Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.10.2002, S. 19
Einmal im Monat bewegt der Geschäftsklima-Index des Münchener Ifo-Instituts die Märkte. Selbst jene erwarten derzeit gespannt die Ifo-Veröffentlichung, für die die vielen Daten über die Stimmung; in den deutschen Unternehmen nur ein kaum verständlicher Zahlenberg sind. Denn der Ifo-Index ist nun einmal der beste Stimmungsindikator für Deutschland und damit ein entscheidender konjunktureller Frühindikator.
Bis vor einigen Monaten ähnelte die Decodierung des Index derweil einer Geheimwissenschaft. Das Institut veröffentlichte lediglich lange Zahlenreihen und überließ deren Interpretation den selbsternannten Fachleuten aus Banken und Medien.
Das hat sich geändert. Nun erläutert Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn höchstselbst in einer Pressemitteilung die Zahlen. Er hat zwar mit der Ermittlung des Index so gut wie nichts zu tun. Aber mit dem Geschäftsklima ist das Ifo-Institut einmal monatlich in den Schlagzeilen. Für Sinn ist es da selbstverständlich, daß er selbst die damit verbundene Nachricht "verkauft". Das verbesserte Marketing des Ifo-Index ist nur eines von vielen kleinen Beispielen. Seit Hans-Werner Sinn im Februar 1999 sein Amt als Ifo-Chef angetreten hat, hat er viel dafür getan, daß die Produkte seines Hauses gut verpackt in die Öffentlichkeit gelangen. Und Sinn trägt auch selbst dazu bei, daß er und sein Institut im Gespräch bleiben. Arbeitsmarktreform und Tarifverhandlungen, Konjunkturkrise und Steuerpolitik, Haushaltsdefizit und Stabilitätspakt - es gibt kaum Themen, zu denen der Münchener Nationalökonom öffentlich nichts zu sagen hätte. Man täte Sinn freilich arg unrecht, wenn man dies vor allem seinem - zweifellos vorhandenen - Talent zur Selbstdarstellung zuschreiben würde. Der Ifo-Chef ist zunächst ein exzellenter Ökonom, und anders als mancher seiner Kollegen versteht er es, seine Meinung pointiert und allgemein verständlich zu formulieren.
Dabei ist Sinn immer wieder für eine Provokation gut. Nicht nur die Politiker erstaunt er mit manchmal unorthodoxen Thesen und Forderungen, sondern auch seine Kollegen. Mit seiner Vermutung, daß die Schwankungen des Euro-Kurses in der Vergangenheit vor allem auf Osteuropa zurückgehen, vertrat er ebenso eine Außenseiterposition wie mit seiner Forderung nach einem keynesianischen Notprogramm nach dem 11. September. Fast immer indes gelingt es Sinn, zum Nachdenken anzuregen. Und während viele seiner Kollegen den Glauben an ökonomische Vernunft in der Politik längst verloren zu haben scheinen, ist Sinn fest davon überzeugt, daß er mit seinen Ideen auch in der Politik etwas bewegen kann. Das mag damit zu tun haben, daß der gelernte Finanzwissenschaftler von der Möglichkeit der Wohlfahrtssteigerung durch staatliches Handelns zutiefst überzeugt ist.
Der 54 Jahre alte gebürtige Westfale ist nicht nur ein quirliger Politikberater, sondern auch ein fähiger Wissenschaftsmanager. Das hat er gezeigt, als er die Standesvereinigung der deutschen Ökonomen, den Verein für Socialpolitik, reformiert hat. Vor allem aber hat er es am Ifo-Institut unter Beweis gestellt, das 1998 nach einer Evaluierung des Wissenschaftsrats den Status als Forschungsinstitut verloren hatte und nun als "forschungsbasierte Serviceeinrichtung" fungiert - mit der Folge, daß Stellen und Mittel gestrichen wurden. Als neuer Ifo-Chef mußte Sinn Grausamkeiten begehen und Personal abbauen. Sein unsentimentales Vorgehen stieß zwar alteingesessene Mitarbeiter vor den Kopf, rang aber Sinns Kollegen Bewunderung ab. Das vorher zumindest in Teilen angestaubte Image des Instituts hat er mit einer Vielzahl neuer Projekte aufpoliert. 2004 wird das Institut erneut evaluiert. Sinn hofft mit gutem Recht, daß die Beurteilung des Instituts dann besser ausfallen wird.
WERNER MUSSLER Foto Jan Roeder
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