Forum Politikunterricht, 12.2006, Nr. 3, S.19f
Hans-Werner Sinn, der renommierte Chef des Münchner ifo-Institutes, erläuterte seine Thesen zur Basarökonomie, mit denen er in letzter Zeit vielfach Schlagzeilen gemacht hat. Er will damit „das deutsche Rätsel" erklären, dass die deutsche Wirtschaft nach wie vor eine hervorragende außenwirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit aufweist (Vize-Weltmeister beim Export von Gütem und Dienstleistungen), im Wachstum aber in der letzten Dekade weit zurückgefallen ist (fast europäisches Schlusslicht): „Außen hui, innen pfui"! Die Wachstumsschwäche geht auf eine extrem niedrige Investitionsquote (2005: 2,6) trotz hoher inländischer Spartätigkeit zurück. Zwei Drittel dieser Ersparnis gingen z.B. 2005 in Form von Nettokapitalexporten ins Ausland (ein Spiegelbild des deutschen Leistungsbilanzüberschusses!). und damit werden Arbeitsplätze exportiert.
Sinn macht als entscheidende Ursachen für diese Entwicklung die Globalisierung und den Fall des Eisernen Vorhangs mit der anschließenden marktwirtschaftlichen Öffnung jener Länder (einschl. China und Indien) aus. Seitdem sehen sich die westlichen OECD-Länder (15 der Weltbevölkerung) mit der dreifachen Zahl an neuen Mitspielern am Weltmarktspiel konfrontiert. Via Handel mit Gutem und Kapital, aber auch via Migration, entsteht ein Weltarbeitsmarkt, auf dem die Newcomer mit extrem niedrigen Arbeitskosten konkurrieren. Derartige Lohnunterschiede führen notwendigerweise zu Anpassungs- bzw. Konvergenzprozessen, wobei sich die Kostenvorteile der osteuropäischen und erst recht der asiatischen Länder - das zeigt die Erfahrung - erst im Laufe von Jahrzehnten spürbar verringern werden.
Die deutschen Unternehmen haben angesichts jener Herausforderungen versucht, sich durch Rationalisierung bzw. Automatisierung (vor allem in den 70er und 80er Jahren) und seit den 90er Jahren durch Outsourcing- bzw. Offshoring-Aktivitäten (anstelle der Eigenproduktion Einkäufe bei in- und ausländischen Lieferanten bzw. Standortverlagerungen ins Ausland in Form von Direktinvestitionen) über Wasser zu halten. Sie blieben damit international wettbewerbsfähig, konnten den Export sogar ausbauen und Deutschlands traditionelle Rolle als Industriebasar der Welt aufrechterhalten. Kehrseite dieser positiven Story ist, dass sich die Unternehmen bei ihren Anpassungsbemühungen vieler deutscher Arbeitsnehmer entledigten. Im Ergebnis waren im letzen Winter rund 5 Mio. Arbeitnehmer arbeitslos, also nicht ausreichend wettbewerbsfähig. Parallel dazu stieg der Importanteil an den deutschen Warenexporten geradezu dramatisch von 27 (1991) auf 42 (2005) an bzw. nahm der Anteil der inländischen Wertschöpfung am Wert der deutschen Industrieprodukte spürbar ab, was Hans-Werner Sinn als eigentlichen Basareffekt bezeichnet: „Der Tresen löst sich von der Werkbank". Zwar konnte dieser Wertschöpfungsverlust pro Stück durch den Exportboom sogar überkompensiert werden, aber eben zu Lasten der inländischen Beschäftigung (die Wertschöpfung umfasst ja auch die Einkommen in Form von Gewinnen, Pachten, Mieten, Lizenzgebühren usw., die überproportional zugenommen haben): Sie nahm allein im verarbeitenden Gewerbe zwischen 1991 und 2003 um 27 ab - ein internationaler Spitzenwert -, ohne dass sie in der übrigen Wirtschaft zugenommen hätte: „Von neuen Handelsgewinnen, wie sie in der Lehrbuchwelt bei fortschreitender internationaler Arbeitsteilung = Globalisierung zu erwarten sind, also keine Spur".
Das diesbezügliche Haupthindernis sieht Sinn in den zu hohen und nach unten starren Arbeitskosten in Deutschland, die dazu führen, dass Arbeitskosten im Inland so weit wie möglich eingespart werden. Das „deutsche Rätsel" erklärt sich also insoweit, dass zwar die deutschen Unternehmen durch die beschriebenen Anpassungsreaktionen wettbewerbsfähig bleiben, insbesondere die kapitalintensive Exportindustrie, nicht aber die deutschen Arbeitnehmer. Daher ist auch der Exportboom für Sinn unter strukturellen Aspekten eher problematisch, er trägt „pathologische Züge". Wären die Arbeitskosten in Deutschland niedriger gewesen, so hätte dies die beschriebenen Umstrukturierungsprozesse gebremst. Weniger Industriebeschäftigung wäre in Deutschland verloren gegangen. Dabei hängt gerade in Deutschland der Wohlstand in besonderem Maße an der Industrie: „Dafür sehe ich nach wie vor keinen Ersatz."
Was also tun? Sinn beschrieb fünf Alternativen, die grundsätzlich zur Problemlösung infrage kämen: 1. Ein Weg sei, alles den Märkten zu überlassen, also „Kapitalismus pur ä la Thatcher"; er führe zu starker Lohnspreizung, weil der Lohn für niedrig qualifizierte Arbeit gewaltig unter Druck komme. „Dies wollen wir aber nicht." 2. Die zweite Alternative („Der Königsweg") impliziere erhebliche Bildungsanstrengungen, denn wenn man nicht billiger sein könne als die Konkurrenz, dann müsse man besser ein. Diese Strategie, die eine Totalüberholung des deutschen Bildungssystems erfordere, einschließlich der Abschaffung des dreigliedrigen Halbtagsschulsystems, lasse aber erst langfristig Erfolge erwarten, sie reiche auf mittlere Sicht nicht aus. 3. Eine dritte Lösung war bisher der deutsche Sozialstaat: man zahlt den nicht mehr wettbewerbsfähigen Arbeitskräften Lohnersatz (Sozialhilfe, ALG II). Sie führt, wie immer deutlicher geworden ist, zu steigender Arbeitslosigkeit, also in die Sackgasse. 4. Es bleibe noch die skandinavische Lösung, die Sicherung des Beschäftigungsniveaus durch hohe staatliche Beschäftigung (sie sei dort fast dreimal so hoch wie in Deutschland). 5. Sinns Präferenz liegt aber („Der beste Weg") beim „aktivierenden Sozialstaat", der eine Spreizung der Lohnstruktur gestattet (Niedriglohnsektor), aber all denjenigen, die durch ihre Arbeitstätigkeit in der Privatwirtschaft kein ausreichendes Einkommen erwirtschaften, das kulturelle Existenzminimum durch ein zweites staatliches Einkommen gewährleistet. Billig sei diese Lösung nicht, aber besser das Mitmachen unterstützen als das Nichttätigsein. (Zusammenfassung: Prof. Dr. Peter Hampe)
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