Berliner Zeitung, 16.12.2005, S. 4
Wissenschaftler analysieren den demografischen Wandel seit Jahrzehnten. Zahllose Gremien haben prognostiziert, wie unsere Gesellschaft altern und schrumpfen wird. Und sie haben angeregt, mit welchen Reformen die Politiker auf die absehbaren Veränderungen reagieren könnten. In der Regel landeten die umfangreichen Schriftstücke ungelesen in den Archiven. Die Vermutung liegt also nahe, dass dem neuesten Expertenpapier das gleiche Schicksal bevorsteht.
Das wäre allerdings schade. Die Kommission "Familie und demografischer Wandel" der Robert Bosch Stiftung hat einen bemerkenswerten Bericht vorgelegt. Es beginnt schon beim Namen des Gremiums. Erstmals werden die Themen Familie und Demografie eindeutig verknüpft. Der Titel der Studie - "Starke Familie" - macht zudem deutlich, dass die Autoren den Trend Kinderlosigkeit umdrehen wollen. Und nicht zuletzt war es wohl die Zusammensetzung der Kommission, die ein inhaltlich interessantes und im Tonfall angenehm zu lesendes Ergebnis hervorgebracht hat.
Es ist keineswegs selbstverständlich, dass so konservative Männer wie der frühere sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU), Ex-Verfassungsrichter Paul Kirchhof oder der als neoliberal geltende Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, einen Bericht zeichnen, der Familie als den Ort definiert, wo Kinder sind. Egal mit wem sie leben. Oder in dem steht, dass die Arbeitgeber ihre Vorstellungen von Werdegängen und Berufsbiografien ändern müssen, wenn wieder mehr Kinder geboren werden sollen. Oder in dem betont wird, dass die Frauen nicht allein die Verantwortung für die sinkende Geburtenrate tragen. "Unter den 40- bis 44-jährigen Männern sind 40 Prozent der Wirtschaftswissenschaftler, Ärzte und Sozialarbeiter kinderlos und die Publizisten sogar zu 67 Prozent." Der Berliner Familienforscher Hans Bertrum, die Landesbischöfin von Hannover, Margot Käßmann, sowie die "Zeit"-Redakteurin und Buchautorin Elisabeth Niejahr ("Alt sind nur die anderen") werden ihren Teil zu solchen Formulierungen beigetragen haben.
Den Fachleuten war es wichtig, den demografischen Wandel nicht wie sonst üblich negativ darzustellen. "Schon das hat verhütende Wirkung", sagte Elisabeth Niejahr gestern bei Vorstellung der Studie. Die Kommission habe die Probleme benennen, aber auch das Positive an Kindern hervorheben wollen - ein Prinzip, das sich durch den Text zieht. `Nur ein Volk, das auf die Stimmen seiner Ahnen hört und die Rechte seiner Nachkommen achtet, hat eine Zukunft", heißt es etwa in der Einleitung. Oder: "Kinder sind ein großer Reichtum, ein großes Glück, das sich nur schwer ohne Pathos beschreiben lässt."
Weniger gefühlig widmet sich die Studie auch dem ökonomischen Nutzen von Nachwuchs. Die Erziehung eines Kindes sei mit dem Transfer eines kleinen Vermögens an den Fiskus und die Sozialsysteme verbunden, sagte Hans-Werner Sinn. Ein Kind bringt dem Staat also mehr finanzielle Vorteile, als es ihn selbst kostet. Das Ifo-Institut hat diesen Effekt auf 77 000 Euro beziffert. Während das auch jenen zugute kommt, die nicht in Kinder investiert hätten, werden die Kosten der Kinder jedoch privatisiert. Eine Diskriminierung, an der laut Studie etwas geändert werden muss.
Die Kommission empfiehlt daher unter anderem, neben der gesetzlichen Rentenversicherung eine kapitalgedeckte, steuergeförderte "Kinderrente" aufzubauen. "Wir müssen die vom heutigen Rentensystem genährte Illusion abbauen, eine Altersrente sei auch ohne Kinder gesichert", heißt es in dem Bericht. Er wurde übrigens der neuen Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) überreicht. Man darf gespannt sein, was sie damit macht.
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