Baustoff Markt, 15.11.2006, Nr. 11, S. 12 & 14
Anlässlich der Infogespräche zur bevorstehenden BAU referierte Erich Gluch vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung über die Struktur und Entwicklung der Bautätigkeit in Europa bis 2008.
Das im Jahr 2005 realisierte Bauvolumen in den 19 von Euroconstruct analysierten Ländern (EC-19) betrug 1 265 Mrd. EUR. Fast drei Viertel davon (72%) entfiel auf die fünf größten Länder Deutschland, Großbritannien, Italien, Frankreich und Spanien. Die übrigen zehn westeuropäischen Länder erreichten einen Anteil von 24% , die vier osteuropäischen Länder nur gut 4%. Den Prognosen bis 2008 liegen folgende Kernannahmen zugrunde:
Trotz zahlreicher politischer Spannungsfelder (Irak/Iran, Libanon etc.) wird nicht von größeren weltwirtschaftlichen Verwerfungen („Crash") ausgegangen. - Nach dem Auslaufen der Zinserhöhungsphase in den USA dürfte das weitere Potential für Zinserhöhungen in Europa bescheiden bleiben.
Trotz verbesserter gesamtwirtschaftlicher Entwicklungen wird die Rückführung der Haushaltdefizite in den meisten westeuropäischen Ländern nur langsam voranschreiten.
Das gesamte Bauvolumen des Jahres 2005 in Höhe von 1 265 Mrd. EUR teilt sich wie folgt in die drei Teilsparten auf:
Wohnungsbau: 600 Mrd. EUR
Nichtwohnbau: 400 Mrd. EUR
Tiefbau: 265 Mrd. EUR
Die bedeutendste Sparte, der Wohnungsbau, durchlief in den ersten beiden Jahren dieses Jahrzehnts eine offensichtliche Schwächephase. Seit 2003 ist jedoch eine offensichtliche Nachfragebelebung zu verzeichnen, die - nach den Expertenaussagen - sogar bis 2008 anhalten dürfte.
Im Nichtwohnbau hat sich im Verlauf der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts das Bauvolumen nur minimal erhöht. Die anhaltend günstige gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Europa dürfte jedoch weiterhin zu einer Stimulierung der gewerblichen Bauinvestitionen führen. Für die Jahre 2006 bis 2008 erwarten die Experten einen Anstieg des Bauvolumens im Nichtwohnbau von ca. 2% pro Jahr.
Der Tiefbau ist zwar die kleinste Teilsparte, weist aber seit einigen Jahren deutlich überdurchschnittliche Wachstumsraten auf (knapp 3% p.a. in der ersten Hälfte des Jahrzehnts). Mach den Expertenmeinungen wird sich die Nachfragebelebung bis 2008 sogar noch verstärken: In den Jahren 2006 bis 2008 sind Erhöhungen des Bauvolumen von jährlich rund 3,5% möglich.
Obwohl es in den meisten Ländern nur spärliche Informationen zu den Bauaktivitäten im Gebäudebestand sowie den existierenden Bau werken (insbesondere im Tiefbausektor anzutreffen) gibt, differenzieren die Euroconstruct-Experten das gesamte Bauvolumen auch nach Neubaumaßnahmen einerseits sowie Renovierungs- und Modernisierungsmaßnahmen andererseits. Im zweiten Teilbereich müssen daher vielfach Schätzungen vorgenommen werden. Es überrascht daher nicht, dass dieser Teilbereich im konjunkturellen Verlauf eine wesentlich geringere Volatilität aufweist als der Neubaubereich. Der Verlauf der Nachfrageentwicklung in den drei Teilsparten weist somit zwischen Neubau und Bauvolumen insgesamt nur geringe Unterschiede auf. Im Neubaubereich wird dem Tiefbau bis 2008 das größte Wachstumspotential attestiert, gefolgt vom Nichtwohnbau. Im Wohnungsneubau erwarten die Experten in den Jahren 2007 und 2008 bereits wieder Stagnation. Das kleine Plus für das gesamte Wohnungsbauvolumen resultiert demzufolge allein aus der Ausweitung der Bestandsmaßnahmen.
Betrachtet man die konjunkturelle Entwicklung im europäischen Wohnungsbau bis 2008 auf der Basis der Wohnungsfertigstellungen, so können folgende Aussagen getroffen werden: Die Wohnungsnachfrage wird sich in diesem Jahr nochmals sehr positiv entwickeln nachdem die Wohnungsbautätigkeit bereits in den Jahren 2003 bis 2005 in nahezu allen Ländern Zuwächse zu verzeichnen hatte: Die Wohnungsfertigstellungen erhöhten sich im Durchschnitt der europäischen Länder um rund 4-5% p.a. Für diese erfreuliche Entwicklung war insbesondere das günstige konjunkturelle Klima - trotz hoher Ölpreise - verantwortlich; die realen Einkommen zahlreicher Haushalte verbesserten sich dadurch. Darüber hinaus erhöhten sich die langfristigen Zinsen bislang nur moderat; das Zinsniveau verharrt damit immer noch auf einem relativ niedrigen Niveau. Hinzu kommen eine kräftige Zunahme der Bevölkerung sowie der Haushalte in einigen Ländern sowie verschiedene „Sondereffekte".
So wird der Wegfall der Eigenheimzulage sowie der degressiven Afa in Deutschland in 2006 zu zusätzlichen Nachfrageeffekten führen, da sich zahlreiche Investoren noch die „alten", besseren Konditionen sicherten.
Ein besonders kräftiger Sondereffekt ist in den ehemaligen Hochzins-Ländern, die heute der Euro-Zone angehören, eigentlich schon seit Beginn des Jahrzehnts zu beobachten. Er wirkte sich vor allem in Spanien und Italien von den größeren und in Irland und Portugal von den kleineren Ländern aus. In diesen Ländern lagen die langfristigen Zinsen Mitte der 90er Jahre mit rund 12% noch fast doppelt so hoch wie in Deutschland. Bis zum Jahr 2000 erfolgte eine starke Konvergenz - begleitet von einen" Rückgang auf 6% bis 2005 sanken die Zinsen sogar noch weiter auf nur noch rund 3,5%. Eine bessere Stimulierung der Wohnungsnachfrage hätte es mit anderer Mitteln nicht geben können. Die zeigt ein Vergleich der Wohnungsfertigstellungen 1998 und 2006: Eine deutliche Nachfragestimulierung gab es in einigen Länden darüber hinaus noch von de Zunahme der Bevölkerung durch Zuwanderung, Eine besondere Rolle kam dabei Irland zu. Hier erhöht sich die Bevölkerung allein in den letzten 15 Jahren von 3,5 auf 4,2 Millionen; die durchschnittliche jährliche Zuwachsrate betrug dabei seit 2000 fast 2%. Aber auch in den drei großen südeuropäischen Ländern waren erhebliche Zuzüge zu verzeichnen. So erhöhte sich die Bevölkerung in Spanien seit 2000 um rund 600000, in Italien um rund 300000 und in Frankreich um rund 350000 Zuzügler pro Jahr, was durchschnittlichen Wachstumsraten von 1,2%, 0,7% und 0,6% p. a. entspricht. Zum Vergleich: In Deutschland, stieg die Bevölkerung seit 2000 durch Zuzüge lediglich um rund 50 000 pro Jahr (+0,1%). Die anhaltend niedrigen Zinsen - und damit überaus günstige Finanzierungskonditionen - sowie zusätzliche Nachfrage durch steigende Haushaltszahlen führten und führen nicht nur zu einer steigenden Wohnungsbautätigkeit sondern auch zu steigenden Immobilienpreisen. Die einzige Ausnahme bildete bislang lediglich Deutschland, Die in vielen Ländern zweistelligen Preissteigerungen über etliche Jahre hinweg werden, zusammen mit der spürbar verbesserten Wohnungsversorgung durch die umfangreichen Neubauten bereits ab 2007 zu einer Stabilisierung der Wohnungsbautätigkeit auf hohem Niveau führen. In den Ländern mit extrem hohen Fertigstellungszahlen, z.B. Irland und Spanien mit 18 bzw. 14 Wohnungsfertigstellungen pro 1 000 Einwohnern, ist jedoch eine baldige spürbare „Abkühlung" zu erwarten.
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