Financial Times Deutschland, 06.07.2010, S. 1
Die deutsche Wirtschaft trotzt der in weiten Teilen Europas drohenden Abkühlung. So legte der deutsche Einkaufsmanagerindex für den Servicesektor gestern zu, während das gleiche Barometer in Ländern wie Frankreich oder Spanien zurückging. Konkret stieg der entsprechende Index von 60,0 auf 61,6 Punkte.
Ein ähnliches Bild hatte sich zuletzt schon bei mehreren anderen wichtigen Konjunkturindikatoren wie den Auftragseingängen oder der Industrieproduktion gezeigt. Deutschland entwickele sich in diesem Jahr zum "Wachstumschampion der Euro-Zone", sagte Thomas Mayer, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank.
Auf Vorkrisenniveau Von der andernorts spürbaren Eintrübung ist in Deutschland bislang nichts zu merken: Autohersteller fahren Sonderschichten, in wichtigen Branchen wie der Chemie oder dem Maschinenbau stapeln sich die Aufträge. In einigen Sektoren ist bereits ein Niveau wie vor der Krise erreicht. "Deutschland hat allen Grund, optimistisch zu sein", sagte der Chef des Leverkusener Chemiekonzerns Lanxess, Axel Heitmann. Die Commerzbank glaubt, dass das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 2,5 Prozent zulegen wird. Das deutsche Wachstum werde deutlich über dem Schnitt der Euro-Zone liegen, sagte Klaus Baader, Europa-Chefvolkswirt der Société Générale.
Die Erfolgsstory basiert vor allem auf der kräftigen Nachfrage aus Übersee. "Die gute Positionierung der deutschen Wirtschaft in Asien beschert uns einen Wachstumsimpuls", sagte Mayer. Außerdem werde die Binnenkonjunktur durch die überraschend kräftige Erholung des Arbeitsmarkts gestützt. Andere EU-Länder seien nicht so gut aufgestellt, sagte Kai Carstensen, Konjunkturchef des Ifo-Instituts in München.
Keine Lokomotive Trotzdem haben die Experten wenig Hoffnung, dass die hiesige Wirtschaft in der Lage ist, das übrige Europa mitzuziehen - und damit die klassische Rolle einer konjunkturellen Lokomotive einzunehmen. "Damit der Rest der Euro-Zone profitieren kann, muss der deutsche Konsum auch endlich mal wieder wachsen", so Dirk Schumacher, Deutschland-Chefökonom von Goldman Sachs.
Umgekehrt bleibt die Frage, wie lange sich die deutsche Wirtschaft vom schwächelnden Rest abkoppeln kann. Spätestens im kommenden Jahr dürfte das Wachstumstempo nach Einschätzung der meisten Konjunkturexperten nachlassen. Allerdings: Dank eines vergleichsweise geringen Konsolidierungsbedarfs könnte die größte europäische Volkswirtschaft auch dann noch besser dastehen als andere Länder.
"Mittelfristig dürften die niedrigen Zinsen in Deutschland besonders stimulierend wirken, da wir keine großen strukturellen Verwerfungen zu bewältigen haben wie zum Beispiel Spanien", sagte Ifo-Experte Carstensen. Andere Ökonomen sind aufgrund der Exportabhängigkeit Deutschlands weniger optimistisch.
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