Focus Money, 02.06.2010, S. 14
Es gibt nichts, was es nicht gibt. Zumindest in Deutschland. Hierzulande werden Zuschüsse für Werften bezahlt. Warum? Hierzulande müssen kleine Brennereien weniger Branntweinsteuer als große zahlen. Warum? Hierzulande bekommen Fischer Staatshilfe für neue Kutter. Warum? Ja, warum eigentlich? Genauso wenig ist es nachvollziehbar, warum Zahntechniker nur einen ermäßigten Steuersatz zahlen müssen. Für Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts, sind die meisten Vergünstigungen und Zuschüsse nur unnötige Einnahmeverluste und unnötige Ausgaben. "Subventionen sind grundsätzlich von Übel!", wettert der Ökonom.
Sinn fordert nun wegen der Schuldenkrise von den europäischen Regierungen gravierende Sparmaßnahmen und rigorose Subventionskürzungen. Allerdings sei von Merkel , Sarkozy & Co. viel Fingerspitzengefühl gefragt. Sparen sie zu viel und zu schnell, besteht die Gefahr, dass sie die Wirtschaft abwürgen. Sparen sie zu wenig und zu langsam, besteht die Gefahr, dass sie die Stabilitätskriterien nicht einhalten können. Was aber ist der ideale Mittelweg? "Es gibt keinen idealen Mittelweg, denn die Finanzmärkte sitzen den Staaten im Nacken", sagt Kai Carstensen, Konjunkturchef vom Ifo-Institut, gegenüber FOCUS-MONEY. "Das alles wird die Konjunktur in Mitleidenschaft ziehen." Noch einen Schritt weiter geht Norbert Walter. Der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank erwartet in den kommenden Jahren eine "ökonomische Eiszeit" in Europa: schwaches Wachstum, schwache Kapazitätsauslastung, schwache Inflation. Viele Möglichkeiten haben die Regierungen deshalb nun nicht. "Die Länder, die weniger entschlossen konsolidieren, könnten durch die Kapitalmärkte abgestraft werden", warnt Andreas Rees, Chefökonom bei der Unicredit.
Alle Aktien verkaufen? Während sich die Volkswirte über die wirtschaftliche Entwicklung einig sind, streiten sie über die Entwicklung des Aktienmarkts. "Wir empfehlen, Schwächephasen zu nutzen, um Aktienpositionen aufzustocken", heißt es bei der Commerzbank. "Aus Gründen der Vorsicht sollte dem Kapitalerhalt Priorität gegeben werden", rät hingegen die Unicredit. Auf Deutsch: Alle Aktien verkaufen! Heute! Jetzt!
Ulrich Kater hält dies für Panikmache. "Die Aktienmärkte haben Angst vor einer zweiten Rezession in Euro-Land. Angesichts der weltweiten Erholungsdynamik halten wir dies für etwas übertrieben", so der Chefvolkswirt der DekaBank. Die Peripherieländer hätten nicht so viel Gewicht, dass sie die gesamte Euro-Zone in die Tiefe reißen könnten. "Der Schwung wird abgebremst, ein Rückfall in die Rezession ist aber nicht in Sicht", so Ökonom Kater.
Wie auch immer: Die Sparmaßnahmen werden die Wirtschaft belasten. Gerade noch ein Prozent Wachstum traut der Internationale Währungsfonds (IWF) dem Euro-Raum 2010 zu - die Weltwirtschaft dürfte mehr als viermal so schnell wachsen. Ähnlich urteilt Thomas Mayer. "Die dramatische Eskalation hat uns in der Auffassung bestärkt, dass der Konsens für Europa zu optimistisch in Bezug auf das Wachstum ist", sagt der Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Deshalb reduzierte er nun seine BIP-Prognose für 2010 von 1,1 Prozent auf 0,9 Prozent und für 2011 von 1,2 Prozent auf ein Prozent nach unten. Das liege an der erneut aufflammenden Vertrauenskrise und einer erneut aufflammenden Kreditklemme in Europa. "Beide werden die Binnennachfrage dämpfen", urteilt Mayer.
"Deutsche Wirtschaft gut aufgestellt." Für Deutschland ist er zuversichtlicher. "Die Konjunktur in Deutschland läuft (noch) wie geschmiert", schreibt Mayer in seiner jüngsten Deutschland-Studie. Für das Wachstum seien die starken Exporte und der schwache Euro verantwortlich. Somit scheint für Mayer die Wachstumsprognose von zwei Prozent für 2010 gut abgesichert zu sein. "Eher sehen wir die Chance, dass das Wachstum kräftiger ausfällt", so Mayer. Unterstützung bekommt er von Carstensen. "Die deutsche Wirtschaft ist relativ gut aufgestellt", so der Ifo-Ökonom. Verglichen mit den Defizitländern, gelte das auch für die öffentlichen Haushalte. "Daher sind die notwendigen Anstrengungen hierzulande nicht ganz so groß, die Dämpfung der Wirtschaft nicht so drastisch."
Das alles macht Andreas Hürkamp Mut. "Für das Nachrezessionsjahr 2010 hatten wir geraten, vor allem Schwächephasen zu nutzen, um Aktien zu kaufen", sagt der Aktienstratege der Commerzbank. Trotz der Schuldenkrise hält Hürkamp an seiner Strategie fest. Das hätte drei Gründe: Erstens würde das schwache Wachstum der Euro-Wirtschaft durch den kräftigen Aufschwung in Asien mehr als kompensiert werden. Zweitens würde die globale Nachfrage die Unternehmensgewinne ankurbeln. Und drittens liege das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) europäischer Aktien mit elf um 30 Prozent unter dem 10-Jahres-Durchschnitt. "Die neue Unsicherheit an den Aktienmärkten stellt für uns eine Nachkaufgelegenheit dar", so Hürkamp.
Was aber nun kaufen? "Nun ist es wieder an der Zeit, sich auf defensive Branchen zu konzentrieren", schreiben die Aktienexperten der Unicredit in ihrem "Marktausblick 2010". Sie raten, Versorger (RWE, E.on), Telekomaktien (Telefónica, Vodafone), Öl- und Gaswerte (Total, BP), Nahrungsmittelhersteller (Nestlé) und Konsumgüterpapiere (Beiersdorf, L'Oréal) zu kaufen. Wegen der "sehr robusten Verfassung" sind die Unicredit-Strategen auch für die chemische Industrie (BASF, Symrise, Lanxess) zuversichtlich gestimmt. Ansonsten sind die Börsenprofis für keine andere zyklische Branche mehr bullish. "Die defensiven Sektoren überzeugen mit einer hohen Nachhaltigkeit und Stabilität in der Gewinnentwicklung", so die Unicredit.
Sehr skeptisch sind die Analysten hingegen bei den konjunkturabhängigen Industriezweigen wie der Automobilbranche oder dem Maschinenbau. "Die Spannungen in Europa wegen der Schuldenkrise werden zu einer Wachstumsverlangsamung führen und über die gegenseitige Exportabhängigkeit auch die Kernländer der Europäischen Union negativ tangieren", sagt Unicredit-Analyst Christian Stocker.
Schlechteres Chance-Risiko-Verhältnis. Somit sollten nur die Anleger jetzt Aktien kaufen, die auch über einen langen Atem verfügen. Investoren mit schwächeren Nerven sollten eher vorsichtig handeln. "Es besteht weiterhin die Möglichkeit, dass die Spannungen in Europa zu einer Glaubwürdigkeitskrise eskalieren und starken Druck auf die Aktienkurse ausüben könnten", prophezeit Unicredit-Aktienstratege Tammo Greetfeld. Darüber hinaus würden volkswirtschaftliche Sentiment-Barometer (Ifo-Index, OECD-Indikator) auf ein deutlich verschlechtertes Chance-Risiko-Verhältnis für den Aktienkauf hinweisen.
"Wie wahrscheinlich ist es, dass sich der gegenwärtige Konjunkturoptimismus auf Sicht der kommenden drei bis sechs Monate noch weiter steigern lassen wird?", fragt Unicredit-Mann Greetfeld. Antwort: "Die Chancen sind gering und eine Verschlechterung sehr wahrscheinlich." Die Chancen auf steigende Kurse waren allerdings auch im Frühjahr vergangenen Jahres gering - und die Aktienmärkte explodierten.
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