Handelsblatt, 19.11.2008, Nr. 225, S. 20
MÜNCHEN. Bei Auftrag Geld: Immer mehr große Industriekonzerne greifen ihren Kunden angesichts der Finanzkrise unter die Arme. Siemens, MAN, EADS und andere international tätige Unternehmen geben ihren Abnehmern zunehmend Kredite. "Das ist die Stunde der Absatzfinanzierung", sagt Arno Städtler vom Münchener Ifo-Institut.
In vielen Bereichen sei die Nachfrage trotz Rezession ungebrochen, meint der Experte. Allerdings liehen die Banken derzeit auch soliden Unternehmen nur sehr zögerlich Geld. "Früher haben sich die Banken scharenweise darauf gestürzt, Projekte unserer Kunden zu finanzieren", sagt Dominik Asam, Chef von Siemens Financial Services. Dies sei aber vorbei. Deshalb springt der Münchener Technologiekonzern ein und vergibt selbst Darlehen.
Im Firmenkundengeschäft sei die Kreditklemme längst da, warnt Klaus Fleischer, Bank-Professor an der Hochschule München. "Insbesondere für den Mittelstand wird es schwierig, für langlebige Investitionsgüter Kredite zu bekommen." Der Staat werde hier kaum helfen können, fürchtet Fleischer.
In der Investitionsgüter-Branche werden die meisten Anlagen über Kredite finanziert. Daher seien viele Konzerne gezwungen, in der momentanen Situation ihre Kunden zu unterstützen. "Wenn Marktanteile gehalten werden sollen, dann nur über verstärkte Absatzfinanzierung," betont Fleischer.
So zwingt die Flaute im Lkw-Geschäft auch MAN dazu, den Spediteuren immer öfter einen Kredit zu geben. Laut Finanzchef Karlheinz Hornung sollen die Finanzierungsvorhaben in diesem Jahr um 400 Mio. auf 1,8 Mrd. Euro hochgefahren werden. "Wir sehen das Finanzgeschäft als Wachstumssparte", sagt ein Sprecher. Im August besorgte sich der Konzern sogar eine Banklizenz.
Beim Flugzeugbauer Airbus beobachtet man die Entwicklung genau. Doch die deutsch-französische Firma gibt sich demonstrativ gelassen. "Sicherlich kann jetzt hier und da für Airbus wie Boeing die Notwendigkeit entstehen, unterstützend einzugreifen", betont ein Sprecher in Toulouse. Insgesamt verfüge die Muttergesellschaft EADS derzeit über neun Mrd. Euro, die sie auch für Kundenfinanzierung nutzen könne, sagte Finanzchef Hans-Peter Ring. Doch der Konzern bewegt sich auf einem niedrigen Niveau: Mit 1,2 Mrd. Euro lagen die Kundenfinanzierungen 2007 bei der EADS auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Zum Vergleich: Der Konzern hat Aufträge von 350 Mrd. Euro in den Büchern.
Experten bewerten den Trend prinzipiell positiv, warnen aber auch vor den Gefahren. Ifo-Experte Städtler geht davon aus, dass die Anbieter die Risiken unter Kontrolle halten können. Die Hersteller könnten den Herstellungspreis, den Marktwert und die Branchenlage besser einschätzen als Kreditinstitute.
Christoph Kaserer, Professor für Finanzmanagement und Kapitalmärkte in München, erklärt, der Wiederverkaufswert von Maschinen und Anlagen lasse sich kaum bewerten. Daher schlagen - anders als zum Beispiel zuletzt bei den Auto-Leasinggesellschaften - nicht sofort Veränderungen auf die Bilanz durch. "Das könnte allerdings auch dazu führen, dass Risiken unterschätzt werden."
Die Unternehmen sind sich der Gefahren durchaus bewusst. "Wir schauen genau hin", meint Harald Völker, der kaufmännische Geschäftsführer des Werkzeugmaschinenbauers Trumpf. "Wir kennen unsere Kunden, und sollte etwas schiefgehen, können wir mit einer gebrauchten Maschine mehr anfangen als eine Bank."
Eine massive Absatzfinanzierung können sich jedoch nur Konzerne leisten, die selbst finanziell solide dastehen. "Die Geschäftsmodelle stehen und fallen mit der Refinanzierung", sagt Bank-Professor Fleischer. Laut einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Alix Partners laufen bei den 100 größten Industriekonzernen bis zum ersten Quartal 2009 Finanzierungen von rund 17 Mrd. Euro aus.
Siemens droht hier keine Gefahr. Der Konzern hat genug Polster, um Absatzfinanzierung betreiben zu können. "Von unserer Liquidität her sind wir sehr gut gerüstet, um eine lange, tiefe Kreise durchzustehen", unterstreicht Finanzvorstand Joe Kaeser. Der Münchener Konzern sitzt auf sieben Mrd. Euro Bargeld.
Den Kunden unter die Arme greifen zu können sei ein enormer Wettbewerbsvorteil, meint der Manager. "Vor allem in Amerika sind die Kunden dankbar, wenn sie überhaupt eine Finanzierung bekommen", sagt Dominik Asam von Siemens Financial Services. Entsprechend üppig seien die Margen. So verdient der Konzern gleich zweifach: Über die verkauften Maschinen und an den Krediten.ax/fas/gil/jojo
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
2012 2011 | 2010 | 2009 2008 | 2007 | 2006 2005 | 2004 | 2003 2002 | 2001 | 2000
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: