Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2007, Nr. 237, S. 17
Die bisherige Deutsche Politik zur Reduzierung der Treibhausgase ist wirkungslos, glaubt der, Präsident des Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts Hans-Werner Sinn. "Nicht Kanzlerin Merkel, sondern Venezuelas Staatspräsident Hugo Chávez, Irans Präsident Ahmadineschad und die Ölscheichs oder die Oligarchen von Russlands Präsident Putin bestimmen, wie schnell sich die Erde erwärmt", sagte Sinn in der Thünen- Vorlesung des Vereins für Socialpolitik (VfS). Eine Politik, die einzig die Öl- Nachfrageseite betrachte, lasse etwas Wichtiges außen vor: die Angebotsseite. Wenn die Deutschen oder Europäer allein weniger Öl verbrauchten, dann verschaffe ihnen das "vielleicht ein gutes Gewissen, aber das ist ökonomisch naiv". Durch das Kyoto-Protokoll werde nur 29 Prozent des weltweiten Ausstoßes von Kohlendioxid (CO2) wirksam beschrankt. Das Angebot von Erdöl sei recht starr. "Was also die einen Länder einsparen, das nehmen dann die anderen Länder." Wie Sinn mit Hinweis auf die Theorie der "intertemporalen Allokation von endlichen natürlichen Ressourcen" erklärte, sieht er mehrere Arten von Marktversagen beim Geschäft mit Öl. Die Theorie sagt, dass die Eigentümer der Ressourcen ihre Fördermenge so wählen, dass der Barwert ihrer Erträge über die Zeit maximiert wird. "Allerdings gehören 75 Prozent der Ölreserven der Welt irgendwelchen Potentaten", beklagte Sinn. Und die könnten sich ihrer Eigentumsrechte nie sicher sein, da sie jederzeit von Rivalen gestürzt werden könnten. Daher wählten sie einen zu schnellen, hastigen Ressourcenabbau, um kurzfristig so hohe Ertrage wie möglich zu erzielen. "Bei unsicheren Eigentumsrechten haben wir einen harten Marktfehler", sagte Sinn vor mehreren hundert deutschsprachigen Ökonomen auf der VfS-Jahrestagung in München.
Die angebotsseitige Betrachtung führe zu grundsätzlich anderen Ansätzen, als sie die gegenwärtige Politik verfolge. "Wenn die Welt immer grüner wird und stetig steigende Steuern auf Öl erhebt, dann werden die Ölscheichs noch schneller verkaufen, und der Klimawandel wird beschleunigt", sagte Sinn. Darin liege "das grüne Paradoxon". Besser wäre es, sofort sehr hohe Steuern zu erheben, die in Zukunft immer geringer werden, um so die Förderung und den Verbrauch von Öl zeitlich zu strecken. Allerdings sei diese Lösung nicht realistisch, da der umweltpolitische Aktionismus zunehme. Auch die Hoffnung, alle Steueroasen für Ölgelder zu schließen, werde nicht so bald zu verwirklichen sein.
Zwei mögliche Ansätze zur Verlangsamung des Klimawandels sieht Sinn, die beide aber mit großen Schwierigkeiten verbunden seien. Zum einen könne man ein "Monopson", ein Nachfrage-Monopol, schaffen. Mit einem neuen, lückenlosen Kyoto-Protokoll könne man den Kohlendioxidausstoß weltumfassend regeln. "Das ist zwar auch fragwürdig, weil eine solche zentrale Planungswirtschaft tausend andere Probleme bringt, aber doch wohl unvermeidbar", sagte Sinn. Zum anderen wirbt er für eine Bindung und Lagerung von Kohlendioxid in unterirdischen Speichern und neuen Wäldern. Jährlich musste netto eine Flache von der Größe Irlands aufgeforstet werden, um die nötige Menge Kohlendioxids zu binden. "Gegenwärtig tun wir aber genau das Gegenteil und holzen weiter Wälder ab, was jährlich 18 Prozent des gesamten CO2- Ausstoßes ausmacht."
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