Focus, 19.06.2006, Nr. 25, S. 122
Auf dem Bildschirm von Gebhard Flaig ist das positive Signal deutlich zu erkennen. Zumindest für den Fachmann. Es besteht aus dem Abstand zweier Kurven - der Differenz zwischen dem prognostizierten Wirtschaftswachstum und der mittelfristigen Trendwachstumsrate. 1,8 Prozent minus 1,2 Prozent. Die Rechnung ergibt ein Plus - den Aufschwung.
Gebhard Flaig, ein freundlicher Herr mit silbernen Haar und goldener Krawatte arbeitet in einer Villa im Münchner Herzogpark, in der einst der große Dirigent Bruno Walter lebte. Der 54-Jährige ist oberster Konjunkturexperte und einer der Vorstände des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung.
Teure Limousinen parken auf der Straße. Ein paar Häuser weiter hat sich gerade der Banker Alexander Dibelius aufwändig die einstige Villa des Dichters Thomas Mann rekonstruiert. Aber Gebhard Flaig misstraut dem Augenschein, er hütet sich davor, vom Herzogpark auf die Republik zu schließen, und hält sich lieber an seine Statistiken. Ölpreise, Zinssätze, Wechselkurse, Unternehmensdaten speisen seine Mitarbeiter in ihre Computer. In komplexen Modellen versuchen sie, die Mechanik der Weltwirtschaft zu berechnen, ähnlich wie Meteorologen das Klima der Zukunft. Flaig betreibt die Kunst der Abstraktion.
„Fragil" sei der Aufschwung „bislang", meint der moderne Augur, jedes Wort sorgfältig wägend. Aber wahrscheinlich trage er noch ein, zwei Jahre, auch über die Mehrwertsteuererhöhung hinweg. Vielleicht komme er aus sich selbst heraus. In den Rechnungen stecke freilich ein „fast schon ernüchternder" Prognosefehler von durchschnittlich 0,5 Prozentpunkten. Und auch eine wachsende Wirtschaft werde die millionenfache Arbeitslosigkeit nicht deutlich mindern können. Dazu müssten die Löhne sinken und der Kündigungsschutz gelockert werden. Eines scheint gewiss, wenn die Modelle vom Auf und Ab zwischen Konjunktur und Rezession stimmen: „Selbst wenn wir einen wirklich schönen Aufschwung haben", sagt Flaig, „müsste es spätestens nach 2008 schon wieder runter gehen."
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