Aachener Zeitung, 12.04.2008
Aachen. 1,36 Millionen Neugeborene machten das Jahr 1964 zum geburtenreichsten in der deutschen Geschichte. Und weil es nach dem «Baby-Boom» bekanntlich steil abwärts ging mit der Gebärfreudigkeit, wird diese stolze Zahl ihren Rekordstatus noch eine ganze Weile behaupten können. Im Jahr 2035 werden die Kinder des Rekordjahres in Rente gegangen sein - «und Deutschland hat ein maximales Problem».
Davor warnt Professor Hans-Werner Sinn, der im Vortragssaal der Berufsbildungs- und Gewerbeförderungseinrichtung (BGE) über Ursachen, Folgen und die notwendigen Konsequenzen aus dem demographischen Wandel referierte. Und der Präsident des Münchner ifo Instituts für Wirtschaftsforschung sparte im Rahmenprogramm der Karlspreisverleihung auch in Richtung Bundesregierung nicht mit Kritik: «Die offiziellen Rentenrechnungen gehen nie über 2030 hinaus, obwohl es erst fünf Jahre später richtig kritisch wird. Keiner will die Wahrheit sehen.»
In der Anhebung des Rentenalters und stärkerer Zuwanderung allein sieht der Ökonom keine Lösung - und belegt dies mit Zahlen: Bis zum Alter von 77 Jahren müsste der Deutsche arbeiten, wolle man dem demographischen Wandel allein durch einen späteren Berufsaustritt begegnen. Alternativ dazu müssten bis zum «magischen Jahr» 43 Millionen Zuwanderer her - wohlgemerkt schon dann, wenn man deren eigenen Rentenanspruch ausklammert. Gar keine andere Wahl bleibe daher, als den Gürtel enger zu schnallen. Und Sinn hegt keinen Zweifel daran, dass dies drin ist. «Wir können in Saus und Braus leben, und wir tun das auch.» So hoch wie nie sei der Nettoreallohn in Deutschland, «egal, was in Talkshows oft behauptet wird».
Getreu dem Verursacherprinzip sollten Kinderlose daher Riester-Rente einzahlen, und zwar verpflichtend ab dem Berufseintritt und auf einem Niveau von etwa acht Prozent des Bruttoeinkommens. Soll heißen: entweder man trägt seinen Teil zum Erhalt des Rentenniveaus durch Kinder, oder aber durch Riestern bei. «Realkapital als Ersatz für Humankapital», fasste der Vater dreier Kinder sein Modell unter Verzicht auf politische Korrektheit zusammen. Langfristig, so die Überzeugung des renommierten Wissenschaftlers, würde sich dadurch auch die Geburtenrate auf einem höheren Niveau einpendeln.
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