Rheinische Post, 16.12.2005
Berlin Kinder bedeuten nicht nur persönliches Glück, sie sind auch volkswirtschaftlich ein Gewinn: Wer ein Kind in die Weit setzt, schenkt der Gesellschaft rund 77 000 Euro. Dies geht aus einer Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) hervor. Die Wissenschaftler haben ausgerechnet, was ein Kind durchschnittlich durch öffentliche Betreuung, Schule, kostenfreie Krankenversicherung, Kindergeld und andere Zuwendungen des Staates von der Gesellschaft bekommt (391 000 Euro), und was dieses Kind als Steuer- und Sozialabgabenzahler eines Tages zurückgibt (467 900 Euro). Unter dem Strich steht ein Plus von etwa 77 000 Euro. In die öffentlichen Kosten für das Kind wurden auch Steuer- und Abgabenausfälle eingerechnet, die der Staat hat, wenn Mutter oder Vater wegen der Kindererziehung nicht erwerbstätig sind. Im Durchschnitt sind das knapp 60 000 Euro. Die öffentlichen Kosten für Betreuung und Schule betragen pro Kind rund 51 000 Euro.
Ein weiteres Fundstück der Studie: Von den Kosten, die ein Kind verursacht, bis es 18 Jahre alt ist, finanzieren die Familien knapp 85 Prozent privat oder über ihre Steuern und Abgaben selbst. Die Kinderlosen steuern 15 Prozent bei.
Die Studie des ifo-Instituts wurde gestern zeitgleich mit einem neuen Bericht der Robert-Bosch-Stiftung zum demographischen Wandel veröffentlicht. Deutschland liegt mit seiner Geburtenrate von 1,3 Kindern pro Frau zwar noch knapp vor Italien und Spanien. Weltweit ist das aber die geringste Geburtenrate pro 1000 Einwohner. "Denn uns fehlen heute die Frauen im gebährfähigen Alter, die in den 70er und 80er Jahren nicht geboren wurden", erklärt Hans-Werner Sinn, Leiter des Ifo-Instituts und Mitautor des Demographie-Berichts.
Die Bevölkerung schrumpft und altert: Im Jahr 2003 lebten 82,5 Millionen Menschen mit einem Durchschnittsalter von knapp 41 Jahren in Deutschland. Im Jahr 2050 werden es voraussichtlich noch 76,3 Millionen Menschen sein, die im Durchschnitt gut 50 Jahre alt sind.
Die Autoren, zu denen auch der Verfassungsjurist Paul Kirchhof, die Landesbischöfin Margot Käßmann, Sachsens Ex-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und der Familienwissenschaftler Hans Bertram zählen, beklagen: Die Kosten der Kinder würden weitgehend von der Eltern aufgebracht. Ihr Nutzen komme der Allgemeinheit und damit auch all jenen zugute, die nicht in Kinder investiert hätten. Besonders groß sei die Ungerechtigkeit im Rentensystem. "Ziel muss es sein, die Leistungen wesentlich stärker nach Kinderzahl zu differenzieren", forderte Biedenkopf. Kinderlose müssten hingegen für ihre ergänzende Altersvorsorge selbst sparen, betonte er. Das von der Regierung geplante Elterngeld lobten die Familienexperten. Zudem fordern sie, das Ehegattensplitting in ein Familiensplitting umzubauen. Beim Kündigungsschutz sollten Väter und Mütter, vor allem Alleinerziehende, bevorzugt werden. Für Eltern müssten auch neue Lebensarbeitszeit-Modelle gefunden werden. Nur so könne man auch die stressige Phase, in der junge Menschen ihre Ausbildung abschließen, einen Job suchen und Kinder kriegen, entzerren. Nach Ansicht von Sinn werden flexible Arbeitszeitmodelle auch dazu führen, dass sich die Menschen wieder in jüngerem Alter entschließen, Kinder zu bekommen.
Von Eva Quadbeck
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