Der Spiegel 17.02.2007, no. 8, p. 99
Eine neue Studie über die Folgen der Euro-Einführung zeigt: Deutschland zählte zunächst zu den Verlierern - und nun zu den Gewinnern der gemeinsamen Geldpolitik.
Am Anfang herrschte Überschwang. Der Euro werde den Handel beflügeln, „gerade auch zum Vorteil der stark exportorientierten deutschen Volkswirtschaft", schwärmte der damalige Finanzminister Theo Waigel kurz vor Einführung der Gemeinschaftswährung. Und Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer verkündete, der Euro werde „Europa Vorteile bringen - politisch und wirtschaftlich".
Wissenschaftler setzten sogar schon darauf, dass Konjunkturunterschiede zwischen den Teilnehmerländern verschwinden würden. Ein ganzer Kontinent schien auf dem Weg in den ökonomischen Gleichschritt. Acht Jahre und eine Rezession später fallen die Urteile deutlich nüchterner aus. In getrennten Untersuchungen ziehen Fachleute aus Wissenschaft und Bundesregierung nun Zwischenbilanz. Resultat: Der Euro war nicht für alle immer nur vorteilhaft, es gab auch Verlierer. Und Deutschland gehörte lange dazu.
„Inzwischen" wirke sich die Währungsunion günstig auf die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und Europa aus, heißt es in einer internen Analyse des Bundeswirtschaftsministeriums. Im Klartext: Anfangs entfaltete die gemeinsame Währung nicht ganz so segensreiche Wirkungen. So habe das durchschnittliche Wachstum im Euro-Raum zwischen 2001 und 2005 nur bei 1,4 Prozent gelegen, in Deutschland sogar nur bei der Hälfte.
Andere Länder wie Spanien (3,1 Prozent) oder Irland (5,1 Prozent) dagegen boomten. „Diese divergierenden Entwicklungen im Euro-Raum haben die Wirtschafts- und Währungsunion in ihren ersten Jahren sozusagen einem ´Stresstest´ ausgesetzt", schreiben die Experten von Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU).
Ähnlich argumentiert eine unabhängige europäische Wissenschaftlergruppe rund um den Münchner Wirtschaftsprofessor Hans-Wemer Sinn, die sich zur „European Economic Advisory Group", einer Art europäischem Sachverständigenrat, zusammengetan hat. In ihrem Gutachten, das sie Ende Februar vorstellen wollen, haben die Wissenschaftler eine Messzahl für den „länderspezifischen Stress" in der Währungsunion ermittelt. Welche Länder wurden letztlich von der gemeinsamen Geldpolitik begünstigt, welche benachteiligt?
In einer Simulationsrechnung kalkulierten die Forscher, ob eine nationale Notenbank die Zinsen für die Mitgliedsländer eher gesenkt oder heraufgesetzt hätte. Ihr Ergebnis: Von 1999 bis 2006 hätten die Zinsen in Deutschland im Schnitt 0,4 Prozent unter dem Wert der Europäischen Zentralbank liegen müssen. Für Frankreich gilt eine ähnliche Größenordnung. Niedrigere Zinsen hätten das Wachstum in beiden Ländern stimuliert, so aber wurde es gebremst.
Im Boomland Spanien dagegen hätten die Zinsen einen knappen Prozentpunkt höher ausfallen müssen, in Irland sogar 1,2 Prozentpunkte, um die überschäumende Konjunktur zu dämpfen und die Preissteigerungsraten zu drosseln. Stattdessen wurde der Boom also zusätzlich befeuert.
„Die Ergebnisse sprechen nicht dafür, dass sich der Konjunkturverlauf in den Mitgliedsländern zunehmend angleicht", schreiben die Forscher. Offenbar ist das Gegenteil der Fall. Ursache sind von Land zu Land unterschiedliche Realzinsen, also die Differenz von Notenbankzins und Inflationsrate.
In Ländern mit hohem Wachstum wie Spanien steigen die Preise schneller. Der Realzins tendiert gegen null, wird vielleicht sogar negativ, was den Investitionen und damit dem Wachstum zusätzlichen Schub verleiht. In Staaten mit dürftigem Plus, zu denen lange auch Deutschland gehörte, ist es umgekehrt.
Kurzfristig sind stabile Preise in einer Währungsunion also von Nachteil, langfristig helfen sie. Weil die Preise in Deutschland weniger stark stiegen als anderswo, erarbeitete sich das Land über die Jahre hinweg einen Kostenvorteil. Vor allem der Preis für Arbeit, die Löhne also, legte weniger stark zu als in den Nachbarländern.
Seit Einführung des Euro stiegen die Lohnstückkosten m Deutschland nur um 2,5 Prozent, im restlichen Euro-Raum dagegen um 18 Prozent. „Durch diese Lohnzurückhaltung hat sich die Wettbewerbsfähigkeit und damit die Export-Performance Deutschlands verbessert", stellen die Fachleute aus dem Wirtschaftsministerium zufrieden fest. Hinzu kamen Sozialreformen und Haushaltskonsolidierung: „Der Euro wirkte als Katalysator für Strukturreformen."
Die Entwicklung zahlt sich mittlerweile aus. Im vergangenen Jahr wuchs die deutsche Wirtschaft um 2,7 Prozent, so stark wie seit 2000 nicht mehr. Der Schwung setzt sich dieses Jahr trotz Mehrwertsteuererhöhung fort. Konjunkturexperten der Bundesregierung halten es angesichts der guten Lage für unausweichlich, dass sie ihre Prognose für 2007 von 1,7 Prozent auf 2 Prozent heraufsetzen werden.
Erfolg nährt den Erfolg. 2006 wechselte Deutschland beim Zinsvergleich das Lager. Der EZB-Zins lag für das neue Boomland 0,4 Prozent unter dem Niveau, das die Bundesbank gewählt hätte, errechneten die Ökonomen. Jetzt profitiert also auch Deutschland von der einheitlichen Geldpolitik. Die günstige Entwicklung stimmt die Glos-Ministerialen milde: „Wie die wirtschaftliche Erholung des Jahres 2006 zeigt, hat die Wirtschafts- und Währungsunion ihren Härtetest insgesamt erfolgreich bestanden." CHRISTIAN REIERMANN
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