Die Stimmung der deutschen Wirtschaft ist so gut wie seit mehr als fünf Jahren nicht mehr, die Erwartungen waren seit über elf Jahren nicht mehr so optimistisch. Das signalisiert der Ifo-Geschäftsklima-Index für die gewerbliche Wirtschaft, den das Münchener Wirtschaftsforschungsinstitut gestern bekannt gab. Der Aufschwung habe an Breite und Stärke gewonnen, erklärte der Chef des Forschungsinstituts, Hans-Werner Sinn. „Zweifel an der Festigkeit des Aufschwungs, der seit dem Sommer letzten Jahres im Gange ist, werden durch diese Ergebnisse noch weiter zurückgedrängt.“
Das Barometer kletterte im Januar auf 102 Punkte nach 99,7 Zählern im Vormonat - und damit auf den höchsten Wert seit Mai 2000. Die Geschäftsaussichten bewerteten die Firmen so gut wie seit November 1994 nicht mehr. Der entsprechende Index stieg im Vormonatsvergleich um vier Punkte auf 103,6 Zähler. Auch ihre aktuelle Geschäftslage beurteilten die rund 7 000 von Ifo befragten Unternehmer besser als noch im Dezember.
Volkswirte, waren von den Ifo Daten mehrheitlich überrascht. „Die Richtung hatten wir erwartet – aber nicht diese Höhe des Anstiegs“, sagte Eckhardt Wohlers, Konjunkturchef des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA). „Der Knoten ist geplatzt - zumindest für dieses Jahr“, sagte der Chefvolkswirt der Deka-Bank, Ulrich Kater.
Nach Auffassung von Jim O‘Neill, Chefvolkswirt von Goldman Sachs International, hat Deutschland jetzt die Chance, seine wirtschaftliche Führungsrolle in Europa wiederzugewinnen. „Die Unternehmen in Deutschland reagieren extrem gut auf die Herausforderungen der Globalisierung“, sagte O‘Neill in Davos am Rande des Weltwirtschaftsforums, das gestern eröffnet wurde. Laut O‘Neill stehe die deutsche Wirtschaft unmittelbar vor jenem Punkt, an dem sich die boomende Exportwirtschaft auf die Binnenkonjunktur niederzuschlagen beginnt.
Insgesamt stützen die Ifo-Ergebnisse die allgemeine Einschätzung, dass es 2006 zu einem konjunkturellen Aufschwung kommen wird. Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute, darunter auch das Ifo-Institut, rechnen in diesem Jahr mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zwischen 1,4 und 1,7 Prozent.
Damit liegt die Wachstumsprognose der Bundesregierung, die gestern im Jahreswirtschaftsbericht offiziell vorgestellt wurde, am unteren Rand dieser Erwartungen: Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) rechnet in diesem Jahr mit einem Anstieg um real 1,4 Prozent. In diese Vorausschau seien die Beschlüsse der Kabinettsklausur in Genshagen weitgehend eingearbeitet. Von den Koalitionspartnern sei ausdrücklich eine vorsichtige Schätzung gewünscht worden, sagte Glos zur Begründung. Allerdings könne das Wachstum im günstigsten Fall bis zu zwei Prozent erreichen.
Im nächsten Jahr werde die Konjunktursituation wegen der geplanten Mehrwertsteuererhöhung je doch schwieriger, räumte Glos ein. Er prognostiziert für 2007 nur noch ein Wachstum „um ein Prozent“. Unverzichtbar sei ein Anziehen des privaten Verbrauchs.
Dafür geben die Ifo-Daten zumindest verhalten Hoffnung. „Es wird in diesem Jahr eine gesunde Belebung geben“, sagte Ifo-Volks wirt Klaus Abberger. Neben den Vorzieheffekten infolge der für 2007 angekündigten Mehrwertsteuererhöhung würde dazu auch das Großereignis Fußball-Weltmeisterschaft beitragen. „Eine durchgreifende Wende erreichen wir ohne Besserungen auf dem Arbeitsmarkt aber nicht.“ Das Ifo-Beschäftigungsklima signalisiere immerhin, dass der Beschäftigungsabbau an Schwung verliere, Noch immer wollten aber mehr Unternehmen Mitarbeiter entlassen als einstellen.
Nach Ansicht des Ifo-Insituts könnte der stabilere Aufschwung in Deutschland der EZB bald einen Grund für eine Zinsanhebung liefern. Sinn, der die EZB wiederholt vor Erhöhungen gewarnt hatte, räumte ein: ,, Man kann nicht ihr Recht bestreiten, die Zinsen in einer solchen Situation anzuheben.“ Ökonomen rechnen mehrheitlich mit einer Zinserhöhung im März. Deka-Volkswirt Kater hält allerdings die Zeit für eine Zinserhöhung nicht für gekommen. „Da hätten wir eine Überraschung bei den Inflationszahlen erwarten müssen“, sagte er.
Die Lebenshaltungskosten in Deutschland sind im Januar gegen über Dezember aber unerwartet deutlich gesunken: Die Verbraucherpreise, basierend auf vorläufigen Berechnungen aus sechs Bundesländern, gaben um 0,5 Prozent nach, teilte das Statistische Bundesamt gestern mit. Gegenüber dem Vorjahr blieb der Preisanstieg mit 2,1 Prozent konstant.
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