Financial Times Deutschland, 11.02.2011, S. 4
Die bei uns herrschende Diskussion um Fördermittel für private Schulen kennen unsere Nachbarn aus den Niederlanden nicht. "Bei uns haben Eltern die Wahl, ihr Kind auf eine öffentliche Schule zu schicken oder auf private Schulen, die sich auf Weltanschauung und Religion stützen", erklärt Ruth Sijpestein von der Niederländischen Botschaft in Berlin. Etwa 70 Prozent der Schüler in den Niederlanden besuchen private Schulen.
Beide Schulformen erhalten gleichermaßen Geld vom Staat. In der Praxis heißt das: Die Regierung legt den Unterrichtsstoff für alle Schulen fest. Welches Konzept die einzelnen Schulen aber verfolgen und wie sie den Lernstoff vermitteln, bleibt ihnen selbst überlassen.
Eine staatliche Behörde prüft regelmäßig die Qualität der Lehrmethoden und Unterrichtseinheiten - und veröffentlicht anschließend die Ergebnisse. "So können Qualitätsunterschiede schnell festgestellt und weitere Schritte eingeleitet werden, wenn sich eine Situation nicht verbessert", sagt Harry Anthony Patrinos, Bildungsökonom bei der Weltbank.
Eltern können nicht nur frei wählen, auf welche Schule sie ihr Kind schicken, sondern auch relativ einfach selbst eine Schule gründen. "Wenn sich je nach Ortsgröße bis zu 337 Eltern zusammenschließen und eine Schulgründung vorschlagen, dann muss der Staat das finanzieren", sagt Patrinos. Räumlichkeiten stellt dann die Kommune zur Verfügung.
Im internationalen Vergleich schneiden niederländische Schüler gut ab. Im Pisa-Test beispielsweise sind ihre Ergebnisse in den drei Kategorien Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften seit Jahren besser als die von deutschen Schülern und liegen auch über dem internationalen Durchschnitt.
Das wundert Ludger Wößmann nicht. Der Bildungsökonom am Institut für Wirtschaftsforschung in München hat herausgefunden, dass Schüler in Ländern mit einem starken Privatschulsektor bessere Leistungen erbringen. Das gilt sowohl für öffentliche als auch für Privatschulen.
"Der Knackpunkt ist die zentrale Unterscheidung zwischen Trägerschaft und Finanzierung", sagt Wößmann, der auch einen Lehrstuhl an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität innehat. Wahlfreiheit zwischen Schulen und verschiedenen pädagogischen Konzepten rege den Wettbewerb zwischen den Schulen an, erklärt der Bildungsökonom. "Wenn eine Schule einen schlechten Ruf hat und keine neuen Anreize schafft, dann schicken Eltern ihre Kinder auch nicht dorthin."
In den Niederlanden ist die staatliche Förderung an die Schülerzahl und damit an das Interesse an einer Schule gekoppelt. So hätten Schulen ganz andere Möglichkeiten, auf die Wünsche der Eltern einzugehen, als das zum Beispiel in Deutschland möglich ist. Das Konzept Privatschule gewinnt dadurch eine ganz andere Bedeutung. Laut Wößmann kann das niederländische System ein gutes Beispiel für Deutschland sein. "Die Zahlen sprechen für den Erfolg", sagt der Bildungsökonom. Das gilt auch für andere Länder mit einem hohen Anteil an Privatschulen: In Belgien, Irland und Korea besuchen mehr als die Hälfte aller Schüler private Einrichtungen. "Öffentliche Finanzierung und private Trägerschaft - das ist offenbar das beste Konzept."
Von Melanie Hofmann
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