WirtschaftsWoche 31.03.2005, S. 16-19
Gute Nachrichten für Ebay-Fans. Noch in diesem Jahr wird das Internetauktionshaus seinen Kunden eine verbesserte Plattform für Auktionen bieten. Verkäufer und Käufer werden dann bei den Powerauktionen, bei denen mehrere Produkte gleichzeitig unter den Hammer kommen, von neuen Versteigerungsregeln profitieren. Die Regeln hat der Kölner Wirtschaftsprofessor Axel Ockenfels auf Basis komplexer mathematischer Modelle der Spieltheorie entwickelt. Ockenfels verspricht: "Gegenüber dem bisherigen Verfahren wird es deutliche Verbesserungen geben."
Der 36-jährige Spieltheoretiker ist der Vorzeigeökonom einer neuen Generation junger deutscher Wirtschaftsforscher, die in der von Amerikanern und Briten dominierten Spitzenforschung mitmischen können und die sich mit Studien in führenden Fachzeitschriften international einen Namen gemacht haben.
Um die zehn besten Nachwuchsökonomen unter 40 Jahren herauszufiltern, hat die WirtschaftsWoche mehr als 40 renommierte Wirtschaftsprofessoren in Deutschland nach ihren Topfavoriten befragt. Aus den zehn am häufigsten genannten Namen haben wir dann anhand der Menge und Qualität ihrer wissenschaftlichen Publikationen eine Rangliste erstellt (siehe Tabelle).
Sie wird angeführt von Ockenfels, der unter Deutschlands Ökonomen als eine Art Wunderkind gilt. Mit gerade mal 34 Jahren wurde er 2003 als Nachfolger des renommierten Wirtschaftstheoretikers Carl Christian von Weizsäcker nach Köln berufen. Da hatte er sich schon mit Studien über rationales Verhalten internationale Anerkennung verschafft. Sie zählen zu den meistzitierten Werken der vergangenen Jahre.
Als "brillanten Kopf" lobt ihn sein akademischer Lehrer Reinhard Selten, der in Bonn lehrte und als einziger Deutscher bisher den Wirtschaftsnobelpreis bekommen hat. Auch Ockenfels sammelt schon Auszeichnungen. Anfang März erhielt er den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, den mit 1,55 Millionen Euro höchstdotierten deutschen Förderpreis. Das für die Forschung bestimmte Geld will Ockenfels in sein Labor für experimentelle Wirtschaftsforschung stecken, eines der größten in Deutschland.
Auch Volker Wieland, der in der Rangliste dicht hinter Ockenfels den zweiten Platz belegt, hat sich international bereits einen Namen gemacht. Der Experte für monetäre Makroökonomie an der Universität Frankfurt gilt bei der Europäischen Zentralbank (EZB) als einer der wichtigsten intellektuellen Impulsgeber. Chefvolkswirt Otmar Issing schätzt die Analysen des 39-Jährigen, der die EZB mehrere Jahre bei der Ausarbeitung geldpolitischer Entscheidungsregeln beraten hat.
Wielands Expertise hatte sogar schon Einfluss auf die Strategie der Währungshüter. Als Euroland vor zwei Jahren in die Deflation abzurutschen drohte, warnte er die EZB in einer Studie, die Inflation nicht "signifikant" unter zwei Prozent sinken zu lassen, um nicht dasselbe Schicksal wie Japan zu erleiden. Die EZB, die bis dahin bei der Definition des Inflationsziels keine Untergrenze festgelegt hatte, änderte daraufhin ihre Diktion: Nun strebt sie eine Inflationsrate von "knapp unter zwei Prozent" an. Zwar nur eine kleine Formulierungsänderung, für EZB-Watcher aber ein entscheidender Strategiewechsel: Die EZB signalisierte damit, dass sie bei deflationärer Entwicklung aktiv gegensteuern würde. Mit dem Center für Financial Studies (CFS) in Frankfurt leitet Wieland zudem ein Institut, das Forscher, Notenbanker und Bankökonomen zusammenbringt und das auch mit dem Internationalen Währungsfonds und der US-Notenbank zusammenarbeitet.
Dass deutsche Ökonomen heute international Gehör finden, ist keinesfalls selbstverständlich. Jahrzehntelang hinkte Deutschland in der Spitzenforschung hinter den USA, Großbritannien und Skandinavien her - eine Folge des Nationalsozialismus, der viele gute Forscher ins Ausland trieb. Wie in anderen Forschungsbereichen trocknete Deutschland auch in der Nationalökonomie intellektuell aus.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten die angelsächsischen Ökonomen die Standards. Während sie die mathematisch fundierte Theoriebildung und die empirische Forschung vorantrieben, dominierte in Deutschland die Diskussion um ordnungspolitische Zusammenhänge. Die im Ausland entwickelten Methoden und Modelle erreichten die deutsche Wissenschaftsszene oft erst mit Jahren Verspätung. "Deutschland war, von wenigen Ausnahmen wie der Spieltheorie und der experimentellen Wirtschaftsforschung abgesehen, international abgeschlagen", sagt Armin Falk, Arbeitsmarktforscher am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn.
Durch die zunehmende Internationalisierung der Forschung und den Generationenwechsel an den Universitäten hat sich das in den vergangenen Jahren schlagartig geändert. Die jüngeren Wissenschaftler wissen, dass mit ideologischen Grundsatzdiskussionen über Angebots- und Nachfragepolitik heute in der Forschung kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist.
Anders als ihre mehr ideologisch geprägte Vorgängergeneration verstehen sich die Jungökonomen als Agnostiker. Statt ständig ordnungspolitische Grundsätze zu wiederholen, setzen sie auf empirische Methoden, um Antworten auf wirtschaftspolitische Fragen zu finden. "Wer als Forscher international ernst genommen werden will, muss sich in der Theorie ebenso gut auskennen wie in der Anwendung computergestützter empirischer Forschungsmethoden", sagt IZA-Forscher Falk.
Gute mathematische Kenntnisse sind da unerlässlich. "Ohne mathematische Formalisierung wären wir nicht in der Lage, unsere Ergebnisse stringent abzuleiten", sagt Ockenfels. Erst mithilfe von Formeln und Daten lassen sich quantitativ fundierte Aussagen machen, die für die Praxis und die Politikberatung Relevanz haben.
So bastelt Dirk Krüger, Makroökonom an der Uni in Frankfurt und im WirtschaftsWoche Ranking auf Platz 10, an mathematischen Modellen, um die Folgen der Umstellung des Rentensystems vom Umlage- auf das Kapitaldeckungsverfahren für einzelne Bevölkerungsgruppen quantitativ abzuschätzen. "Mein Anspruch ist es, Modelle so zu konstruieren, dass sie sich für eine wissenschaftlich begründete Politikberatung eignen", sagt Krüger.
Diesen Satz hätte genauso auch Ludger Wößmann sagen können. Der Bildungsforscher am Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung hat sich als einer der ersten deutschen Ökonomen auf internationale Querschnittvergleiche von Bildungssystemen "Als ich mit meiner Forschung anfing, gab es noch keine Ländervergleiche auf der Basis von Individualdaten", sagt Wößmann. Diese musste er sich mühsam im Internet suchen. Aber als die Pisa-Studien auf den Markt kamen, erhielt die Bildungsforschung mächtigen Auftrieb.
In seinen Vergleichsstudien hat Wößmann herausgefunden, dass der Streit zwischen den Gesamtschulbefürwortern und den Anhängern der gegliederten Schule in die Irre führt. Für das Pisa-Resultat spielten andere Kriterien eine wichtigere Rolle. So schneiden die Länder gut ab, die den Schülern Zentralprüfungen vorschreiben, die Schulen regelmäßig evaluieren und ihnen ein hohes Maß an Autonomie gewähren.
Aber mit seinen Empfehlungen machte Wößmann eine Erfahrung, die viele Experten in der Politikberatung haben: "Politiker erweisen sich häufig als beratungsresistent." Viele glauben, der Staat müsse einfach mehr Geld in das System pumpen, und schon würde sich der Bildungsstand verbessern.
Dass Politiker sich mit den Erkenntnissen der Ökonomen schwer tun, hat auch Lars Feld erfahren. Der 38-jährige Finanzwissenschaftler, der in Marburg lehrt, wurde vor zwei Jahren in den Wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums in Berlin berufen. Von Felds Forschungen könnte Bundesfinanzminister Hans Eichel einiges lernen. Denn am Beispiel der Schweiz hat Feld herausgefunden, dass der Staat mit schärferen Kontrollen wenig gegen Steuerhinterziehung ausrichten kann. "Will der Staat die Steuerehrlichkeit der Bürger erhöhen, sollte er ihnen mehr Einfluss auf die Politik gewähren, etwa durch Elemente der direkten Demokratie", lautet Felds Fazit. Auch eine freundlichere Behandlung durch die Steuerbehörden könne die Steuermoral heben. Bisher sind Felds Erkenntnisse aber bei Eichel noch nicht durchgedrungen.
Die Nachwuchsökonomen haben in Deutschland auch den Trend zur Mikroanalyse forciert. Standen bisher vor allem hoch aggregierte Makrodaten wie Konsum und Investitionen im Vordergrund der Analyse, so greifen Ökonomen nun zunehmend auf einzelwirtschaftliche Daten zurück, um das Verhalten von Unternehmern und Verbrauchern zu erklären. "Bisher haben wir in unseren Makromodellen meist die unrealistische Annahme unterstellt, dass die Akteure im Wirtschaftsleben uniforme Wesen sind und alle gleich reagieren", sagt Krüger. Mit seinen Modellen versucht er nun stärker, die Heterogenität der Menschen zu berücksichtigen und schlägt dadurch eine Brücke von der Makro- zur Mikroökonomie.
Begünstigt wird die Mikroanalyse dadurch, dass Forscher heute leichteren Zugang zu Individualdaten haben als noch vor einigen Jahren. So stellt beispielsweise die Deutsche Bundesbank ihre Daten über die Direktinvestitionen einzelner deutscher Firmen im Ausland seit einiger Zeit in anonymisierter Form für Forschungszwecke zur Verfügung. Claudia Buch, Professorin an der Uni Tübingen, hat den Datenfundus der Bundesbank genutzt, um die Motive der Betriebe für Direktinvestitionen im Ausland zu untersuchen. In ihren Studien widerlegt sie das gängige Vorurteil, die Unternehmen investierten vor allem wegen der niedrigeren Kosten im Ausland. "Viel wichtiger für die Firmen ist das Motiv, sich durch Auslandsinvestitionen neue Märkte zu erschließen", sagt Buch.
Auf Individualdaten aus fremden Quellen ist der Kölner Ockenfels gar nicht angewiesen. Der Spieltheoretiker hat eigene Daten, die er durch Laborexperimente gewinnt. Dazu lässt er Studenten und andere Probanden am Computer Versteigerungen oder Vertragsverhandlungen simulieren. "In unseren Experimenten stellen wir immer wieder fest, dass die Menschen zu Reaktionen neigen, die mit ökonomischer Rationalität nicht zu erklären sind", sagt Ockenfels.
Der Kölner Forscher hat deshalb eine neue Theorie entwickelt, derzufolge die Menschen sich nicht nur an ihrem wirtschaftlichen Nutzen, sondern auch an ihrer Stellung in der Gesellschaft orientieren. Ob sie im konkreten Fall egoistisch handeln oder Aspekte wie Fairness in ihren Entscheidungen berücksichtigen, hängt von den institutionellen Rahmenbedingungen ab. "Es kann für den Einzelnen durchaus sinnvoll sein, auf Gewinnmaximierung zu verzichten, wenn er dadurch sein Standing in der Gesellschaft verbessert", sagt Ockenfels.
Damit rütteln die experimentellen Forscher an den Grundfesten der herkömmlichen Wirtschaftswissenschaft, deren Modelle von rational handelnden Menschen ausgehen. "Wir müssen uns vom Modell des Homo Oeconomicus verabschieden und begrenzte Rationalität, Fairness und Reziprozität in der Forschung berücksichtigen", fordert auch IZA-Forscher Falk. Denn im Wirtschaftsleben spielen solche Aspekte eine große Rolle.
Beispiel Arbeitsbeziehungen. Falk hat empirisch nachgewiesen, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen der Lohnhöhe und der individuellen Arbeitsleistung gibt. "Zahlt der Arbeitgeber einen ordentlichen Lohn, den der Beschäftigte als gerecht empfindet, reagiert dieser mit deutlich höherer Arbeitsleistung", sagt Falk. Umgekehrt erweisen sich Lohnkürzungen meist als Motivations- und Leistungskiller. Ein Phänomen, das die Standardtheorie nicht erklären konnte, weil ihre Prämissen solche Gegenreaktionen (Reziprozität) ausschließen.
Gelernt, wie auf Spitzenniveau geforscht wird, haben die Nachwuchsökonomen meist an US-Eliteunis, die exzellente Doktorandenprogramme organisieren. In einem zweijährigen Intensivunterricht werden die Jungökonomen auf den aktuellen Stand der Spitzenforschung gebracht, bevor sie ihre Doktorarbeit verfassen. "Während dieser Zeit lernt man sehr viel, auch von den anderen Doktoranden", sagt Dirk Krüger, der in Minnesota bei Wirtschaftsnobelpreisträger Edward Prescott promoviert hat.
Krüger ist nach Deutschland zurückgekehrt, obwohl er es in den USA bereits zum Assistant Professor an der Eliteuni Stanford gebracht hatte. Den Grund dafür deutet er nur an: "Gute Hochschulen wie Frankfurt werben zunehmend viel versprechende Jungforscher im Ausland mit attraktiven Gehältern ab." Krüger sieht Frankfurt dennoch nicht als Endstation: "Der Arbeitsmarkt für gute Ökonomen ist heutzutage international, ein mehrfacher Wechsel über Landesgrenzen ist keine Ausnahme."
Zu den akademischen Globetrottern gehört auch der 35-jährige Felix Kübler, der Wirtschaftstheorie an der Uni Mannheim lehrt. Nach dem Studium in Bonn zog es ihn 1995 in die USA an die Eliteuni Yale, wo er 1999 promovierte. Nach einer fünfjährigen Assistenzprofessur an der Uni Stanford kam er 2004 nach Mannheim.
"Die Uni in Mannheim hat mir ein attraktives Angebot gemacht, zudem haben mich familiäre Gründe dazu bewogen, nach Deutschland zurückzukehren", sagt Kübler.
Wie gut der Ruf der deutschen Nachwuchsökonomen mittlerweile in den USA ist, zeigt das Bedauern, mit dem dort der Weggang von Krüger und Kübler kommentiert wird. "Der Weggang von Dirk und Felix ist ein Tiefschlag für die Wirtschaftsforschung in den USA", klagt Thomas Sargent, einer der renommiertesten US-Ökonomen.
Größer könnte das Lob für Deutschlands Jungforscher kaum ausfallen.
MALTE FISCHER
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
2012 2011 | 2010 | 2009 2008 | 2007 | 2006 2005 | 2004 | 2003 2002 | 2001 | 2000
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: