Augsburger Allgemeine, 22.02.2008
Augsburg Michael C. Burda ist ein angesehener Wirtschaftsforscher. Er hat viele Bücher geschrieben, an bekannten amerikanischen Universitäten gelehrt und ist heute Professor an der nicht weniger angesehenen Humboldt-Universität in Berlin. Aber in einem Punkt sieht er seine Möglichkeiten begrenzt: „In dem Moment, wo Ökonomen ihre Herzen öffnen, fangen normale Menschen zu lachen an", sagt der US-Forscher beim 34. Augsburger Konjunkturgespräch.
Bei Debatten über die Zukunft des Arbeitsmarktes kommen Emotionen seiner Erfahrung nach vor allem dann ins Spiel, wenn es um Sinn und Unsinn von Mindestlöhnen geht. Dieses umstrittene Instrument wurde schon in mehreren Branchen eingeführt, zuletzt für Briefzusteller im Postgewerbe.
Auch Burda räumt ein, dass er in bestimmten Fällen Argumente, die für den Mindestlohn sprechen, durchaus nachvollziehen kann - „auch wenn ich das in der Öffentlichkeit eigentlich nicht sagen darf, so Burda schmunzelnd bei einer Podiumsdiskussion, die von Rainer Bonhorst, Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, moderiert wurde. Denn gehe es nach ökonomischen Gesichtspunkten, hätten Mindestlöhne fatale Folgen für den Arbeitsmarkt.
„Ein allgemeiner Mindestlohn vernichtet 1,1 Millionen Jobs" Diese These unterstützt Prof. Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, uneingeschränkt, Er glaubt, dass ein allgemeiner Mindestlohn „nach vorsichtiger Rechnung" rund 1,1 Millionen Jobs in Deutschland vernichten würde. Sein Argument: In vielen Bereichen würden die Löhne so deutlich steigen, dass es gerade die Jobs bald nicht mehr geben würde, für die Mindestlöhne gezahlt werden müssen.
Deshalb hat Sinn, bekannt für markige Sprüche, die Aussage des gerade erst zurückgetretenen Post- Chefs Klaus Zumwinkel, jeder müsse „von seiner Hände Arbeit leben können", zum „dümmsten Spruch des Jahres" ernannt. Denn Zumwinkel habe mit seinem Ziel, einen möglichst hohen Mindestlohn zu vereinbaren, bewirkt, dass Post- Konkurrenten diesen nicht bezahlen können und nun, wie im Fall PIN, massenweise Jobs streichen.
Der Wirtschaftsforscher schlägt einen alternativen Spruch vor: „Je- der, der will, muss arbeiten können und dann genug zum Leben haben." Sinn will sich für seine Ansichten nicht als „Neoliberaler" beschimpfen lassen. „Der Staat darf sich nicht heraushalten", betont er. Aber das Instrument eines Lohn-Zuschusses sei die weitaus bessere Alternative zum Mindestlohn. Als „Erfolgsstory" beschreibt Sinn diejenigen Geringverdiener, die ihren Lohn mit Arbeitslosengeld II (Hartz IV) aufstocken. Mittlerweile nähmen dies rund 1,25 Millionen Arbeitnehmer in Anspruch - für Sinn ein wichtiger Baustein des „kleinen Wunders" am Arbeitsmarkt.
Auch Burda zieht Lohnzuschüsse dem Mindestlohn vor, findet aber, dass sie nicht von der Arbeitsagentur („Das ist für die Aufstocker erniedrigend"), sondern vom Finanzamt ausgezahlt werden sollten.
Georg Fahrenschon, Staatssekretär im bayerischen Finanzministerium, lässt Sympathie für die Position der Wissenschaftler erkennen, räumt aber ein, dass es den bürgerlichen Parteien bislang nicht gelungen sei, „mit dieser Argumentation zu emotionalisieren". Fahrenschon: „Es ist keiner da, der sagt, dass es nicht um Neoliberalismus geht, sondern darum, unsere hohen sozialen Standards zu halten.
Der Mindestlohn ist für Stefan Greiffenberger, Vorstand des gleichnamigen börsennotierten Unternehmens, kein Thema. Er stellt sich vielmehr die Frage, wie flexibel er je nach Auftragslage sein Personal einsetzen kann - für ihn ein zentrales Anliegen, wenn es um die Zukunft des Arbeitsmarktes geht. Bislang gehören für ihn der Einsatz von Leih- und Zeitarbeitern ebenso dazu wie die Verlagerung einzelner Montage-Linien („verlängerte Werkbank") ins Ausland. Im Augsburger Tochter-Unternehmen Eberle, ein Spezialist für Industrie-Sägeblätter, sei Flexibilität aus produktionstechnischen Gründen nur über Zeitkonten möglich, sagt Greiffenberger.
Und noch ein Thema stellt sich an diesem Tag als große Zukunftsfrage heraus: der Fachkräftemangel. „Dieser hat besorgniserregende Ausmaße erreicht", klagt Hannelore Leimer, Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Schwaben; jener Einrichtung, die das Konjunkturgespräch zusammen mit der Universität Augsburg veranstaltet.
Prof. Burda sieht das ähnlich. Er schiebt den Schwarzen Peter den Politikern und deren Bildungspolitik zu: „Unsere Universitäten werden finanziell stranguliert."
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
2012 2011 | 2010 | 2009 2008 | 2007 | 2006 2005 | 2004 | 2003 2002 | 2001 | 2000
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: