Frankfurter Rundschau, 04./05.10.2008, Nr. 232, S. 23
Das böse R-Wort: Rezession. Die Angst geht um. Doch so schnell geht es den Konjunkturexperten des Münchner Ifo-Instituts nicht über die Lippen. Formal, sagt Klaus Abberger, reicht es, wenn die Wirtschaftsleistung in zwei Quartalen hintereinander schrumpft. In Deutschland war das zweite Vierteljahr 2008 schon so ein ökonomischer Rohrkrepierer, das dritte droht ebenfalls mit einem Minus abgerechnet zu werden. In einem auf Wachstum abonnierten Wirtschaftssystem heißt das: Die Alarmglocken schrillen.
Doch Volkswirt Abberger nimmt Dramatik aus der Sache. "Eine echte Rezession ist mehr." Keine weiche Landung, sondern ein Absturz - und mit wachsender Arbeitslosigkeit verbunden. Das sei, trotz heißlaufender Bankenkrise, aktuell noch nicht in Sicht. Rezession - 2009 könnte das aber passieren, falls die Abschwungphase nicht endet. Das Warnsignal: Der Auftragseingang der Industrie sinkt seit neun Monaten. Allerdings: "Das Polster ist noch groß." Die Ifo-Noten: Chemie gut, Metallindustrie und Maschinenbau gut, Fahrzeugbau je nachdem, nämlich: Pkw eher mies, Lastwagen noch ganz gut. Das, sagt Abberger, sind die Branchen, auf die es in Deutschland besonders ankommt.
Das Ifo ist als Konjunktur-Orakel die ganz große Nummer. Der Geschäftsklima-Index des Instituts im noblen Münchner Stadtteil Bogenhausen, das der Universität assoziiert ist, stellt das quasi halbamtliche Bulletin zum Gesundheitszustand der deutschen Wirtschaft dar. Einmal im Monat kommt es heraus, und alle, vom Analysten an der Börse bis zum Zinsfestsetzer bei der Europäischen Zentralbank, sind hoch gespannt, was die Truppe von Ifo-Chef Hans-Werner Sinn ermittelt hat.
Die Sache an sich ist eigentlich unspektakulär, wird aber durchgeführt wie eine geheime Staatsaktion. Grund: Daumen rauf kann die Aktienkurse treiben, Daumen runter sie rasieren. 7000 repräsentative Unternehmen aus den Sektoren Industrie, Bau-, Groß- und Einzelhandel füllen monatlich einen standardisierten Fragebogen aus, in dem sie ihre aktuelle Geschäftslage beurteilen und die Erwartungen für das nächste halbe Jahr angeben. Sie können sich entscheiden zwischen gut, befriedigend, schlecht respektive günstiger, gleichbleibend, ungünstiger.
Die Daten laufen beim Institut ein, doch erst am Tag der Veröffentlichung werden sie frühmorgens ausgewertet. Dann folgt das Ritual. Um 8.45 Uhr trifft sich Abberger mit dem Ifo-Konjunkturchef und Ifo-Boss Sinn im ehrwürdigen Haupthaus des Instituts. Die Bewertung wird abgestimmt. Und ab geht die Post.Sinn, der bekannte neoliberale Sittenwächter der Ökonomie, garniert sie mit einem Satz wie: "Der Index setzt seinen Abwärtstrend mit Riesenschritten fort."
Im September war er nämlich auf den schlechtesten Stand seit 2003 gefallen. Das R-Wort aber fehlte.Andere Ökonomen nehmen es schon in den Mund, der Chef-Volkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, zum Beispiel. Er sagt: "Eine Rezession ist für die alte Welt, also USA, Europa, Japan, nicht mehr zu vermeiden." Denn: "Da ist zu viel schiefgegangen."
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