Rheine. (rew) Die Prognose des Experten klingt bitter: Der Generationenkonflikt ist vorprogrammiert. Das bedeutet ein Hauen und Stechen in der Gesellschaft, behauptete Prof. Dr. Hans Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo-Institutes, am Donnerstag bei der vorletzten Veranstaltung der Stadt Rheine zum Thema Demografischer Wandel. Der renommierte Volkswirt blickt dabei weit in die Zukunft in das Jahr 2035. Die jetzt erwerbstätigen Baby-Boomer, die geburtenstarken Jahrgänge der sechziger Jahre, werden dann Rentner sein. Aber wer wird ihre Rente finanzieren?
Mit 8,7 Neugeborenen auf 1000 Einwohner ist die Bundesrepublik zurzeit das Schlusslicht in der entwickelte Welt. Der Altersquotient das ist der Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung in Relation zu den Rentnern wird sich bis 2035 dramatisch entwickeln. Entweder müssen wir den Beitrag zur Rentenversicherung verdoppeln oder die Rente halbieren, sagte Sinn dem staunenden Publikum im ausverkauften Studiosaal der Stadthalle. Die Politik, der er eine Mangelverwaltung vorwarf, habe sich für eine Mischung entschieden. Folge: Im Jahre 2035 wird die Rente des so genannten Eckrentners (er hat 45 Jahre brav vom Durchschnittslohn eingezahlt) auf Sozialhilfeniveau sinken.
Das Verhalten der Deutschen, das zu dieser Situation geführt hat, lässt sich nach Auffassung von Prof. Sinn durchaus ökonomisch begründen. Die Rentenversicherung könne man auch als Vollkaskoversicherung gegen Kinderlosigkeit bezeichnen, sagte Sinn. Die Deutschen waren die ersten, die durch Bismarck eine Rentenversicherung eingeführt haben. Die Kinder, die früher den Lebensabend der Eltern sicherten, wurden damit nach Angaben des Referenten sozialisiert. Es ist nicht verwunderlich, dass wir heute die niedrigste Geburtenrate haben, sagte der Referent. Vollkaskoversicherung erzeuge eben Vollkaskomentalität.
Da erhöhte Zuwanderung oder eine weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters das Problem nicht lösen können, sprach sich der Präsident des Ifo-Institutes für eine stärkere Kapitalbildung aus. Damit eine Gesellschaft im Alter leben kann, muss sie Humankapital bilden oder reales Kapital. Nach Ansicht des Referenten ist es aber falsch, eine kollektive Verantwortung für die Kinderlosigkeit in Deutschland zu unterstellen. Familien hätten bereits zwei Lasten zu tragen (Kinder, Rentenbeiträge). Das Ifo-Institut habe ein Modell vorgelegt, dass die Zahl der Kinder berücksichtige und die finanziell höhere Leistungsfähigkeit der Kinderlosen (siehe Kasten oben).
Warum wird von diesen Vorschlägen in der Politik nichts umgesetzt? Auf diese Frage aus dem Publikum hatte Prof. Sinn eine ziemlich deprimierende Antwort. Wenn er in Anhörungen in Berlin gefragt werde, dann sei kaum jemand bereit, diesen Erkenntnissen zu folgen: Die wollen das nicht, sagte Sinn mit einer resignierenden Geste. Er bezweifelte, dass die Abgeordneten noch die wirkliche Zusammensetzung der Bevölkerung in Deutschland wiederspiegelten.
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