Financial Times Deutschland, 05.07.2007, Nr. 128, S. 16
Die Neuvergabe der Gemeinschaftsdiagnose wird die Konjunkturprognose in Deutschland verändern. Ob zum Besseren oder Schlechteren, darüber sind die Ökonomen uneins. „Wir sind sehr heterogen, das wird die Diskussion beleben und den Ergebnissen guttun", sagte Gustav Hörn, Konjunkturchef des Instituts für Makroökonomie und Konjunktur (IMK). Das IMK gehört zu den vier neuen Instituten, die künftig prognostizieren werden, wie sich Deutschland und die Welt in den kommenden Jahren entwickeln werden. Anfang der Woche hatte das Bundeswirtschaftsministerium entschieden, dass in den kommenden drei Jahren acht Institute - darunter drei aus Österreich und der Schweiz- die Gemeinschaftsdiagnose (GD) erstellen.
Beim österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) sieht der Leiter für Konjunktur und Makroökonomie, Ewald Walterskirchen, vor allem einen Lerneffekt. „Von der Bildung von Netzwerken und dem Erfahrungsaustausch profitieren alle Beteiligten", sagte Walterskirchen. Gebhard Flaig, scheidender Konjunkturchef des Ifo-Instituts, sieht eine Chance, dass sich die Prognosequalität weiter verbessert. Allerdings glaubt er auch, dass es künftig mehr abweichende Meinungen, also Minderheitsvoten, geben wird.
Damit widersprechen die Konjunkturchefs der teilnehmenden Institute Befürchtungen, dass die Konjunkturprognose künftig komplizierter wird und sich der Wettbewerb um die Gemeinschaftsdiagnose negativ auswirkt. Diese Sorgen äußerten einige Ökonomen angesichts von acht Instituten und acht Konjunkturchefs, die ab Herbst das Gutachten zur deutschen Konjunktur schreiben werden. Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), hält das Vorgehen für grundsätzlich falsch. Hier werde krampfhaft versucht, aus unterschiedlichen Ergebnissen eine einheitliche Prognose zu machen. Das aber verwische die Information. „Wissenschaftliche Erkenntnisse sollten nicht durch Abstimmung gewonnen werden."
Dieses Grundproblem der Gemeinschaftsdiagnose wird sich seiner Ansicht nach nicht durch eine offene Ausschreibung lösen lassen - im Gegenteil: Es werde noch wachsen. Besser wäre, wenn der Wirtschaftsminister drei unabhängige Prognosen in Auftrag gibt und sich dann selbst eine Meinung bildet, findet Straubhaar. Das HWWI, das lange Jahre mitorakelt hat, hatte sich deshalb bei der Ausschreibung nicht mehr beworben.
Die Kritik prallt an den Gewinnern der Ausschreibung ab. Sie betonen lieber die Vorteile. Rolf Langhammer vom Kieler Institut für Weltwirtschaft lobt, dass mit der Ausschreibung erstmals der „deutsche Dunstkreis verlassen wird". Die größere Varianz der Institute biete zudem bessere Möglichkeiten zur Spezialisierung.
Die drei ausländischen Institute sind zuversichtlich, dass sie Wesentliches zum Gemeinschaftsgutachten beitragen können. Das IHS in Wien will vor allem seine langfristigen Modelle in die Zusammenarbeit mit dem RWI einbringen. Neu ist nämlich, dass die Institute im Frühjahr eine Mittelfristprognose abgeben müssen. IHS- Leiter Bernhard Felderer sagt: „Wir können hier Expertise einbringen, welche in dieser Form derzeit am RWI nicht vorhanden ist."
Felderer verfügt über langjährige akademische Erfahrung in Deutschland. Er war 25 Jahre lang Professor in Köln und fünf Bochum.
Die schweizerische Konjunkturforschungsstelle KOF wird sich mit dem Ifo in erster Linie auf die Analyse der internationalen Konjunktur konzentrieren. Ähnlich gestaltet sich die Kooperation zwischen Wifo und IMK. Auch hier wird sich das ausländische Institut vorwiegend der Prognose der weltwirtschaftlichen Entwicklung widmen und so die Arbeit des IMK ergänzen.
Daneben profitieren alle neuen Institute finanziell von der Aufnahme in den Kreis der deutschen Konjunkturauguren. Das Glos- Ministerium will für die GD weiterhin jedes Jahr rund 1,3 Mio. € ausgeben.
„Das ist ein bedeutender Auftrag für uns, und der finanzielle Effekt ist beträchtlich", sagte der Leiter des KOF Jan-Egbert Sturm. Das Schweizer Institut erarbeitet sich rund 30 Prozent seines Etats über 5 Mio. Franken mit Auftragsforschung. Er erhofft sich zudem einen Bekanntheitsgewinn in Deutschland. „Wir bekommen durch den Auftrag ein Standbein in Deutschland, nur ein kleines zwar, aber immerhin."
Dass überhaupt ausländische Institute bei der Vorhersage der deutschen Konjunktur zum Zuge kommen, erklärt der Leiter für Konjunktur und Makroökonomie am Wifo mit der Internationalisierung der Wirtschaft. „Zur Vorhersage der deutschen Konjunktur muss heute verstärkt die Entwicklung im Euro-Raum berücksichtigt werden. Und diese Prognosen können ebenso gut von schweizerischen und österreichischen Instituten erstellt werden wie von deutschen". Zumal Schweizer und Österreicher die deutsche Konjunktur ohnehin sehr genau verfolgen. „Deutschland beeinflusst unsere Volkswirtschaften wie kein anderes Land", erklärte der Leiter des Wiener IHS.
Um Reibereien zu minimieren, haben sich alle Konsortien verpflichtet, während der Klausur mit nur einer Stimme zu sprechen. Ob das klappt? Darauf sind besonders die Verlierer der Ausschreibung gespannt. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) will weiter Prognosen abgeben und sich mit den anderen messen. Rolf Kroker, Leiter der Wirtschaftspolitik beim IW, gibt sich kämpferisch: „Wir werden unseren Hut wieder in den Ring werfen." Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) dagegen ist da noch nicht so sicher. 2010 wird die Gemeinschaftsprognose wieder ausgeschrieben.
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