Euro am Sonntag, 03.07.2010, S. 6
Trotz der Schuldenkrise in Europa hat die deutsche Industrie das hohe Wachstumstempo gehalten. Seit Jahrebeginn sei die Kapazitätsauslastung deutlich hochgefahren worden und nähere sich dem langfristigen Durchschnitt, sagte der Konjunkturexperte des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo), Kai Carstensen, dieser Zeitung. Zwar dominierten derzeit noch die Ersatzinvestitionen. Mit der weiter steigenden Auslastung dürften in den kommenden Monaten jedoch auch Ausgaben für die Erweiterung der Produktion wieder ein Thema werden.
Die Erholung wird schon seit einigen Monaten von der Chemiebranche angeführt. "Dort wird auch bereits über den Ausbau des Personalstamms nachgedacht", sagte Carstensen. In einer Umfrage dieser Zeitung bei den Unternehmen aus DAX und MDAX zur Entwicklung der Produktionsauslastung sowie den Investitionsplänen für 2010 bestätigte der Chemieriese BASF den Aufwärtstrend: "Wir erreichen fast wieder die Auslastung aus Vorkrisenzeiten. Unsere Anlagen in Asien sind voll ausgelastet", sagte ein Sprecher des Chemieriesen BASF.
Das Investitionsbudget orientiere sich jedoch eher an den langfristigen Entwicklungen als an den kurzfristigen Schwankungen der Konjunktur, heißt es aus Ludwigshafen. Die Höhe der für 2010 geplanten Investitionen von 2,5 Milliarden Euro sei trotz der wirtschaftlichen Erholung seit Jahresbeginn unverändert. Auch Siliziumspezialist Wacker Chemie investierte 2009 trotz der Wirtschaftskrise 740 Millionen Euro in den Ausbau der Fertigung, "um alle wichtigen Ausbauprojekte abzuschließen", heißt es aus der Zentrale in München.
In der Chemiesparte liegt die Auslastung des bayerischen Konzerns inzwischen bei 90 Prozent - nach 75 Prozent zu Jahresbeginn. Im Bereich Polysilizium, der die Grundstoffe zur Herstellung der Platten zur Produktion von Chips und Solarzellen liefert, laufen die Werke bereits seit Jahresbeginn unter Volllast.
Auch beim Chipkonzern Infineon, einem Kunden der Wacker-Tochter Siltronic, brummt das Geschäft wie lange nicht: "Wir verzeichnen weiter eine sehr starke Nachfrage über alle Segmente. Da es keine Überkapazitäten oder Bestände im Markt gibt, gehen wir davon aus, dass die Nachfrage Substanz hat und bis Jahresende unvermindert anhält", hieß es. Die Fertigung solle bis Jahresende voll ausgelastet bleiben: "Der Auftragseingang aus Asien ist so stark, dass selbst ein Abschwung in Europa kaum einen negativen Einfluss hätte." Seit dem Aus für das verlustträchtige Speicherchipgeschäft ist Infineons Geschäftsmodell um Chips für Autobauer und verschiedene Industrien stabil.
Deutlich zu spüren ist der Aufschwung auch an der Schnittstelle zwischen Chemie und Maschinenbau. Bei Linde ist die Produktion sowohl bei Industriegasen als auch im Anlagenbau "gut ausgelastet". Mit einem Marktanteil von 22 Prozent bei Industriegasen ist Linde bis auf einen Prozentpunkt an die Nummer 1, Air Liquide, herangerückt. Im laufenden Jahr will Linde deshalb die Investitionen bei Gasen auf das langfristig angestrebte Niveau von 13 Prozent des Spartenumsatzes hochfahren. 2009 waren es mit 1,2 Milliarden Euro nur 11,5 Prozent.
Nach Angaben des Branchenverbandes VDMA waren die Orders im Mai gegenüber dem - allerdings schwachen - Vorjahresmonat um 61 Prozent gestiegen, teilte der Verband am Donnerstag mit. Bislang geht der VDMA für das laufende Jahr von einer Stagnation aus. Angesichts der jüngsten Entwicklung deutete der VDMA jedoch bereits eine Erhöhung der Prognose an. Denn mit einer durchschnittlichen Auslastung von 79,5 Prozent im April ist die Branche vom langfristigen Mittelwert von 86,1 Prozent noch ein gutes Stück entfernt.
"Die Unternehmen bewerten ihre Situation weiter als unterdurchschnittlich", sagte ifo-Experte Carstensen. Zwar gebe es im Maschinenbau, im Metallbereich und bei Lkw-Herstellern noch Kurzarbeit. Allerdings läuft die Regelung bei vielen Unternehmen inzwischen aus. So will MAN wegen der steigenden Nachfrage nach Lkw und Bussen die Kurzarbeit im zweiten Halbjahr deutlich reduzieren.
Die Aussagen der Unternehmen finden Sie bei www.finanzen.net
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