Frankfurter Rundschau, 04.01.2011, S. 3
Es ist ein endloses Mantra: Seit vielen Jahren beklagen Bildungsforscher mangelnde Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem. Und jede neue Studie bringt wieder an den Tag: Es tut sich nichts. "Das kann man so nicht sagen", betont Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Ifo-Institut. "Schließlich haben wir das Recht auf einen Kindergartenplatz für Dreijährige und auch von der Leyens Krippenprogramm war ein großer Schritt. Doch es wäre zu viel verlangt, wollte man schon jetzt Ergebnisse sehen. Das braucht einen langen Atem."
Abwarten könne man aber auch nicht einfach: "Die Programme konzentrieren sich viel zu wenig darauf, auch die bildungsfernen Schichten zu erreichen." Wenn 92 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen einen Kindergarten besuchen, sei das zwar gut. "Aber es kommt doch genau auf jene an, die nicht kommen. Wir trauen uns in Deutschland noch viel zu wenig, diese Schichten mit Nachdruck zu motivieren, ihre Kinder in die Betreuung zu schicken." Stattdessen fordere die CSU ein Betreuungsgeld für die Erziehung zu Hause. "Das ist kontraproduktiv, weil es die falschen Familien ermuntert, ihre Kinder daheim zu lassen." Gezielte Förderprogramme hätten aber vor allem bei Kindern aus bildungsfernen Familien positive Effekte.
Auch die schlechte Informationspolitik in der föderalistischen Bildungsrepublik hält Wößmann für ein Problem: "In manchen Bundesländern ist ein Jahr Kindergarten kostenlos, in einem sogar drei Jahre, in anderen sorgen viele Gemeinden für eine soziale Staffelung der Gebühren, aber weil das überall anders geregelt ist, kommen die Informationen bei den ärmeren Familien oft nicht an. Das sind so Punkte, da tut Föderalismus schon weh."
Gründe für den im deutschen Schulsystem verankerten Chancentod nennt auch Bildungsforscherin Heike Solga vom Wissenschaftszentrum Berlin in ihrem Aufsatz "Wie das deutsche Schulsystem Bildungsungleichheiten verursacht". So sorge die deutsche Halbtagsschule dafür, dass die Familie beim Bildungserfolg eine größere Rolle spiele als in Ländern mit Ganztagsschulen. Auch die frühe Aufteilung im dreigliedrigen Schulsystem verstärke die Schicht-Unterschiede. Hauptschülern fehlten positive Rollenmodelle, weil sie "im Schulalltag kaum auf Mitschüler aus anderen sozialen Schichten treffen".
Die Iglu-Studie 2006 habe gezeigt, dass Kinder aus höheren Bildungsschichten bei gleicher Leistung eine fünfmal höhere Chance hätten, eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, als ihre Mitschüler. Solga schließt: "Je mehr hierarchisch gestufte Verzweigungen es in einem Bildungssystem gibt, desto größer die Gefahr, dass leistungsschwache Schüler nach unten weitergereicht statt gefördert werden."
Von Frauke Haß
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