Saarbrücker Zeitung, 16.12.2005
Eine finanzielle Entlastung von Familien könnte den Bundesbürgern wieder mehr Lust auf Kinder machen. Derzeit würden Familien durch das Steuer- und Sozialsystem "erheblich diskriminiert", meinen Experten.
Von merkur-Korrespondent Stefan Vetter
Berlin. Die Gründe sind schnell bei der Hand, wenn Kinderlose auf ihre Entscheidung gegen den Nachwuchs zu sprechen kommen. 47 Prozent halten Kinder für eine zu große finanzielle Belastung. 37 Prozent meinen, dass ein Sprössling der beruflichen Karriere abträglich sei. Was die Demoskopen in Allensbach zu Tage förderten, hat viel mit den politischen Rahmenbedingungen zu tun, wie ein Expertengremium unter Leitung des früheren sächsischen Ministerpräsidenten, Kurt Biedenkopf (CDU), im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung herausfand: Nicht nur, dass die staatliche Familienförderung an der Lebenswirklichkeit unverheirateter Paare oder Alleinerziehender vorbei geht. Durch das Steuer- und Sozialsystem würden Familien schlicht diskriminiert, betonte Biedenkopf bei der Vorstellung des Kommissionsberichts gestern in Berlin.
Trotz Kindergeld und Freibeträgen sind Familien gegenüber Kinderlosen spürbar benachteiligt. Von ihrem Nutzen profitiert dagegen die ganze Gesellschaft. Und der Gewinn ist erheblich. Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans Werner Sinn, betrachtet Kinder gar als Stützpfeiler der Staatsfinanzen. Seine Mitarbeiter kamen zu erstaunlichen Berechnungen: Ein im Jahr 2000 geborenes Kind, das sich hinsichtlich seines Bildungsverhaltens, der Erwerbsbeteiligung sowie der eigenen Kinder als durchschnittlich erweist, bringt der Staatskasse nach Abzug aller staatlichen Transfers langfristig etwa 77000 Euro ein. Der Überschuss resultiert in erster Linie aus den Beiträgen zur Sozialversicherung.
Zur Überwindung der Ungerechtigkeiten schlägt die Kommission ein Bündel von Maßnahmen vor. Zum einen soll das steuerliche Ehegattensplitting durch ein Familiensplitting ergänzt werden. Im Ergebnis würden die Kinderfreibeträge erheblich steigen. Bei niedrigen oder gar steuerfreien Einkommen sollen staatliche Transfers für Entlastung sorgen. Zum anderen plädieren die Experten für eine so genannte Kinderrente für Eltern. Der allgemeinen Alterssicherung dient dann nur noch eine beitragsfinanzierte Grundrente. Die zusätzliche Kinderrente könnte durch Steuern aufgebracht werden. Kinderlose müssten für diese ergänzende Altersvorsorge selbst sparen. Damit ließe sich nicht zuletzt die Illusion bekämpfen, wonach das Auskommen im Alter dank eines kollektiven Versicherungssystems auch ohne eigene Kinder gewährleistet sei, betonte Biedenkopf.
Ohne eine Veränderung der Arbeitswelt wird sich der Kinderwunsch natürlich genau so wenig beflügeln lassen. Deshalb regen die Experten familienfreundliche Prioritäten bei betriebsbedingten Kündigungen an. Vorrangig soll nicht mehr die Schutzwürdigkeit älterer Arbeitnehmer sein, sondern. die von allein erziehenden Müttern oder Vätern. Kritik melden die Fachleute an der geplanten Verlängerung der Probezeit auf zwei Jahre an. Die Ungewissheit über einen gesicherten Arbeitslohn könne den frühzeitigeren Kinderwunsch behindern.
Bei der Einführung eines einkommensabhängigen Elterngeldes favorisieren die Experten ausdrücklich das SPD-Konzept. Es sieht vor, das Elterngeld nach dem Nettoeinkommen des Elternteils zu bemessen, der nach der Geburt des Kindes tatsächlich beruflich pausiert. Eine solche Regelung könnte die zumeist besser verdienenden Väter eher dazu animieren, sich um den Nachwuchs zu kümmern. Die Union möchte das Elterngeld dagegen nach dem gemeinsamen Familieneinkommen bemessen, was die traditionelle Rollenverteilung - Vater verdient, Mutter bleibt daheim - zementieren würde. Wer sich hier in der großen Koalition am Ende durchsetzt, ist offen.
Paris. Ab Montag werden erstmals in der Geschichte rechnerisch 6,5 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Dies teilte das nationale französische Institut für Bevölkerungsstudien (Ined) auf Basis von UN-Statistiken gestern in Paris mit. Demnach hat der 6,5-milliardste Erdenbürger statistisch gesehen die größten Chancen in Asien auf die Welt zu kommen, wo zur Zeit 57 Prozent aller Geburten stattfinden. Die Schwelle von sechs Milliarden Menschen war 1999 überschritten worden. Die Vereinten Nationen hatten das Ereignis gefeiert, indem sie vier Jahre nach Ende des Balkan Konflikts symbolisch ein in Bosnien geborenes Baby als sechsmilliardsten Erdenbürger auswählten. Tatsächlich sind solche Stichtage eine politische Entscheidung, denn weltweite Bevölkerungsstatistiken weisen in der Regel eine Fehlerquote von einigen Prozent auf.
Es sei möglich, dass die 6,5-Milliarden-Schwelle bereits vor ein oder zwei Jahren überschritten worden sei oder aber dies erst 2006 oder 2007 der Fall sein werde, räumte Ined ein. Bis 2050 rechnen die Bevölkerungsforscher mit einem Anwachsen der Erdbevölkerung auf acht bis neun Milliarden Menschen. Täglich werden zur Zeit 365000 Menschen weltweit geboren. Nach Asien ist Afrika mit 26 Prozent aller Geburten der am stärksten wachsende Kontinent. Es folgen Lateinamerika (neun), Europa (fünf), Nordamerika (drei) und Ozeanien (weniger als ein Prozent). afp
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