Abendzeitung, 29.11.2007, S. 2
BERLIN Die Leseleistungen deutscher Grundschüler haben sich in den vergangenen fünf Jahren verbessert. Nach der gestern veröffentlichten internationalen Iglu-Studie belegte Deutschland unter 35 Nationen und zehn Regionen Rang elf. Platz eins erreichte Russland vor Hongkong und Kanada. Beim Iglu-Test wird das Lese- und Textverständnis von Viertklässlern geprüft.
Auch in der neuen Pisa-Studie, die kommendeWoche vorgestellt wird, sollen die deutschen Schüler sehr ordentlich abschneiden – beim Umweltwissen und in den Naturwissenschaften. Laut spanischen Medien landen die 15-jährigen Deutschen auf Rang 13 von 57 Staaten. Finnland habe den ersten Platz behauptet. Die AZ fasst die wichtigsten Iglu- Ergebnisse zusammen.
Leseleistung: Mit seinem elften Platz liegt Deutschland im oberen Viertel der Gesamtwertung und konnte sich beim Leseverständnis gegenüber dem ersten Test von 2001 um neun Punkte auf 548 Zähler steigern. Allerdings gilt nur jeder zehnte Viertklässler als „Spitzenleser“.
Chancengleichheit: Der alarmierende Wermutstropfen: Noch immer hängt der Bildungserfolg primär vom Elternhaus und nicht vom Können der Kinder ab. Für Schüler aus einfachen Arbeiterhaushalten wird es immer schwieriger, eine Gymnasial-Empfehlung zu erhalten. Oberschichtkinder dagegen haben auch gegenüber Gleichaltrigen aus Familien von Facharbeitern und leitenden Angestellten deutlich bessere Chancen. Sie erhalten zweieinhalbMal so häufig von ihren Lehrern ein Gymnasialempfehlung – und dies bei gleicher Intelligenz und gleichem Leseverständnis.
Mädchen/Jungen: Überall auf der Welt lesen zehnjährige Mädchen besser als gleichaltrige Jungen. In Deutschland fällt diese Differenz vergleichsweise gering aus.
Migranten: Deutsche Kinder erzielen in der vierten Klasse bessere Leseleistungen als Grundschüler mit Migrationshintergrund. Allerdings hat sich zwischen 2001 und 2006 der Abstand zwischen beiden Gruppen verringert. Gleichwohl gelingt es anderen Staaten wie zum Beispiel Frankreich besser, Migrantenkinder an das allgemeine Leistungsniveau heranzuführen.
Lesefreude: Nur jeder siebte Viertklässler in Deutschland gibt an, in seiner Freizeit „nie oder fast nie zum Spaß“ ein Buch zu lesen. Im weltweiten Schnitt sagen das hingegen 18 Prozent.
Das sagt der Experte: Das Iglu- Ergebnis sei „sehr erfreulich, wenngleich wir natürlich noch immer nicht Weltklasse sind“, sagte der Münchner Bildungsökonom Ludger Wößmann der AZ. Verantwortlich dafür seien Eltern und Lehrer, die offenbar das Lesen mittlerweile sehr viel stärker förderten. „Die sind durch den Pisa- Schock wachgerüttelt worden.“ Die Politik sei jedoch nach wie vor in der Bringschuld, habe ihre Hausaufgaben noch nicht erledigt: Die frühe Aufteilung der Kinder nach nur vier Jahren Grundschule sei Hauptursache dafür, dass Bildungsleistungen stärker vom familiärenHintergrund abhängen als vom individuellen Vermögen. jox
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