Augsburger Allgemeine, 18.02.2011, S. 10
Augsburg. Gazellen sind langbeinige, schnelle Tiere, die längere Strecken in hohem Tempo laufen können.
Hans-Werner Sinn ist der bekannteste deutsche Ökonom. Wie kein anderer seiner Kollegen kann er komplizierte wirtschaftliche Zusammenhänge mit wenigen Worten anschaulich beschreiben. Er provoziert gerne und genießt das auch.
Sinn ist der Überzeugung, dass die deutsche Wirtschaft einer Gazelle gleicht. Mit einem derart grazilen Tier bringt sonst wohl kaum einer die so lange oft als schwerfällig gescholtene deutsche Volkswirtschaft in Verbindung.
Sinn beharrt auf seinem Gazellen-Vergleich und verblüfft damit am Donnerstag die Zuhörer des traditionellen Augsburger Konjunkturgesprächs, das von der Universität dieser Stadt und der schwäbischen Industrie- und Handelskammer veranstaltet wird. Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts beschreibt die wundersame Wandlung Deutschlands von einer Schildkröte in das schlanke Tier. Im Umkehrschluss glaubt er, dass aus einstigen Wirtschafts-Gazellen im Zuge der Krise kriechende Lebewesen geworden sind.
Der Professor meint damit Staaten wie die USA, Großbritannien und Spanien, die stürmische Wachstumszeiten hinter sich hatten, ehe die Krise die Blasen an den Immobilienmärkten platzen ließ. Sinn vergleicht die Lage der USA mit der eines Mannes, der „eine Nitrokapsel kaut, um einem Kollaps vorzubeugen“. Er spielt auf die Tatsache an, dass die amerikanische Notenbank das angeschlagene Land mit billigem Geld flutet.
„Der Boom könnte nicht schöner sein“
Für Griechenland sieht Sinn schwarz. Hier helfen aus Sicht des Ökonomen auch keine Medikamente mehr. Die Diagnose: „Das ist hoffnungslos, eine Tragödie.“ Deutschland befindet sich seiner Ansicht nach hingegen in einem Wirtschaftswunder. „Der Boom könnte nicht schöner sein.“ Das Ifo-Institut habe einen so starken Aufschwung in den vergangenen rund 50 Jahren nicht beobachtet. Und es sieht weiter gut aus. Sinn sagt für Deutschland vielleicht sogar „ein goldenes Jahrzehnt“ und einen „Bauboom“ voraus. Seinen Optimismus schöpft er vor allem aus dem reichlich vorhandenen günstigen Geld. Als Folge der Krise verbleibt Kapital häufig in Deutschland, weil Banken von Anlagen in Ländern mit höherem Risiko Abstand nehmen. „Sie trauen sich nicht mehr raus.“
In der Welt des Hans-Werner Sinn laufen nicht nur Gazellen bei Sonnenschein durch die deutsche Ökonomie-Prärie. „Am Himmel sehe ich auch schwarze Wolken.“ Es ist der Euro, dem der Wissenschaftler zwar nach wie vor „die Stange hält“, der seinen Blick in die Zukunft aber etwas verdüstert. Ihm missfällt vor allem die unzureichende Bestrafung von Euro-Sündern, die ohne Ende Schulden aufhäufen. Und so folgt ein klassischer Sinn-Satz: „Die Straftäter sind nicht bereit, sich gegenseitig ins Kittchen zu bringen.“ Schließlich seien Straftäter und Richter identisch.
An den Rahmenbedingungen für den Euro reibt sich auch der Würzburger Ökonomie-Professor Peter Bofinger. Ihm missfällt die Politik der Europäischen Zentralbank. Der Wissenschaftler ist überzeugt, die Experten der Notenbank hätten schon vor Jahren die exzessive Kreditvergabe erkennen müssen.
Bofinger sieht die Struktur der Zentralbank als problematisch an. Nach ihrer Verfassung fühle sich die Einrichtung vor allem der Geldwertstabilität verpflichtet. Sie müsste aber auch auf die Finanzstabilität achten. Auf diese Weise könnte die Europäische Zentralbank schnell wie eine Gazelle (um noch einmal Sinn ins Gespräch zu bringen) eine zu leichtfertige Praxis der Kreditvergabe registrieren und mit höheren Zinsen gegensteuern.
„Eine schöne Inflation in der Aufschwungs-Party“
Als Inflationswachhund hat die Europäische Zentralbank gute Dienste geleistet. Bleibt das auch so? Das will Walter Roller, stellvertretender Chefredakteur unserer Zeitung, als Moderator des Streitgesprächs zwischen den beiden Professoren wissen. Sinn rechnet in Deutschland mit einer spürbaren Teuerung. „Doch das ist eine schöne Inflation“, sagt er. Schließlich feiere das Land eine Aufschwungs-Party. Bofinger sieht das anders: „Ich glaube nicht, dass wir ein Inflationsproblem bekommen.“ Sinn verwundert der Widerspruch nicht. Schon zu Beginn der Veranstaltung hatte er angemerkt: „Herrn Bofinger kenne ich sehr gut. Wir können die Argumente nummerieren.“
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