Thüringische Landeszeitung, 29.11.2006
Erfurt..(tlz/elo) "Deutschland ist wettbewerbsfähig. Aber die Binnennachfrage ist schwach, weil die Kaufkraft fehlt. Höhere Löhne lösen das Problem." Diese von führenden Wirtschaftswissenschaftlern vertretene These ist für Hans-Werner Sinn schlicht "Unfug". Der Präsident des Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München, war gestern Gast beim "Erfurter Dialog" in der Staatskanzlei und referierte zum Thema "Deutschland im Sturmwind der Globalisierung".
Für den ebenso renommierten wie streitbaren Experten ist das hohe Lohnniveau eine der Ursachen, warum die Bundesrepublik zwar Vize-Exportweltmeister ist, aber gleichfalls Vize-Schlusslicht beim Wachstum (14 Prozent) in Europa, nur noch von den Italienern (13,5 Prozent) unterboten. "Außen hui, innen pfui", nennt Sinne dieses aus seiner Sicht "deutsche Rätsel", für das er aber gleich eine Antwort parat hat: "Die Deutschen sind sich gegenseitig zu teuer geworden", ist er überzeugt. Das sehe man auch daran, dass nur noch reiche Deutsche Urlaub im eigenen Land machen könnten, die Armen müssten nach Mallorca.
Als Ausweg aus der Misere, dass zwar heimische Unternehmen, nicht aber die Arbeiter wettbewerbsfähig sind, und Tausende Jobs durch Verlagerung in osteuropäische Billiglohnländer verlorengingen, schlägt Sinn Lösungsansätze vor: Staatliche Lohnzuschüsse hält er dabei für unumgänglich. Dabei gebe es viele Varianten, eine davon sei das Bürgergeld, das Ministerpräsident Dieter Altbaus (CDU) propagiert. Auch die "Frührente bei freiem Zuverdienst" hält der Ifo-Chef für eine zwingend notwendige Reformmaßnahme. Der deutsche Weg über Sozialhilfe sowie Arbeitslosengeld I und 11 sei auf die Dauer nicht durchzuhalten. Damit werde die Arbeitslosigkeit gefördert, bei Lohnzuschüssen die Arbeit.
Einer der Schlüssel zum Erfolg ist für den Volkswirt auch die Bildung - mit einer Vorschule ab dem dritten Lebensjahr und der Ganztagsschule. Wenn deutsche Arbeiter schon teurer seien als osteuropäische, dann müssten sie zumindest besser sein, sagt Sinn.
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