Deutsches Baublatt, Januar/Februar 2007, Nr. 326, S. 1/2
MÜNCHEN (SR). Worin unterscheidet sich die Entwicklung der Bautätigkeit von Deutschland und dem restlichen Europa? Welche Richtung schlägt der Wohnungsbau ein? Welche Chancen bieten die übrigen Länder der Eurozone? Antworten auf diese und weitere Fragen lieferte die 62. Euroconstruct Konferenz in München. Dort legte das Euroconstruct Netzwerk, das seit über 30 Jahren halbjährlich für 19 west- und osteuropäische Länder Bauprognosen erstellt, erstmals auch Informationen zur zukünftigen Bautätigkeit in Wachstumsregionen vor.
Derzeit gehören dem Netzwerk Forschungs- und Beratungsinstitute aus 19 Ländern an, das eigens eingerichtet wurde, um die Analysen der auf dem Bausektor spezialisierten Institute in Europa besser zu koordinieren. Vertreten wird Deutschland durch das ifo-Institut, das diesmal die Euroconstruct Konferenz ausrichten durfte und deren Ergebnisse der ifo-Bauexperte Erich Gluch präsentierte. Demnach war 2006 für die europäische Bauwirtschaft das 13. Wachstumsjahr in Folge und laut den Prognosen der Euroconstruct-Experten werde es noch die nächsten drei Jahre mit dem Wachstum so weiter gehen. Allerdings gab es in jedem Land in diesem langen Zeitraum einmal einen Dämpfer in Form einer schwächeren Phase, die aufgrund günstiger Entwicklungen in anderen Ländern dafür aufgefangen werden konnte. 2005 stieg das Bauvolumen auf 1,3 Billionen Euro. Im Prognosezeitraum 2006 bis 2009 dürfte das durchschnittliche Wachstum rund zwei Prozent jährlich erreichen; das Bauvolumen damit bereits 2009 die Marke von 1,4 Billionen Euro überschreiten, prognostizierten die Experten.
Diese Zahlen werden etwas abgeschwächt, vergleicht man die Entwicklung des Bauvolumens in den 19 Euroconstruct-Ländern mit der des Bruttoinlandsprodukts im „Euroland" im selben Zeitraum. Seit Beginn der 1990-er Jahre bis 2005 lag nämlich lediglich in fünf Jahren das Wachstum des Bauvolumens über dem des Bruttoinlandsprodukts: 1994, insbesondere aufgrund kräftiger Impulse vom Wohnungsbau; 1999, getragen von massiven gewerblichen Bauinvestitionen in der Schlussphase des Booms der new economy und in den Jahren 2003 bis 2005- In diesen drei Jahren stachen etliche Länder mit erheblichen Zuwächsen im Wohnungsbau hervor. Darüber hinaus wurden in zahlreichen Ländern die Baumaßnahmen im Tiefbau — und hier vor allem im Infrastrukturbereich - kräftig angekurbelt.
Dennoch macht der Wohnungsbau nach wie vor den Schwerpunkt der Bautätigkeit aus. Auf ihn entfiel 2005 mit 642 Milliarden Euro fast die Hälfte des gesamten Bauvolumens in Höhe von rund l 300 Milliarden Euro. Dabei übertraf der Wohnungsneubau mit 322 Milliarden Euro die Renovierungs- und Modernisierungsmaßnahmen (302 Milliarden Euro) nur ganz knapp. Mit einem Anteil von rund 36 Prozent (23,1 Prozent im Wohnungsbau plus 13,2 Prozent im Nichtwohnhochbau) nahmen die Bestandsmaßnahmen an bereits bestehenden Gebäuden einen nicht unerheblichen Umfang ein. Auf den weiterhin kleinsten Teilbereich, den Tiefbau, entfiel mit 276 Milliarden Euro ein Anteil von 21 Prozent.
Im Verlauf der 14 Jahre von 1991 bis 2005 stieg das Bauvolumen in den 19 Euroconstruct-Ländern um durchschnittlich 1,2 Prozent jährlich. Deutlich besser als der Durchschnitt entwickelte sich dabei nur der "Wohnungsbau (plus zwei Prozent jährlich), während der Tiefbau lediglich ein durchschnittliches Wachstum von 0,8 Prozent jährlich, der Nichtwohn-Hochbau sogar nur gut 0,5 Prozent jährlich erreichte. Im Prognosezeitraum 2006 bis 2009 erwarten die Euroconstruct-Experten allerdings, dass vor allem der Tiefbau mit durchschnittlichen Wachstumsraten von rund jährlich drei Prozent aufwarten wird. Der Wohnungsbau dürfte mit rund eineinhalb Prozent pro Jahr den Durchschnittswert für das gesamte Bauvolumen (plus zwei Prozent jährlich) jedoch nicht erreichen.
Zu seinen Besonderheiten gehört nämlich, dass es Anfang der 1990-er Jahre in Deutschland aufgrund der deutschen Wiedervereinigung und massiver Bevölkerungszunahme sowie staatlicher Fördermaßnahmen zu einem nur wenige Jahre währenden Wohnungsbauboom kam. In den Jahren 1997 bis 2000 wiesen bei rückläufigen Zinsen und insgesamt positiver gesamtwirtschaftlicher Entwicklung, wie einem Bruttoinlandsprodukt von durchschnittlich drei Prozent jährlich, zahlreiche Länder eine beeindruckende Entwicklung im Wohnungsbau auf. Gebremst wurde die Entwicklung vor allem in Deutschland, wo trotz stabiler Nachfrage nach Ein- und Zweifamilienhäusern aufgrund der Eigenheimzulage eine rasante Talfahrt beim Bau von Mehrfamiliengebäuden stattfand. 2001 und 2002 erlebten die Börsen weltweit dramatische Einbrüche. Dennoch wäre der Wohnungsbau in den 19 Euroconstruct-Ländern noch im Plus geblieben, wenn nicht Deutschland mit jeweils rund minus sechs Prozent das Volumen stark reduziert hätte, so die Experten. In den Jahren 2003 bis 2006 haben niedrige Zinsen und in einigen Ländern auch rasant wachsende Immobilienpreise die Nachfrage nach Wohnungen angetrieben. Auch 2007 werde noch recht positiv verlaufen. Erst 2008 und 2009 werde es laut den Experten zu einer sichtlichen Beruhigung kommen, da vor allem Spanien und Irland, aber auch Frankreich und Italien von den größeren Ländern eine rückläufige Nachfrage aufweisen werden.
Der Wohnungsbau wird auch zukünftig, trotz der prognostizierten starken Belebung im Tiefbau in den nächsten Jahren, einen starken Stellenwert bei der Entwicklung der Baunachfrage einnehmen. Dabei treten zwei Länder hinsichtlich der Nachfrage nach Wohnungen besonders stark heraus: Deutschland und Spanien. Deutschland verzeichnete aufgrund dem durch die Wiedervereinigung ausgelösten Bauboom in den Jahren 1994 bis 1997 mit jeweils rund 500 000 fertig gestellten Wohnungen Rekordwerte. Seitdem ging es allerdings mit den Fertigstellungen deutlich zurück. 2005 wurden davon nur noch 210 000 erzielt. Bis 2009 dürften sich daran, nichts Wesentliches ändern. Spanien brachte es 1993 auf 220 000 fertig gestellte Wohnungen. Zwölf Jahre später waren es bereits 670 000. Die Euroconstruct-Experten gehen davon aus, dass 2007 mit rund 760 000 Fertigstellungen das Hoch erreicht sein dürfte, denn für 2009 werden rund 100 000 Wohnungen weniger prognostiziert.
Nicht verborgen blieb ihnen allerdings auch, dass die Wohnungsfertigstellungen in Frankreich und Italien seit Beginn dieses Jahrzehnts deutlich anstiegen, wenngleich in beiden Ländern ab 2008 mit einer Abschwächung gerechnet wird. Hierzu sollte man wissen, dass Italien und Spanien, aber auch Irland und Portugal zu den ehemaligen Hochzins-Ländern zählen. Die langfristigen Zinsen bewegten sich Mitte der 1990-er Jahre mit rund zwölf Prozent auf fast doppelt so hohem Niveau wie in Deutschland. Bis zum Jahr 2000 erfolgte eine Anpassung, begleitet von einem Rückgang der Zinsen, die bis 2005 auf rund dreieinhalb Prozent nach unten sanken. Bessere Anreize, die Wohnungsnachfrage zu steigern, hätte es nicht geben können, lautete das Urteil der Experten. Lediglich eine Bevölkerungszunahme aufgrund von Zuwanderung hätte die Nachfrage ankurbeln können. Bestes Beispiel dafür ist Irland: Hier erhöhte sich die Bevölkerung allein in den letzten 15 Jahren von 3,5 auf 4,2 Millionen; die durchschnittliche jährliche Zuwachsrate betrug dabei seit 2000 fast zwei Prozent. Aber seit 2000 waren auch in Spanien rund 600 000, in Italien rund 300 000 und in Frankreich rund 350 000 Zuzügler pro Jahr zu verzeichnen. Dagegen fallen die Zahlen aus Deutschland ab, wo die Zuzüge seit 2000 lediglich 50 000 pro Jahr ausmachen. Aus den niedrigen Zinsen und den sich damit ergebenden günstigen Finanzierungskonditionen sowie der zusätzliche Nachfrage durch steigende Haushaltszahlen folgten außerdem steigende Immobilienpreise. Doch nicht in Deutschland. Dagegen sorgen in vielen Ländern zweistellige Preissteigerungen über Jahre hinweg zusammen mit der spürbar verbesserten Wohnungsversorgung durch die umfangreichen Neubauten ab 2007 dafür, dass sich Wohnungsbautätigkeit auf hohem Niveau stabilisiert.
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