sind in Europa für das Wachstum zentral, in Ländern wie China aber nicht das Wichtigste“, sagt Aghion. Dort seien ein funktionierendes Bankensystem und eine hohe Sparquote umso wichtiger.
Doch auch Demokratie und Menschenrechte hat Aghion im Blick: „Noch kommen die Chinesen ohne Demokratie voran“, meint er. Denn die Führung sei sich einig, wohin es gehen muss: den entwickelten Ländern hinterher. Innovative Entwicklungen aber bräuchten dezentrale Entscheidungen – und damit demokratische Strukturen. Irgendwann, glaubt Aghion, wird China vor der Wahl stehen: „Entweder wir werden demokratisch – oder uns geht der Dampf fürs Wachstum aus.“
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