Capital, 30.03.2010, Nr. 04/2010, S. 48
Früher schoben gut und gern ein Dutzend Fernsehteams ihre Kameras in den großen Saal, wenn die Männer vom Fach ihre neuen Prognosen für die Konjunktur vortrugen oder ihre – zumeist scharfe – Kritik an der Wirtschaftspolitik der Regierung. Da gab es eher linke und rechte Institute, und da wurde um die gemeinsamen Statements heftig gerungen. "Das war ein Event", sagt Ökonom und Ex-Regierungsberater Bert Rürup. Was die Experten in nächtelangen Sitzungen formuliert hatten, gab gelegentlich sogar den Ausschlag für politische Entscheidungen.
Von dieser guten alten Zeit ist nicht mehr viel geblieben. Die Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute gibt es zwar noch, einmal im Frühjahr und einmal im Herbst. Mitte April steht wieder die nächste an. Und sie wird auch immer noch von den grauen Herren im großen Saal der Bundespressekonferenz vorgestellt, im gläsernen Gebäude am Schiffbauerdamm, gleich gegenüber dem Reichstag.
Noch trifft der Spott über die Fehlprognosen nur einen Teil der Forscher. Einige liegen mit ihren Voraussagen oft ziemlich nah an der Realität. Fest steht allerdings: Wenn die einst so ehrwürdigen Einrichtungen so weitermachen, wird von ihrer Kernkompetenz bald nicht mehr viel übrig sein. Die Forscher beschäftigen sich allzu sehr mit abseitigen Themen und zu wenig damit, was die Regierung gegen die akuten wirtschaftlichen Probleme tun könnte. Die Politikberatung leidet allzu oft an akademischen Ambitionen.
Bitter, aber wahr: In der größten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten ist ausgerechnet von den Institutsforschern erschreckend wenig guter Rat zu hören – ein Befund, der letztlich die Existenzberechtigung der Institute infrage stellt.
Während in den USA heftig über den Neubeginn der Wirtschaftswissenschaften gestritten wird, scheint sich mancher Institutsleiter hierzulande hinter seinem Schreibtisch zu verkriechen. Oder er fällt mit banalen Wortmeldungen auf: "Der Hauptgrund für das hohe US-Budgetdefizit ist, dass die Regierung jedes Jahr mehrere Prozentpunkte mehr ausgibt, als sie einnimmt", diagnostizierte kürzlich Klaus Zimmermann, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). In die Schlagzeilen gerät er heute eher, weil er Steuergelder verschwendet haben soll.
"Wenn es um die großen Fragen der Finanzkrise geht, haben die Institute kaum Relevanz", sagt Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag und selbst Ökonom.
Das sitzt. Immerhin arbeiten in den sechs öffentlich geförderten Instituten 850 Menschen, etwa zwei Drittel sind ausgewiesene Ökonomen. Ihre ureigentliche Aufgabe ist es, Politik, Verwaltung und andere Praktiker zu beraten.
Umso ernüchternder ist, dass keine Krisenmaßnahme der Bundesregierung in den Instituten erdacht wurde, kein Bankenrettungsschirm und erst recht nicht die Abwrackprämie, deren konjunktureller Erfolg von den Experten völlig unterschätzt wurde. Deutschlands Krisenmanagement stützte sich auf Politikerinstinkt, Beamtenerfahrung und Lobbyistendruck.
Zwar bestellen Ministerialbeamte immer noch artig Gutachten. Meist aber nur deshalb, "weil das Geld halt vergeben werden muss", so ein Insider. Auf Fachebene wird in den Ministerien längst über den fehlenden Nutzen vieler Texte geklagt.
Nicht selten würden da "inkonsistente Empfehlungen" gegeben, klagt ein Regierungsbeamter. Da winken Gegner wie Befürworter von Konjunkturpaketen mit angeblichen Beweisstudien, die sich komplett widersprechen. Oft seien die Papiere "politikfern" und "sachfremd". Das Vertrauen in die Politikberater ist jedenfalls dramatisch gesunken.
Wenn die Experten zu Anhörungen im Bundestag eingeladen würden, sei das "eher Teil eines politischen Rituals", sagt Grünen-Politiker Schick. Es diene dazu, bestellte Meinungen zu bestätigen, statt neue Erkenntnisse zu gewinnen.
Auch Ökonom Rürup kritisiert, dass die Institute oft ziellos Modellergebnisse vorlegen. Politikberatung sieht anders aus. Anders als früher sei nicht mal mehr erkennbar, wofür die einzelnen Institute stehen, kritisiert der renommierte Bonner Wirtschaftsprofessor Manfred Neumann.
Sein Wort hat Gewicht. Der einstige Universitätsprofessor erhielt 1999 den Auftrag, die Institute zu begutachten. Als eine der ersten Maßnahmen lud er die Nachwuchskräfte des Hamburger HWWA zur Diskussion über die Zukunft ihres Instituts ein, es kam kein Einziger. Neumann war fassungslos. Bei näherem Hinsehen sei klar gewesen, dass die Forscher nicht auf dem Stand der internationalen Wissenschaft waren. Ein Urteil, das eine unheilvolle Dynamik entwickeln sollte.
Kurze Zeit später wurden die Wirtschaftsinstitute unter akademische Beobachtung gestellt, vom deutschen Wissenschaftsrat und von Lehrstuhlinhabern der Universitäten geprüft. Die Praktiker, so die neue Ansage, sollten so viel wie möglich in internationalen Zeitschriften publizieren. Seither müssen sie Pro-Kopf-Quoten einhalten und die Institutspräsidenten zittern vor den regelmäßigen "Begehungen" der Prüfer.
Für das traditionsreiche Hamburger HWWA bedeutete die Neudefinition der Arbeit das Aus. Es erlebte als weit kleineres Privatinstitut unter dem Namen HWWI eine Wiedergeburt. Die anderen taten, was man ihnen abverlangte, und lieferten sich absurde Streits darüber, welche Veröffentlichungen in welchen Publikationen mitgezählt werden dürfen. Und wer der Beste im Publizieren ist. Das Schaulaufen geht inzwischen so weit, dass das DIW eigene Zitatzählweisen erfindet, die den Fleiß der Forscher unterstreichen sollen. Das Ergebnis taucht im DIW-Jahresbericht dann auf unter dem Schlagwort "Simulierte Zitate".
Das Kalkül der Prüfer ist aufgegangen – zumindest auf den ersten schnellen Blick. Die Zahl der in internationalen Datenbanken erfassten Artikel hat stark zugenommen – beim DIW wie bei anderen auch. Das Fatale daran ist nur: In den internationalen Fachzeitschriften interessiert sich kein Mensch für die großen Streitfragen der deutschen Wirtschaftspolitik, für Hartz IV oder ostdeutsche Aufholprozesse. Die akademische Zunft will viel lieber informiert werden über abgehobene Theorien und die x-te Variante komplizierter mathematischer Gleichgewichtsmodelle.
Entsprechend bizarr lesen sich die Publikationen, die von den deutschen Forschern veröffentlicht werden. Sie handeln von "qualitativen Verzerrungen in vertikalen Relationen" oder vom (geringeren) Körpergewicht von Neugeborenen, die in Rezessionen auf die Welt kommen. Häufig gelangen die geforderten Publikationen zu banalen Ergebnissen, etwa dem, dass Kriege und Terrorismus wirtschaftlichen Schaden verursachen.
Die Institute haben von dem Artikelwahn wenig. Mit den Cracks der großen internationalen Universitäten können sie nicht mithalten. Gleichzeitig frisst das Publizieren Zeit, die nun fehlt, um sich mit realen Problemen zu beschäftigen. So kommt es schon mal vor, dass der Arbeitsmarktexperte vor lauter Aufsatzschreiben die Arbeitsmarktzahlen der vergangenen Monate nicht kennt.
Wohin das führt, lässt sich bei keinem Institut besser beobachten als beim Berliner DIW. Dort arbeiten junge, akademisch talentierte Ökonomen aus aller Welt, denen die Grundkenntnisse deutscher Institutionen und Gesetze indes völlig abgehen. Vor drei Jahren flog das DIW daher aus dem gut bezahlten Kreis der Gemeinschaftsgutachter für die Bundesregierung. Der Schaden wirkt bis heute nach: Bei der jüngsten Neuausschreibung für die Frühjahrs- und Herbstprognosen überstand das Institut nicht einmal die Vorrunde.
Die Beratungsfähigkeit der Konjunkturabteilung "liegt am Boden", schreibt ein Mitarbeiter in einem Brandbrief an das Kuratorium, das die Geschicke des DIW kontrolliert. Die "alles dominierende Leitlinie (…) ist die zahlenmäßige Maximierung des Publikationsoutputs", heißt es weiter in dem Schreiben, das Capital vorliegt.
Da überrascht es nicht, dass kein anderes Institut in der Krise mit seinen Prognosen so danebenlag wie die Profis aus Berlin. "Das Konjunkturklima ist weiterhin gut", erklärte Zimmermann noch im Dezember 2008. Da schrumpfte die Wirtschaft längst. Kurz darauf forderte Zimmermann beim Krisenkränzchen im Kanzleramt unbekümmert einen Prognosestopp für alle – sehr zum Ärger jener, die mit ihren Vorhersagen gut im Rennen lagen.
"Dass Deutschland verglichen mit anderen Ländern eine besonders schwere Rezession durchgemacht hat, liegt auch daran, dass so spät reagiert wurde", urteilt der österreichische Wirtschaftsforscher Markus Marterbauer.
Wie sehr der Publikationsstress traditionelle Kernkompetenzen der Institute schwächt, zeigt sich selbst in Kiel. Wegen des Publikationsdrucks verließ vor einem Jahr eine Reihe verdienter Konjunkturexperten das Institut für Weltwirtschaft, immerhin die Perle der deutschen Anstaltsszene. Die Fahnenflüchtigen machten eine Firma auf, die sich jetzt selbst um die Teilnahme an der Gemeinschaftsdiagnose bewirbt.
Bei den aktuellen Einschätzungen zur Konjunktur spielen die Institute kaum noch eine Rolle. Längst geben die Bankenvolkswirte den Ton an. Dabei hätten die Institute in der Finanzkrise ihre höhere Glaubwürdigkeit ausspielen können.
Ganz allmählich dämmert den Experten, wie gefährlich dieser Trend ist. Erste Kritiker wagen sich nach vorn. "Die Institute sollten nicht versuchen, die besseren Universitäten zu werden. Dann bräuchte man sie nicht mehr", warnt Stefan Kooths, der jüngst vom DIW zum Kieler Institut gewechselt ist.
"Gute Forschung wird mit guter Politikberatung verwechselt", kritisiert auch Peter Weingart, Professor für Wissenschaftssoziologie. "Wenn es darum geht, die Politik zu beraten, ist die Zahl der Publikationen ein schlechter Indikator."
Noch behauptet DIW-Chef Zimmermann trotzig, dass er das Zitate-Generieren benötige, um überhaupt beraten zu können. Doch mit dieser Logik steht er ziemlich allein da. Der Drang zur Wissenschaftlichkeit habe sich verselbstständigt, räumt selbst Professor Neumann ein, der den Trend vor zehn Jahren überhaupt erst ins Rollen brachte (siehe Interview).
Wie es besser geht, lässt sich in Amerika besichtigen. Dort ist es üblich, von der Wissenschaft in die Politik zu wechseln – und umgekehrt. Hierzulande hingegen gelte es als verpönt und sogar schädlich für die akademische Karriere, wenn ein Ökonom zugleich die Politik berate, sagt Dagmar Simon vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB).
Ein weiterer wichtiger Unterschied: In den USA ziehen Politiker und die von ihnen ausgewählten Politikberater an einem Strang. Eine solche Nähe und Übereinstimmung zieme sich in Deutschland nicht, weiß Ökonom Rürup aus Erfahrung. Er hat über viele Jahre die Bundesregierung beraten. Natürlich hat diese große Unabhängigkeit der Wissenschaftler auch ihre Vorteile. Aber wenn daraus akademische Weltfremdheit und Arroganz wird, ist der wissenschaftliche Rat für die Politik letztlich wertlos.
Experten der Universität Pennsylvania haben in einem aktuellen Ranking zusammengetragen, welche Thinktanks weltweit zu den besten zählen. Die meisten deutschen Institute rangieren dort unter ferner liefen. Mit einer Ausnahme: das Kieler Institut für Weltwirtschaft kommt immerhin auf den zehnten Platz. In anderen Ranglisten stehen die besten Deutschen erst auf Platz 78.
So mancher Institutsleiter fängt bereits an umzusteuern. Einige heuern PR-Berater an, andere versuchen es mit markigen Sprüchen – finden aber kaum Gehör. Es fehlen mitreißende neue Ideen. Und: "Durch die Fixierung auf Journals ist das politische Herzblut verloren gegangen", sagt Ökonom Rürup.
Das mag auf Ifo-Chef Hans-Werner Sinn noch am wenigsten zutreffen. Der Münchner Ökonom hat sich als Einziger intensiv mit der Finanzkrise auseinandergesetzt. Wenn Sinn in diesen Tagen zu dem Resultat kommt, die Griechen sollten die Währungsunion schleunigst verlassen, ist das für die reale Politik allerdings nur bedingt hilfreich.
Deutschlands Konjunkturforscher, so viel ist sicher, müssen auf der Hut sein. Die alte Geschäftsgrundlage existiert nicht mehr, und die Konkurrenz schläft nicht.
Das private Hamburger Weltwirtschaftsinstitut, das HWWI, kann sich über zu wenig Arbeit nicht beklagen. "Die Auftraggeber in der Politik überzeugt es zunehmend, wenn man weniger akademisch arbeitet, dafür aber verständliche Analysen liefert", freut sich Geschäftsführer Gunnar Geyer.
Aus Sicht von Wirtschaftsprofessor Manfred Neumann kann die Institute nur noch eine radikale Kehrtwende retten. Es sei ein Fehler gewesen, gibt er heute rückblickend zu, die wirtschaftspolitischen Institute mit den gleichen Kriterien zu messen wie Forscher anderer Wissenschaften. Besser wäre es, die Institute von dem allzu engen akademischen Korsett zu befreien. Dann könnten sie sich endlich wieder auf ihre eigentlichen Stärken konzentrieren: möglichst gute Prognosen für Praktiker und Ratschläge für Krisenfälle.
Vielleicht würden sich dann auch die Ränge in der Bundespressekonferenz endlich wieder mehr füllen, wenn die Herren im April und Oktober ihr Gemeinschaftsgutachten präsentieren.
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