Finanzplaner 3/2006, S. 43-45
Wie entwickelt sich die Wirtschaft in den kommenden Monaten? Um diese Frage streitet jede Bundesregierung mit angesehenen Wirtschaftsprofessoren. Doch wer bestimmt diese Diskussion eigentlich?
Drei Mal im Jahr steigt der Puls bei Politikern und Anlegern deutlich an. Verantwortlich dafür sind sechs deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute und fünf Wirtschaftsprofessoren, die im Auftrag des Bundesfinanzministeriums verschiedene Gutachten erstellen. Darin erklären sie der Regierung und der Öffentlichkeit, wie es in den kommenden Monaten mit der Konjunktur weitergehen wird und wie die Politiker darauf reagieren sollten. Die Aussagen werden mit Spannung erwartet, denn die Meinungen der Wirtschaftsforscher bewegen die Märkte. Sind die Aussichten gut, fühlen sich Politiker bestätigt, und der DAX, der wichtigste deutsche Aktienindex, honoriert die positiven Meldungen mit steigenden Kursen. Stellen die Fachleute der Politik allerdings ein schlechtes Zeugnis aus und türmen sich am Konjunkturhorizont eher dunkle Wolken, versuchen die politischen Verantwortlichen die Bedeutung der Gutachter herunterzuspielen, und die Anleger ziehen ihr Geld von der Börse ab und flüchten in sichere Anlageformen.
GUTACHTEN VON INSTITUTEN UND PROFESSOREN
Die Gutachten, die jedes Jahr im Frühjahr und im Herbst erscheinen, werden von einer Arbeitsgemeinschaft erstellt, die seit 1950 besteht. Dazu gehören das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW/Berlin), das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA), das Münchener ifo Institut für Wirtschaftsforschung, das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Köln und das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (Essen). Seit 1993 gehört auch das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) dazu. Nicht zu verwechseln sind die Wirtschaftsforschungsinstitute mit den Experten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Diese "Fünf Wirtschaftsweisen" beraten die jeweilige Bundesregierung zwar ebenfalls unabhängig bei wirtschaftlichen Fragen, allerdings nicht als Auftrag, sondern auf Basis eines Gesetzes. Zu diesem Zweck veröffentlichen fünf angesehene Universitätsprofessoren jedes Jahr im November ein mehrere hundert Seiten starkes Gutachten, in dem sie "Fehlentwicklungen und Möglichkeiten zu deren Vermeidung aufzeigen, jedoch keine Empfehlungen für bestimmte wirtschafts und sozialpolitische Maßnahmen aussprechen". In der Praxis geizen die Mitglieder des Rates allerdings nicht mit tatkräftigen Ratschlägen und handfester Kritik an den politischen Entscheidungen.
UNTERSCHIEDLICHE EINSCHÄTZUNGEN
Seit den fünfziger Jahren gehören diese Präsentationen im Frühjahr und im Herbst zu den festen Terminen im wirtschaftlichen Alltag der Republik. Auch wenn sich die Meinungen teilweise stark unterscheiden. So hofft ifo-Chef Hans-Werner Sinn nach fünf Jahren Flaute auf einen "nicht zu übertreffenden Boom" bis 2008, der auch Dämpfer wie die höhere Mehrwertsteuer aushalte. Dagegen erklärte RWI-Konjunkturexperte Roland Döhrn: "Wenn der Ölpreis weiter durch politische oder militärische Risiken in die Höhe getrieben wird, schlägt das direkt auf die deutsche Konjunktur durch. Es ist zu befürchten, dass der Absturz der deutschen Wirtschaft im nächsten Jahr umso stärker ausfällt." Die Institute kennen das Problem. "Niemand hat ein perfektes Wissen über alle gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge", erklärt ifo-Vorstand Gebhard Flaig. Wie in anderen Wissenschaften gebe es auch in der Wirtschaftsforschung konkurrierende Modelle und Theorien. Trotzdem herrsche in vielen Fragen eine große Übereinstimmung zwischen den Instituten. So sei unumstritten, dass für eine höhere Beschäftigung Reformen auf dem Arbeitsmarkt notwendig seien, durch die die Flexibilität des Arbeitsmarktes erhöht werde.
NÜTZLICHEVORHERSAGEN - TROTZ KRITIK
Kritische Stimmen behaupten allerdings, dass eine Wettervorhersage mittlerweile zutreffender sei als die Einschätzungen der Wirtschaftsexperten. So lagen die Institute wie auch der Sachverständigenrat in den vergangenen Jahren teilweise kräftig daneben. "Die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung lässt sich nie perfekt prognostizieren", erläutert Flaig und ergänzt, dass sich das wirtschaftliche und politische Umfeld häufig und in unerwarteter Weise ändere. Regierungen ändern ihre Wirtschaftspolitik, Konsumenten und Unternehmen überdenken ihre Einschätzung und passen ihre Pläne politischen Entscheidungen an. Bisweilen müssen die Institute ihre Meinung dann auch drastisch anpassen. So halbierten die großen Wirtschaftsforschungsinstitute im Frühjahrsgutachten 2005 ihre Prognose kurzerhand von 1,5 Prozent auf 0,7 Prozent. Trotzdem belegt eine Studie, die Vorhersagen aus den vergangenen 30 Jahren von 14 Institutionen auswertete, dass die Propheten die Konjunktur zwar oft zu optimistisch vorhersagen, in der Tendenz aber meistens richtig liegen. "Trotz der im Einzelfall unvermeidlichen Prognosefehler sind deshalb Konjunkturprognosen für die Öffentlichkeit nützlich", betont Flaig. Denn Unternehmen, Wirtschaftsverbände und nicht zuletzt viele Bürger richten ihre Entscheidungen mehr oder weniger bewusst an den Aussagen der Institute aus. Nicht nur, wenn die Institute ihre gemeinsame Einschätzung veröffentlichen. Auch die fast täglichen Äußerungen verfehlen ihre Wirkung oft nicht. Die bekanntesten laufenden Veröffentlichungen sind der ZEW- und der ifo-Index. Das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) befragt rund 300 Aktienanalysten und institutionelle Anleger, wie sie die Entwicklung der Konjunktur und der Kapitalmärkte einschätzen. Das Münchener ifo Institut für Wirtschaftsforschung verarbeitet dagegen die Einschätzung von etwa 7.000 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen in dem ebenfalls viel beachteten ifo Geschäftsklima-Index. Steigen die Indizes, kaufen Anleger Aktien, verschlechtert sich die Stimmung, ist das für viele ein Signal zum Verkaufen.
ÜBER DIE POLITIK HINAUS
Doch nicht nur zur wirtschaftlichen Entwicklung haben die Institute eine Meinung. Egal, ob es um Arbeitslosigkeit, Gesundheitsreform oder Steuern geht, ja sogar zu den Auswirkungen der Fan-Euphorie zur Fußballweltmeisterschaft kamen Stimmen aus den Instituten. So fließen Vorschläge der Institute immer wieder in die Gesetzgebung ein. "Die Institute werden von der Politik häufig zur Beratung hinzugezogen, sei es in Form von Gutachten oder durch Anhörungen im Bundestag oder Landtag", bestätigt Professor Thomas Bauer, Mitglied im Vorstand des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen. "Der Rat der Institute ist also durchaus gefragt", allerdings hänge der Einfluss der Wirtschaftsforschungsinstitute von der Überzeugungskraft der vorgelegten Ideen und Konzepte ab, ergänzt ifo-Vorstand Flaig.
SO UNABHÄNGIG WIE MÖGLICH
Finanziert werden die als unabhängig geltenden Institute wesentlich vom Bundesland, in dem sie ihren Sitz haben, und vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit. Den übrigen Teil müssen sie sich durch Auftragsstudien für Unternehmen und Spenden verdienen. Zudem zahlt das Wirtschaftsministerium jedes Jahr 1,3 Millionen Euro für das Frühjahrs- und das Herbstgutachten sowie weitere 1,7 Millionen Euro für die Gutachten des Sachverständigenrates. Das Sprichwort "Wes Brot ich ess', des Lied ich sing" gelte nach Einschätzung des RWI allerdings nicht. Durch Gefälligkeitsgutachten würden die Institute ihre Glaubwürdigkeit und damit auch ihre Überlebensfähigkeit verlieren. Dasselbe gelte für eine ideologische Vorprägung der Institute, die ihnen häufig nachgesagt werde, in der Realität aber weniger stark ausgeprägt sei, so RWI-Vorstand Bauer. So wird dem DIW eine Nähe zu den Gewerkschaften nachgesagt, während das Institut für Weltwirtschaft als arbeitgebernah gilt. Auch hier stehe die Glaubwürdigkeit der Institute auf dem Spiel. Eine absolute Unabhängigkeit oder Objektivität gebe es allerdings ohnehin nicht, auch nicht in der Wissenschaft.
Diese sechs Institute geben zwei Mal im Jahr die Konjunkturprognose heraus, die so genannten Frühjahrs- und Herbstgutachten:
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW/Berlin) Das 1925 gegründete DIW ist das größte Wirtschaftsforschungsinstitut in Deutschland. Dem Institut wird eine große Nähe zu den Gewerkschaften nachgesagt.
Institut für Weltwirtschaft (IfW/Kiel) Das Kieler Institut gilt als Gegenpol zum DIW. Wegen der starken marktwirtschaftlichen Prägung gilt es auch als arbeitgebernah.
Institut für Wirtschaftsforschung (ifo/München) Das Münchener Institut ist vor allem durch seinen Geschäftsklima-Index bekannt. Er gilt als Frühindikator für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. ifo-Chef Hans-Werner Sinn ist vor allem wegen seiner Meinung im Bereich der Sozialpolitik gefragt.
Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (RWI/Essen) Das RWI konzentriert sich auf die wirtschaftliche Entwicklung der deutschen Wirtschaft und in bedeutenden, Industrieländern. Profilieren will RWI-Präsident Christoph sein Institut vor allem in den Bereichen Arbeitsmarkt und Bildung.
Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) Das einzige ostdeutsche Institut wurde 1992 gegründet. Der Schwerpunkt liegt auf Analysen der ostdeutschen Wirtschaft und des Arbeitsmarktes in den neuen Ländern sowie den Veränderungen in den Ländern Mittel- und Osteuropas.
Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) Das HWWA versteht sich selbst als ein dienstleistungsorientiertes Forschungsinstitut Es beschäftigt sich vor allem mit der Internationalisierung der Wirtschaft und der europäischen Integration. Ende des Jahres stellt es seine Arbeit ein.
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