Münchner Merkur vom 13./14.04.2002
Von Gernot Nerb und Hans G. Russ *)
KONJUNKTUR-TEST BAYERN
Das Geschäftsklima in der bayerischen Wirtschaft hat sich im März nach den neuesten Ergebnissen des ifo Konjunkturtests spürbar aufgehellt. Impulse kamen erneut vor allem aus der Industrie; erstmals seit über einem Jahr überwogen hier bei der Einschätzung der Geschäftsaussichten wieder die positiven Stimmen. Besonders ausgeprägt ist die Besserung im Vorproduktbereich, was dafür spricht, dass die Firmen ihre Vormaterialien aufstocken. Aus diesem Grunde wollen insbesondere die Unternehmen aus der Chemie, aus dem Kunststoffbereich und aus der Industriekeramik ihre Produktion in den nächsten Monaten erhöhen. Aber auch in der Investitionsgüterindustrie sowie bei den Herstellern langlebiger Konsumgüter, vor allem Pkw und Elektrogeräte, zeigen die Frühindikatoren nach oben.
Auf den ersten Blick stehen diese positiven Signale im Gegensatz zu der sich ausweitenden Pleitewelle. Allerdings war auch schon zu Beginn früherer Aufschwungphasen zu beobachten, dass es vor dem unteren Wendepunkt zu einer Häufung von Insolvenzen kommt. Es dauert offenbar eine längere Zeit, bis die finanziellen Polster aufgebraucht sind. Um am Aufschwung teilnehmen zu können, benötigen die Unternehmen frisches Geld. Die Stunde der finanziellen Wahrheit schlägt also häufig erst am Ende der Abschwungphase. Auch die Beschäftigungsentwicklung zählt zu den konjunkturellen Spätindikatoren. Es nimmt daher nicht wunder, dass trotz verbesserter Geschäftsperspektiven die Personalpläne der Unternehmen noch weiter nach unten zeigen. Der Aufschwung muss schon wesentlich mehr an Fahrt aufnehmen, bevor die Unternehmen zusätzliche Arbeitskräfte einstellen. Bei den Datenverarbeitungs-Dienstleistern kündigt sich ähnlich wie in der Industrie eine konjunkturelle Wende nach oben an. In diesem Bereich beabsichtigt man sogar, bei wieder erhöhtem Fachkräftemangel den Personalbestand aufzustocken.
Sorgenkind der Konjunktur bleibt dagegen weiterhin die Bauwirtschaft. Hier haben sich die Geschäftserwartungen der Unternehmen sogar wieder verschlechtert. Auch im Einzelhandel ist man trotz einer Belebung die Geschäftslage immer noch weit von einem befriedigendem Niveau entfernt. In Anbetracht der übervollen Lager signalisieren die Pläne der Händler weitere Einschränkungen der Ordertätigkeit. Insgesamt weist das konjunkturelle Bild immer noch erhebliche Grautöne auf, obgleich die Farbtupfer zunehmen. Risiken für den weiteren Aufschwung würden sich ergeben, wenn der Ölpreis weiter steigt und längere Zeit auf dem hohen Niveau bleibt. Auch von der Lohnfront könnten Gefahren für die Preisstabilität ausgehen, was wiederum höhere Zinsen nach sich ziehen würde.
*) Gernot Nerb ist Leiter des Forschungsbereichs Unternehmensbefragung im ifo Institut. Hans G. Russ ist wissenschaftlicher Referent mit Schwerpunkt Regionalentwicklung.
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