Bayerisch-Schwäbische Wirtschaft, 01.03.2009, Nr. 3/2009, S. 16-18
Traditionell steht der Vortrag des ifo-Präsidenten Prof. Hans-Werner Sinn am Beginn des jährlichen »augsburger konjunkturgesprächs«. Eingeleitet von einer pessimistischen Einschätzung der Lage in Deutschland für das Jahr 2009 und darüber hinaus machte sich der Professor für Nationalökonomie und Finanzwirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München daran, die Gründe für den Beinahe-Zusammenbruch des Finanzmarktes darzulegen.
Unaufgeregt beginnt Prof. Sinn seinen Vortrag über die »Welt im Schatten der Finanzkrise«. Hatte er eingangs noch charmant der anwesenden Ehrenpräsidentin der IHK, Hannelore Leimer, für ihre hervorragende Arbeit in den vergangenen 15 Jahren gedankt, so war es mit dem Charme bald zu Ende: »Vielleicht sollte ich wieder gehen«, so Sinns Antwort auf die zuvor angeklungene Hoffnung, er möge doch auch etwas Positives über die Konjunkturlage zu berichten haben. Und: »Vielleicht sollten wir alle still sein«, fügt er noch hinzu. Denn eine Krise, wie die nun bevorstehende, habe Deutschland noch nicht erlebt.
Hans-Werner Sinn sieht nicht so aus, als ob es ihm Spaß mache, diese Botschaft zu verkünden. Rund 300 Gäste im Fuggersaal der IHK Schwaben in Augsburg vernehmen in deutlichen Worten eine Analyse der derzeitigen wirtschaftlichen Situation in den USA – und gleichzeitig die Ansage, dass diese Situation sich mit einer Verzögerung von anderthalb bis zwei Jahren auch bei uns einstellen werde. Hans-Werner Sinn wörtlich: »So wie sich die Vereinigten Staaten im Herbst 2008 präsentiert haben, so wird das Frühjahr 2010 in Deutschland. « Der Redner belegt seine Voraussage mit der Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den beiden Ländern: Während der 80er- Jahre war diese in den USA noch stetig gesunken, seit anderthalb Jahren steigt die Zahl der Arbeitslosen in Amerika stetig an. »In Deutschland haben wir den Tiefpunkt der Arbeitslosigkeit erreicht, jetzt geht sie langsam hoch.«
Sinn wäre nicht der charismatische Redner, als den ihn die Augsburger seit zehn Jahren kennen, würde er nicht plakativ auf die Stimmung im Saal und außerhalb eingehen: »Crisis? What Crisis?« fragt er und präsentiert das bekannte gleichnamige Cover der Band Supertramp aus dem Jahr 1975. Dann die dazugehörige Frage: »Ist in Deutschland nur die Stimmung schlecht?« Bei einem Auftragsrückgang von 32 % aus dem Ausland und 23 % aus dem Inland könne von schlechter Stimmung allein keine Rede sein, so die Antwort des Experten.
Das Wachstum von zehn Jahren würde innerhalb kürzester Zeit annulliert. Dass der Abschwung im Fahrwasser der Finanzkrise so massiv sein würde, das hatte selbst das ifo-Institut nicht erwartet. Der Präsident des Instituts rekapituliert, dass man den Aufwärtstrend, der seit Mai 2005 angehalten hatte, erstmals im Januar 2008 nicht mehr aus den regelmäßigen Umfragen über die wirtschaftliche Lage und die Erwartung der deutschen Manager herausgelesen habe. Damals hatte Sinn auf dem »augsburger konjunkturgespräch « knapp festgestellt, dass die besten Jahre vorbei seien. Dass allerdings sowohl die Lage als auch die Erwartung der deutschen Wirtschaft so dramatisch einbrechen würde, stimmt auch den erfahrenen Wirtschaftler nachdenklich.
Für das Jahr 2009 lautet die Prognose des ifo-Instituts, was die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland angeht, -3,2 %. An den desolaten Aussichten ändert auch das Konjunkturpaket der Bundesregierung nichts – das beweist der Redner wiederum mit Zahlen: Die Investitionen, die durch die staatlichen Maßnahmen angestoßen würden, brächten allenfalls ein Plus von 0,8 % für die Wirtschaft. Macht eine bereinigte Erwartung von –2,4 %. »Kein Konjunkturpaket kann ausländische Aufträge wettmachen«, so das Fazit des Wissenschaftlers. Heikel sei es in diesem Zusammenhang, dass die Investitionen des Staates hauptsächlich bei den Branchen ansetzten, denen es noch relativ gut gehe, wie etwa bei der Bauindustrie. Schließlich wiederholt Sinn seine negative Haltung zur Abwrackprämie: »Mit staatlicher Hilfe Wirtschaftsgüter zu vernichten, das ist ökonomisch wie ökologisch unsinnig.«
Hatte der Konjunktur-Realist seine Zuhörer im ersten Teil des Vortrags mit schonungsloser Analyse der Ist-Situation und der Aussicht auf die Einfahrt in den dunklen Tunnel der Rezession konfrontiert, so machte er sich im zweiten Teil an die Erklärung der Ursachen. Dass die USA seit Jahren über ihre Verhältnisse gelebt haben, das ist für Professor Sinn kein Geheimnis. Die durchschnittliche Sparquote der US-Bürger gehe gegen Null, was auch bedeute, dass ein guter Teil der Amerikaner heillos verschuldet sei. Die amerikanischen Investitionen würden seit den 70er-Jahren durch das Ausland finanziert: »Es wurden Anleihen im Wert von 637 Mrd. US-Dollar verkauft«, konstatiert der Fachmann. Die »Anpassungsreaktionen« des Marktes seien lediglich eine Frage der Zeit gewesen – nun sei der Preis für Wertpapiere gesunken, ebenso der Wert des Dollars und letztlich der Hauspreisindex. Diese Koordinate hat seit ihrem Höchststand 27 % verloren – und dies in kürzester Zeit. Für Europa gebe es verschiedene »Ansteckungswege« hin zur amerikanischen Misere: Hierzu gehören ein Einbruch des Konsums, der in die Rezession führt, ebenso wie das Überschwappen der Finanzkrise und die daraus folgende Kreditklemme, die Sinn ebenfalls am Horizont der deutschen Wirtschaft sieht.
Der Volkswirt dokumentierte seine Aussagen mit einer geradezu gespenstischen Liste von 83 Banken weltweit, die in den letzten anderthalb Jahren verstaatlicht wurden oder bankrott gegangen sind. Und auch hier verweist Sinn darauf, dass das Ende der Krise noch nicht erreicht sei.
Gründe für die weltweite Finanzkrise, die Länder wie Irland, Ungarn, Griechenland und Italien an den Rand des Staatsbankrotts gebracht hat, sieht der Redner ausgerechnet in der Politik – die nun als Feuerwehr zu Hilfe gerufen wird. Unter Präsident Clinton sei ein Gesetz verabschiedet worden, das jedem Amerikaner das Recht auf einen Kredit verbrieft. Damals als sinnvolle Reaktion auf das »Red Lining« der Banken gedacht, die ganze Stadtteile zur nicht kreditwürdigen Zone erklärt hatten, wuchs sich dieses Recht zu einem Moloch aus, der auch den »Ninjas« (No Income, No Job-Amerikaner) Darlehen verschaffte – ohne Sicherheiten.
Hinzu kam eine Verordnung des Präsidenten Bush, der im Jahr 2004 dafür sorgte, dass die Eigenkapitalregulierung der USInvestmentbanken gestrichen wurde. Ab da verzeichnet Sinn die Ära des »Glücksrittertums « amerikanischer Investmentbanker, die mit einer Eigenkapitalquote von unter 4,5 % eine Rendite von bis zu 40 % erwirtschaften konnten: »Die haben alles rausgezogen und keinen Puffer für Verluste gelassen«. Der Professor macht den Bonus-Bankern keinen Vorwurf. Sie hätten lediglich die Entlohnungsstruktur der Aktionäre übernommen, die auch bei volkswirtschaftlich sinnlosen Aktivitäten eine hohe private Rendite eingestrichen hätten.
Um diese auch mit hoch belasteten Krediten zu erzielen, haben die US-Banken die mittlerweile wertlosen Wertpapiere kreiert, die sie aus gutem Grund wie »heiße Kartoffeln « weiterreichen konnten. Bis zu sechs Stufen der »Strukturierung« zählt Sinn, letztlich habe kein Mensch mehr einen Überblick über die Ansprüche, die sich aus diesen Zertifikaten ableiten. Sicher ist, dass ihr Wert insgesamt 640 Mrd. US-Dollar betrug. Der Professor befürchtet nach Gesprächen mit Experten, dass »Deutschland hier stark drinhängt «, denn die anderen großen Geldgeber der USA – China und Japan – hätten hauptsächlich Staatspapiere gekauft. »Außerhalb der USA muss Deutschland wohl die größten Verluste aus diesen Geschäften hinnehmen«, konstatiert der Redner.
Sinn drückt sich in seiner Analyse um die Schuldfrage herum. Explizit spricht er davon, die Aktivitäten von Banken, Rating- Agenturen und Regulierungsbehörden nicht »moralisch zu bewerten«. Die Wortwahl macht es: Hat Sinn bereits die Investment- Banker als Glücksritter bezeichnet, so spricht er davon, dass die von ihnen beauftragten Rating-Agenturen mit ihren Großkunden, den Banken, »unter einer Decke« gesteckt hätten – und die Regulierungsbehörden hätten sich auf einen weltweiten »Laschheitswettbewerb« eingelassen. Diese Bewertung unterfüttert der charismatische Professor mit einer Anekdote aus Frankreich: Die dortige Bankenaufsicht hätte sich die Regel gegeben, kein Finanzprodukt zuzulassen, das auch nur eines ihrer Mitglieder nicht verstanden hätte. »Diese Regel musste aufgegeben werden, weil die Produkte sonst von den Aufsichten in England oder Deutschland genehmigt worden wären.«
Den Bankrott ganzer gesellschaftlicher Pfeiler umschreibt Sinn als »Ordnungsproblem «. Und eine Lösung hat er leider auch nicht parat. Die Rettungspakete und Staatsgarantien hätten geholfen, die absolute »Kernschmelze« auf dem Bankensektor, die noch am 10.10.08 bevorstand, erst einmal zu verhindern. Auch das Credo, keine systemrelevante Bank pleite gehen zu lassen, hält der Professor für unabdingbar. Banken, die in »freiwilliger Selbstbestrafung« keine Staatshilfe annehmen wollen, möchte Sinn nach der »Stopfgans-Strategie« dazu zwingen, um den Kreditfluss wieder in Gang zu bringen. Dennoch: Eine weitere Pleitewelle in den USA, ausgelöst durch faule Kreditkartenund Leasingverträge, sieht er ebenso kommen wie eine zunehmend prekäre Lage der deutschen Banken. »Wir stehen in einem dunklen Dschungel bei Nacht«, macht Hans-Werner Sinn unmissverständlich klar.
Doris Karl, Medienbüro Mehrtext, Langerringen
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
2012 2011 | 2010 | 2009 2008 | 2007 | 2006 2005 | 2004 | 2003 2002 | 2001 | 2000
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: