Focus Schule, 06/07.2008, Nr. 4, S. 12-14
Jedes Jahr im Januar setzt sich in Deutschland die große Elternkarawane in Bewegung. Auf der Suche nach einer geeigneten weiterführenden Schule für ihre Kinder besucht sie Informationsabende, nimmt „Tage der offenen Tür" wahr, konsultiert Freunde und Nachbarn und wühlt sich im Internet durch die Web-Seiten der in Frage kommenden Realschulen, Gesamtschulen oder Gymnasien. Die Zeiten, als Eltern schlicht die nächstgelegene Schule wählten, sind längst vorbei. Die einen legen Wert auf multikulturelle Orientierung, Laptop-Klassen und gesundes Essen in der Mensa, die anderen auf Anti-Mobbing-Kurse oder jahrgangsübergreifenden Unterricht, der es eher ermöglicht, individuelle Stärken zu fördern und Schwächen auszugleichen.
Keine Frage: Die 'Vielfalt der schulischen Angebote ist eine positive Entwicklung, denn sie erlaubt es, auf individuelle Begabungen und Bedürfnisse der Kinder besser einzugehen. Aber unter allen möglichen Angeboten das richtige zu wählen, wird den Eltern im föderalen deutschen Bildungssystem nicht leichtgemacht. Einige Bundesländer hüten ihre Schülerzahlen, ihre Abiturdurchschnittsnoten, ihre Leistungsvergleiche zwischen den Schulen oder ihre Daten über den Unterrichtsausfall wie Staatsgeheimnisse.
Andere bemühen sich seit Jahren um mehr Transparenz. Bereits 1999 befragte der Bildungsforscher Rainer Lehmann Schulen im Auftrag der „Berliner Zeitung" nach dem Zustand von Gebäuden und Lehrmitteln sowie nach der Anzahl der Schüler pro Lehrer und pro Computer. Mittlerweile gibt Berlin sogar seine Migrantenquote bekannt - inklusive Aufschlüsselung nach Herkunftskontinent. Brandenburg und Sachsen legen in ihren Schulporträts unter anderem Prüfungsergebnisse, Fehlzeiten und Wiederholerquote offen. Dennoch: In kaum einem anderen westlichen Land erregt der Wunsch nach nachvollziehbaren Kriterien für die Bewertung einer Schule mehr Unmut als in Deutschland.
Schulen beurteilen wie Fußballclubs? Wie heikel das Thema ist, beweist die Diskussion, die der Aufbau einer Online-Datenbank von FOCUS-SCHULE schon im Vorfeld auslöste (vgl. Kasten rechts). Dabei ist es in anderen europäischen Staaten und den USA längst üblich, bewertende Ranglisten, sogenannte Rankings, zu veröffentlichen. In Frankreich druckt das Nachrichtenmagazin „LExpress" regelmäßig die vom zuständigen Ministerium zur Verfügung gestellten Daten ab. In England werden die in „The Times" veröffentlichten „league tables" der Schulen ähnlich sehnsüchtig erwartet wie die Tabellenpunkte der Fußballclubs.
„Die falsche Schule ist für alle Beteiligten eine Tragödie", sagt der Erlanger Schulforscher Werner Sacher (vgl. Interview S. 13) und weiß sich darin mit vielen Eltern einig. Der wissenschaftliche Berater bei der Entwicklung der FOCUS-SCHULE-Datenbank hält es aber für wenig sinnvoll, in einem Ranking die beste Schule zu küren, weil Eltern unterschiedliche Wertvorstellungen haben und jeder Schüler anders mit speziellen Anforderungen umgeht. Für ihn geht es immer darum, „ die passende Schule" zu finden. Aus diesem Grund fordert er und viele seiner Kollegen detailliertere Informationen und größere Transparenz des Schulsystems.
Wenn die schulische Geheimniskrämerei mit Erfordernissen des Datenschutzes begründet wird, hält Sacher das für ein „Killerargument". Im konkreten Fall muss man sich das so vorstellen: Werden beispielsweise die Unterrichtsausfälle in einer Zwergschule mit nur einer Klasse pro Stufe veröffentlicht, dann könne der Lehrer als Verursacher des nicht gehaltenen Unterrichts identifiziert werden. Ob dessen Daten auf diese Weise wirklich geschützt werden, ist allerdings fraglich. Schließlich wissen sowieso alle Eltern Bescheid, deren Kinder morgens um elf Uhr schon wieder vor der Haustür stehen. Der Verdacht liegt nahe, dass mit dem Datenschutzargument lediglich verhindert werden soll, dass elf Millionen Eltern mit neun Millionen schulpflichtigen Kindern erfahren, wie häufig der Unterricht in einer Schule wirklich ausfällt.
Ähnlich verhält es sich mit der Befürchtung, zu viel Information führe zu Fehlinterpretationen. Da wird beispielsweise argumentiert, wenn eine Schule im Leistungsvergleich schlecht dastehe, spiegle dies nicht unbedingt die mangelnde Qualität wider. Ein großer Anteil von Schülern aus sogenannten bildungsfernen Schichten könnte der wahre Grund sein. Um dieser Gefahr vorzubeugen, fordern Experten wie Wilfried Bös, Direktor des Instituts für Schulentwicklungsforschung in Dortmund, den kulturellen und ökonomischen Hintergrund von Schülern zu berücksichtigen. In seiner Studie setzte er die Leistungsergebnisse der Schüler in Beziehung zu ihrem sozialen Umfeld. Mit Hilfe dieses Sozialindex gelang ihm eine realistische Bewertung der besten Hamburger Grundschulen mit ähnlicher sozialer Zusammensetzung.
Generell mehr Konkurrenz wünscht sich Ludger Wößmann, Ökonom am Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, in seinem Buch „Letzte Chance für gute Schulen". Aus internationalen Vergleichen weiß er, „dass die Schülerinnen und Schüler wesentlich besser abschneiden, wenn ihr Schulsystem durch Transparenz und Wettbewerb gekennzeichnet ist "..Nur so könne der Anreiz geschaffen werden, die Schulen zu verbessern. Dafür, so Wößmann, müssten sich Eltern über das wahre Leistungsspektrum einer Schule informieren können. „Schulentscheidungen im Blindflug" hält er für den falschen Weg.
Die FOCUS-SCHULE-Schuldatenbank versucht dieses Defizit in Deutschland auszugleichen und sammelt Fakten und Bewertungen aller weiterführenden Schulen (siehe S. 16). Fazit: Wir haben viele gute Schulen mit besonderen Profilen. 84 davon stellen wir beispielhaft ab Seite 19 vor. • GABY MIKETTA/NINA MECKEL
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