BÖRSE ONLINE 9/2002, S. 58-59
BÖRSE ONLINE: Herr Gluch, Sie haben die Entwicklung am Bau in den kommenden zehn Jahren untersucht. Besteht Hoffnung, dass die Talfahrt bald zu Ende geht?
ERICH GLUCH: Es gibt Anzeichen dafür, dass wir in diesem Jahr den Tiefpunkt erreichen dürften. Für den Wohnungsbau stehen die Indikatoren inzwischen so niedrig, dass sie nicht mehr weit fallen dürften.
BÖRSE ONLINE: Warum ist der deutsche Wohnungsbau überhaupt so weit abgerutscht? Schließlich waren Zinsen und Preise stets günstig. Und im Ausland ging es mit dem Bau sogar steil bergauf.
GLUCH: Im Wohnungsbau ist es ähnlich wie an der Börse. Wenn ein Aufschwung übertrieben stark ausfällt, folgt eine scharfe Reaktion. Zwischen 1990 und 1995 war die Bauleistung überdurchschnittlich hoch, weil die gigantischen Fördermaßnahmen in Ostdeutschland und günstige steuerliche Voraussetzungen auch in Westdeutschland vor allem den Mietwohnungsbau beflügelt hatten. Hinzu kam, dass Westdeutschland in dieser Zeit sechs Millionen Zuzüge verzeichnete. Der Wohnungsbedarf stieg deshalb stark an. Auf diesen Boom, der weit vor dem Aufschwung in den Nachbarlädern begann, musste eine Gegenbewegung folgen.
BÖRSE ONLINE: Wie lang und wie stark wird der neue Bauaufschwung ausfallen?
GLUCH: Vom jetzigen, sehr tiefen Niveau aus werden ab diesem Jahr die Baugenehmigungen und ab 2003 die Wohnungsfertigstellungen zunehmen. Diese positive Tendenz dürfte bis Mitte des Jahrzehnts anhalten. 2006 werden noch unserer Schätzung gut 360000 Wohnungen neu errichtet werden, fast 100 000 mehr als in diesem Jahr zu erwarten sind.
BÖRSE ONLINE: Sie stellen die Rolle der Zuzüge für den Wohnungsbau heraus. Wird der viel diskutierte Bevölkerungsrückgang nicht einen Aufschwung verhindern?
GLUCH: Die demographische Entwicklung bremst zwar, aber spürbar erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts. Wir hatten Ende der Achtziger Jahre erstmals Diskussionen und Prognosen ber eine aussterbende deutsche Bevölkerung. Damals wie heute ging die Nachfrage insbesondere nach Mietwohnungen stark zurück. Potenzielle Investoren wüssten natürlich gerne, in welcher Form das viel diskutierte Zuwanderungsgesetz letztlich verabschiedet wird. Nur wenn es verstärkte Zuzüge ermöglicht, dürfte sich auch die Nachfrage sichtlich beleben.
BÖRSE ONLINE: Gut hielt sich der Ein- und Zweifamilienhausbau. Bleibt er stabil?
GLUCH: Auch er ist jetzt unter die Räder geraten. Als 1996 die Eigenheimzulage eingeführt wurde, steigerte sich in den folgenden drei Jahren die Nachfrage. Nachdem der Sondereffekt ausgelaufen war, begann auch hier der Abschwung. Wir rechnen zwar ab 2003 mit einer Belebung, weil das Eigenheim auf der Wunschliste der Bundesbürger ganz oben steht, sie dürfte aber moderat ausfallen. Die Zahl der jüngeren Haushalte geht ab Mitte des Jahrzehnts deutlich zurück, und sie sind wichtige Träger der Eigenheimnachfrage.
BÖRSE ONLINE: Welche Wohnungsgrößen werden besonders gesucht sein?
GLUCH: Die Zahl der Haushalte steigt bis 2010 um fast 1,5 Millionen auf 39,4 Millionen. Die durchschnittliche Haushaltsgröße nimmt ab, und es wird viel mehr kleine Seniorenhaushalte geben. Der Bedarf an Zwei- und Dreizimmerwohnungen wird deshalb am stärksten zunehmen.
BÖRSE ONLINE: In welchen Regionen ist der Mietwohnungsbau in den kommenden Jahren am lukrativsten?
GLUCH: Die Immobilienpreise sind vor allem in den südlichen Ballungsräumen - zum Beispiel Stuttgart und München - so hoch, dass sie Kapitalanlegern kaum auskömmliche Renditen ermöglichen. Ein Ausweichen auf Städte mittlerer Größe - mit günstigen Entwicklungsperspektiven - in der Nähe dieser Großräume bietet sich deshalb als Alternative an.
BÖRSE ONLINE: Apropos: Im Ausland sind die Immobilienpreise stark geklettert. Wird Deutschland hier nachziehen?
GLUCH: Bei uns sind die Herstellungskosten in den letzten fünf Jahren im Schnitt nicht gestiegen, weil die Nachfrage rückläufig war. Ich rechne aber damit, dass sich das ändern wird. Allerdings dürften die Preise nicht durch die Decke schießen, sondern wegen der moderaten Erholung und der vielen Leerstände nur langsam klettern.
INTERVIEW: HANS G. LINDER
Zur Person: Erich Gluch Werdegang: Der "doppelte" Diplomingenieur - Bau und Wirtschaft - ist seit 25 Jahren als Wissenschaftler beim ifo-Institut in München tätig. Vor kurzem hat der Referent für Bau- und Immobilienwirtschaft die Studie "ifo-Bauvorausschätzung Deutschland 2001 bis 2011" fertig gestellt.
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