Financial Times Deutschland, 23.09.2005, S. 18
Ziemlich daneben lagen die Meinungsumfragen vor der Wahl: Alle Forschungsinstitute prognostizierten mehr als 40 Prozent für die Union- erreicht wurden 35,2 Prozent. Die Wahlbörsen, ein Lieblingsspielzeug der Ökonomen, waren nur marginal besser: Auch sie sahen die Union knapp über 40 Prozent.
Bisher haben Volkswirte noch einiges drauf gesetzt, dass sich Wahlen besser prognostizieren lassen, wenn deren Ausgang durch Angebot und Nachfrage autarisiert wird. Die Idee: An einer elektronischen Wahlbörse werden die Parteien als Wertpapiere gehandelt. Und weil die Spekulanten für richtige Prognosen entsprechend Geld bekommen, so das Kalkül, werden sie Informationen zu sammeln und berücksichtigen versuchen, die in die üblichen Umfragen nicht eingehen. Wenn ein Händler spezielles Wissen hat, dass die Chancen etwa der FDP besser stehen, als das der aktuelle Kurs spiegelt, investiert er kräftig in die Aktien dieser Partei. Der Kurs steigt.
Schon vor den Wahlen von Sonntag war Beobachtern indes aufgefallen, dass die Wahlbörsianer dazu tendieren, kleine Parteien überzubewerten. Ein Grund hierfür könnte sein, dass es unter den Wahlbörsianern einfach überproportional viele Sympathisanten von Grünen und FDP gibt - und diese auch ihre Wünsche in die Kurse miteinfließen lassen, was sie als rationale Händler eigentlich nicht sollten. Wie die Ökonomen Michael Berlemann aus Dresden und Carsten Schmidt aus Mannheim herausfanden, waren Grünen-Sympathisanten zum Teil dreimal so häufig an Wahlbörsen tätig, wie es ihrem Anteil an der Wählerschaft entspricht.
Ein weiterer Schwachpunkt der Börsen kam auch jetzt zum Tragen. Die Kurse korrelieren am Ende doch stark mit den Umfragen: Bei Wahlen, in denen die Demoskopen daneben lagen, lagen auch die Börsen falsch. Offensichtlich verlassen sich die Händler eben doch sehr stark auf die Umfrageergebnisse.
Das Prognose-Debakel vom Wochenende führt Schmidt darauf zurück, dass Händler wie Demoskopen nicht wussten, welcher Teil der Bevölkerung tatsächlich zur Wahl gehe. "Die Information, dass so wenig Wähler die Union wählen würden, war einfach bei den Marktteilnehmern nicht vorhanden", so Schmidt. "Und wenn keiner der Händler die Information hat, kann sie auch nicht in den Kurs einfließen."
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