Financial Times Deutschland, 02.03.2007, Nr. 44, S. 26
Man kommt mit den Superlativen kaum nach. Die deutsche Wirtschaft wächst seit Monaten schneller als die amerikanische. Die Arbeitslosigkeit fällt im Nachkriegsrekordtempo. Die Beschäftigung ist trotz aller Entlassungspläne einzelner Unternehmen per saldo so hoch wie nie in Deutschland. Schon ist die Rede vom längsten Aufschwung seit Jahrzehnten - und von Arbeitslosenzahlen unter der Drei-Millionen-Grenze.
Verfallen die Deutschen nach Jahren grotesker Absturzprophezeiungen in das andere Extrem? Mag sein. Jeder Aufschwung stößt irgendwann an Grenzen. Könnte aber sein, dass diese tatsächlich noch ein ganzes Stück weiter weg sind, als es Strukturskeptiker bisher erklärt haben. Dann würden die abstrakten Zahlenrekorde bald auch im wirklichen Leben noch weitaus eindrucksvoller spürbar.
Überholte Potenzialschätzungen Nach gängigen Schätzungen müsste bald wieder Schluss sein. Danach hat Deutschland dauerhaft nur Potenzial für ein Prozent Wachstum, wovon nur kurzzeitig bei toller Konjunktur abgewichen werden könne. Nach dem guten Jahr 2006 liegt allerdings schon jetzt der mehrjährige Schnitt wieder bei einem Prozent.
Skepsis müssten auch die eifrigen Schätzungen der OECD auslösen, wonach 2005 nur 20 Prozent der Arbeitslosigkeit konjunkturbedingt waren. Das wäre bei der Zahl von damals fünf Millionen Arbeitslosen rund eine Million. Die ist schon jetzt zu fast 90 Prozent durch den Aufschwung abgebaut. Der Rest gilt als strukturbedingt, sprich: durch gute Konjunktur, gar nicht mehr wegzukriegen.
Das Gute an solchen ökonomischen Fatalismusausflügen ist, dass sie auf vergangenen Durchschnitten basieren und in Aufschwüngen oft schneller obsolet sind, als es die Ökonomen merken. Für die USA kalkulierten die OECD-Experten Ende 2005, dass die Wirtschaft zwei Prozent schneller wachse als dauerhaft tragbar. Heute ist klar, dass das Potenzial dramatisch unterschätzt wurde. So blieb die US-Wirtschaft 1995 in Wirklichkeit zwei Prozent unter ihren Kapazitäten. Ähnliches gilt für die unabbaubare Arbeitslosigkeit. Laut OECD lag diese Quote bei den Briten Ende der 80er-Jahre bei neun Prozent Dann wurde sie rapide nach unten revidiert - auf rund fünf Prozent. Ohne dass sich die Arbeitsmarktstrukturen stark geändert hätten. Wie schnell so etwas auch hier gehen könnte, lässt die Erfahrung Ende der 80er erahnen. Damals sank die Arbeitslosenquote dank Konjunktur bis auf international vergleichbare 4,2 Prozent. Dabei war Deutschlands Arbeitsmarkt damals bestimmt nicht flexibler als heute.
Jetzt könnte sein, dass die Firmen bald trotzdem einfach keine Kapazität mehr für den Aufschwung haben. Nach Ifo-Erhebungen erreicht die Auslastung im Schnitt fast 88 Prozent - im New-Economy-Boom waren es bestenfalls gut 86 Prozent. Enorm: Erstmals seit Jahrzehnten sagen mehr Betriebe, dass ihre Kapazitäten in Kürze knapp werden, als umgekehrt.
Das Ding ist nur, dass das nach aller Erfahrung eher ein gutes als ein schlechtes Omen für die Aufschwungverlängerung ist. Nach Studien des Ifo-Ökonomen Klaus Abberger sind Kapazitätsengpässe ein enorm guter Indikator und Auslöser für Investitionsschübe. Nach Diagnose der KfW Bankengruppe haben die Firmen ihre Investitionen 2006 erstmals seit Jahren netto erhöht - um mehr als 50 Prozent - und so das „langfristige Wachstumspotenzial" gestärkt. Noch besser. Wenn das Potenzial durch konjunkturbedingte Investitionen wächst, kann das erklären, warum im Aufschwung alle Potenzialschätzungen rapide obsolet wirken.
Bliebe als ernst zu nehmende Gefahr die Unsicherheit, ob die Deutschen genug Arbeits- und Fachkräfte haben. Was angesichts von vier Millionen Arbeitslosen erst mal absurd klingt - und Skeptiker dennoch nicht abhält zu warnen. Wo doch ein Drittel aller Arbeitslosen ohne Ausbildung seien und 40 Prozent über ein Jahr ohne Arbeit. Im Maschinenbau berichten mehr Firmen als 2000, ihre Produktion werde durch Kräftemangel behindert. Bei IT-Dienstleistern sagen das bereits 27 Prozent der Firmen.
Weniger als drei Millionen Arbeitslose Ein Problem, aber kein Grund, den Aufschwung abzuschreiben. Wenn ein Drittel der Arbeitslosen keine Ausbildung hat, bedeutet das, dass fast drei Millionen Jobsuchende alles andere als gering qualifiziert sind. Wenn gut 40 Prozent ein Jahr oder länger arbeitslos sind, gibt es zweieinhalb Millionen Leute, die noch gar nicht so lang aus dem Berufsleben heraus sind.
Mitte der 80er-Jahre fielen in Deutschland fast 50 Prozent aller Arbeitslosen in die Kategorie „ohne Berufsausbildung", mehr als heute. Das hat nicht verhindert, dass es anschließend zum Jobboom kam. Warum nicht wieder? Im Februar 2007 gab es - nach nur einem Jahr Aufschwung - fast 200 000 weniger Langzeitarbeitslose. Gut zehn Prozent Minus.
Im fortgesetzten Aufschwung könnte das diesmal sogar besser funktionieren als Ende der 80er. Damals gab es weder so viele Tarifverträge mit Öffnungsklauseln noch stark vereinfachte Zeitarbeitsregeln, Minijobs oder alle Möglichkeiten für befristete Verträge. Im Aufschwung dürften sich sogar jene Hartz-Reformen noch auszahlen, die 2005 absurd waren, weil es mangels Aufschwung noch gar keine Stellen gab, auf die Arbeitslose gedrängt werden konnten. Das ist bei jetzt 1,2 Millionen offenen Stellen anders.
Klar, all das wird nicht ewig weitergehen. Doch einiges spricht dafür, dass die Deutschen noch Potenzial haben und der Arbeitskräftemangel ganz so akut noch nicht ist - eher etwas für weitsichtige Politiker und Personalstrategen. In den nächsten ein, zwei Jahren wird der Aufschwung daran nicht zugrunde gehen. Das würde für ein deutsches Wunder ja schon reichen. Wenn die Arbeitslosigkeit weiter so schnell fällt wie im Schnitt der vergangenen zwölf Monate, wird im Frühjahr 2008 die Zahl von drei Millionen Arbeitslosen unterschritten. Wenn überhaupt, liegen die Gefahren woanders. Fortsetzung folgt.
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