Bauen + Holz, 05.01.2007, S. 3
In den USA, Europa, China und Japan konnte im Jahr 2006 ein starker wirtschaftlicher Aufschwung verzeichnet werden. Prognosen für den USD-Raum sehen allerdings eine Abschwächung der Wachstumsraten voraus, die dennoch weiterhin im positiven Bereich liegen werden. Auf der 62. Euroconstruct-Konferenz am 1. Dezember in München wurden die Untersuchungen detailliert vorgestellt, aus denen wir hier die wichtigsten Ergebnisse veröffentlichen.
Das weltweite Wachstumszentrum wird aber auch zukünftig in Asien liegen, wobei China und Indien die wesentlichste Rolle spielen werden. Bereits im Jahr 2010 wird Indien mit dem derzeitigen jährlichen Durchschnittswachstum von 5,5 % (zwischen 2006 und 2010) zur drittgrößten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen, während China bis zum Jahr 2020 beinahe das Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten erreichen wird. Deutschland und Japan hingegen werden weiter an globaler Bedeutung verlieren. Da makroökonomische Konjunkturzyklen und die Zyklen der Bauwirtschaft nahezu synchron verlaufen, sind diese Entwicklungen für die Bauwirtschaft entscheidend. Wie die Daten der Euroconstruct-Experten belegen, befindet sich die europäische Bauwirtschaft 2006 bereits im 13. Jahr in ununterbrochener Wachstumsphase, die noch weitere drei Jahre andauern soll.
Betrachtet man das gesamte Bauvolumen im Zeitraum von 1991 bis 2009, so fällt auf, dass die Bauwirtschaft in Europa in der ersten Hälfte der 90er Jahre eine ausgeprägte Schwächephase durchlebte. Das Bauvolumen stagnierte und pendelte sich bei etwa 1,1 Bill. Euro ein (1991 - 1996). Bis 2005 erhöhte sich das Bauvolumen dagegen um ca. 200 Mrd. Euro, was einem durchschnittlichen Wachstum von 1,8 % entspricht. Für den Prognosezeitraum 2006 bis 2009 wird erwartet, dass das Wachstum etwa 2 % erreicht und damit das Bauvolumen die Marke von 1,4 Bill. Euro überschreitet.
Der Schwerpunkt der Bautätigkeit liegt nach wie vor im Wohnungsbau mit einem Anteil von 47,7 % im Jahr 2005 (642 Mrd. Euro), wobei sich hier der Wohnungsneubau und die Renovierungs-/Modernisierungsmaßnahmen in etwa die Waage halten. Auf den Tiefbau entfällt mit 21,1,% (276 Mrd. Euro) der kleinste Teil, er wird sich aber in den Jahren 2006 bis 2009 mit Wachstumsraten von rund 3% als Wachstumstreiber erweisen.
Besonderheiten kommen auch dem Teilsektor "Wohnungsbau" zu, der im Jahr 1994 eine Zunahme von über 5 % erreichte. Gut die Hälfte des Wachstumsbeitrags entfiel dabei auf Deutschland, in welchem nach der Wiedervereinigung, massiver Bevölkerungszunahme und staatlicher Fördermaßnahmen ein Wohnungsbauboom einsetzte, der allerdings nur wenige Jahre anhielt.
Auf Grund gefallener Zinsen und einer positiven gesamtwirtschaftlichen Entwicklung wiesen zwischen 1997 und 2000 viele Länder eine beeindruckende Entwicklung im Wohnungsbau auf. Finnland, Polen und Tschechien konnten gar zweistellige Wachstumsraten verzeichnen, wohingegen Österreich, die Schweiz und insbesondere Deutschland sich als Bremser erwiesen. Grund dafür war die Einführung der Eigenheimzulage und der damit einhergehenden sinkenden Nachfrage nach Mehrfamiliengebäuden. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 schlug sich die Verunsicherung der Bevölkerung auch im Wohnungsbau nieder und so rutschte dieser 2001/2002 in den negativen Bereich.
In den Jahren von 2003 bis 2006/07 kamen wichtige Impulse für den Wohnungsbau aus Frankreich, Italien, Irland und Spanien, aber auch hier wird es 2008/09 zu einer rückläufigen Nachfrage kommen.
Das globale Bauvolumen liegt derzeit bei 4,5 Bill. Euro, auf Europa entfallen dabei 1,308 Bill. Euro.
73 %, also fast drei Viertel vom europäischen Bauvolumen, beträgt der Anteil der fünf großen Länder Europas: Spanien, Deutschland, Großbritannien, Italien und Frankreich. Die übrigen westeuropäischen Staaten erreichen einen Anteil von 23 %, die Osteuropäer gerade mal einen von 4 %.
Beträgt das Bauvolumen bei den "Großen 5" derzeit etwa gleich viel (13,5 - 15,9 %), so verlief die Entwicklung in den letzten Jahren teilweise doch recht unterschiedlich: entwickelten sich Frankreich, Italien und Großbritannien relativ isomorph, so wichen Deutschland und Spanien extrem vom europäischen Durchschnitt ab. Nach dem Bauboom der Wiedervereinigung in Deutschland folgte ein zehnjähriger Rückgang der Bautätigkeit. In Spanien setzte 1993 ein Nachfrageboom ein, der nur 1996 leicht gedämpft wurde und für die prognostizierten Jahre 2006 bis 2009 steht der Mittelmeerstaat ebenfalls an der Spitze der analysierten Länder.
In Österreich und der Schweiz stagnierte zwischen1991 und 2005 das Wachstum, Portugal fällt nach einer vorübergehenden starken Belebung zum Ende des Jahrtausends deutlich ab.
Die größte Wachstumsdynamik bei den skandinavischen Ländern entwickelten ab Mitte der 90er Finnland und Norwegen, dafür werden für die Schweden für die kommenden drei Jahre die besten Prognosen gestellt.
Ein Auf und Ab zeigte sich bei den osteuropäischen Staaten: die Bauvolumina sind deutlich geringer als bei den westlichen Nachbarn. Mit Ausnahme der Slowakei erhöhte sich dort bereits in den letzten 14 Jahren das Bauvolumen um rund 3,5% p.a. Im Prognosezeitraum dürfte sich das Bauvolumen in Polen sogar um jährlich 10 % erhöhen. Eine besondere Bedeutung kommt Irland zu, das seit 1992 teilweise zweistellige Wachstumsraten verbuchen kann und damit den Bauboom in Spanien übertrifft. Nach den vorliegenden Prognosen dürfte dieser Rekordanstieg erst 2008 mit einem Rückgang um rund 2,5 % zu Ende gehen.
Im Jahr 1992 lagen die Wohnungsfertigstellungen bei 1,85 Mio. Einheiten - im Jahr 2005 bei 2,36 Mio. Geprägt werden diese Zahlen vor allem durch Deutschland und Spanien. Wurden 1994 bis 1997 in Deutschland mit jeweils rund 500000 Fertigstellungen neue Rekorde erzielt, haben sie sich auf mittlerweile 210000 zurückgebildet. Demgegenüber steht Spanien, wo es zu einer umgekehrten Entwicklung kam: waren es 1993 noch 220000 Wohnungsfertigstellungen, so kletterten sie kontinuierlich auf 670000 im Jahr 2005. 2007 dürfte mit 760000 Fertigstellungen das Hoch erreicht sein und jede vierte fertiggestellte europäische Wohnung in Spanien stehen.
Deutlich entspannter verlief es in den drei anderen großen Ländern. In Großbritannien wird die Marke von 200000 Fertigstellungen bis zum Jahr 2006 nicht überschritten, in Frankreich und Italien stiegen sie in den letzten Jahren deutlich an. Erklärt werden kann der sprunghafte Anstieg der Bautätigkeit in Italien, Spanien, Irland und Portugal durch die hohe Zinsbelastung vergangener Jahre. Vor zehn Jahren lagen die langfristigen Zinsen noch bei etwa 12 % - einem doppelt so hohen Wert wie in Deutschland - und erst durch den Anschluss an die Eurozone sanken die Zinsen und stimulierten so die Bauwirtschaft. In Irland regten des weiteren die hohen Zuwanderungsraten - allein in den letzten 15 Jahren stieg die Bevölkerung von 3,5 Wohnungsfertigstellungen je 1000 Einwohner auf 42 Mio. Einwohner - die Nachfrage an. Aber auch in Spanien, Italien und Frankreich ist dieser Trend, wenn auch in geringerem Ausmaß, zu verzeichnen.
Vergleicht man die Wohnungsfertigstellungen je 1000 Einwohner, so treten die Unterschiede zutage. Decken sich die Zahlen Frankreichs beinahe mit denen des europäischen Durchschnitts (5,6 WE/1000), so erreichen die deutschen Werte mit 2,6 Fertigstellungen 2005 nicht einmal die Hälfte. Unterdurchschnittliches gilt auch für die vier mittelosteuropäischen Staaten: nach rund drei Fertigstellungen zu Beginn der 90er dürften es 2009 knapp vier werden - der Unterschied zu den anderen europäischen Ländern ist also noch ziemlich groß, andererseits dürfte in diesen Ländern im Wohnungsbau noch ein erhebliches Potenzial schlummern.
Eva-Christine Wildermuth
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