Financial Times Deutschland, 16.04.2007, Nr. 73, S. 25
Große Gefühle. Bloß nicht. Fünf gestandene Männer, renommierte Ökonomen noch dazu - da ist Wehmut fehl am Platz. Also, Pokerface. "Das Produkt zählt", sagt Joachim Scheide, Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. "Wir sind streitbar wie immer", beteuert Udo Ludwig, erster Konjunkturmann des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Er ist Gastgeber der diesjährigen Frühlingsklausur in Halle an der Saale.
Die Vertreter der fünf führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute sitzen an einem Tisch, zwei Wochen lang. Noch bis Dienstagfrüh streiten sie, versöhnen sich, rechnen, rechnen wieder und aktualisieren. "Bis zur letzten Minute in der letzten Nacht können sich Änderungen ergeben", sagt Ludwig. "Da zählt auch Sitzfleisch." Erst dann steigt weißer Rauch auf. Erst dann haben sich die fünf Wirtschaftskardinäle auf eine gemeinsame Wachstumsprognose verständigt, die wohl meistbeachtete Konjunkturzahl Deutschlands.
Eine Zahl, die Schicksale von Politikern mitbestimmt, die Gemütslage von Wirtschaftsbossen und Bürgern prägt. Doch jetzt geht es auch um das Schicksal der fünf Männer. Für einige von ihnen ist es das letzte Mal. Vielleicht für Gastgeber Ludwig? Oder für Alfred Steinherr, Konjunkturchef des Berliner DIW? Mit seinem lilafarbenen Streifenhemd, das eine Krawatte mit lustigen Tieren ziert, muntert er die Herrenrunde zumindest optisch auf. Sie zittern alle: der Konjunkturguru des RWI, Roland Döhrn, des Kieler Instituts, Joachim Scheide und des Ifo, Gebhard Flaig. Niemand von ihnen weiß, ob er bei der Herbstprognose 2007 noch dabei sein wird.
Seit ein paar Tagen haben sie es schwarz auf weiß, unwiderruflich: die neue Ausschreibung des Bundeswirtschaftsministeriums zur Gemeinschaftsdiagnose, die "GD", wie Eingeweihte sie stets abkürzen. Sie stellt alles auf den Kopf. Wo seit 1950 fast immer dieselben Institute und ihre Konjunkturchefs saßen, soll nun ein frischer Wind wehen. Maximal vier Institute bekommen künftig den Zuschlag. Einer der Herren muss also mindestens dran glauben. Vermutlich sogar zwei, befürchten sie alle und schauen verstohlen zum Nachbarn: Ich oder er?
Der Wirtschaftsminister verkauft die Reform unter dem Label "mehr Wettbewerb". Geschickt verpackt. Eigentlich aber will Michael Glos die Institute, die in der Vergangenheit nicht immer so wollten wie die Regierung, einschüchtern - und setzt darauf, dass sie sich selbst zerfleischen.
Deshalb hat Glos die Ausschreibung für Neulinge geöffnet. Alle Institute dürfen sich bewerben, sogar ausländische, wenn sie der deutschen Sprache mächtig sind, etwas von Konjunktur und den "Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen" (VGR) verstehen. Denkbar wäre es also, dass uns künftig US-Forscher oder französische Experten prophezeien, wie stark die deutsche Wirtschaft wächst oder schrumpft.
Viele wittern jetzt ihre Chance: das ZEW in Mannheim, das schon einmal bei der GD hospitieren durfte, das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln oder das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung in Düsseldorf. Bewerbungsschluss ist der 18. April, Anfang Mai gibt es dann einen Bescheid aus dem Hause Glos, wer in die nächste Runde kommt und sich ausführlich bewerben darf.
Und so liegt ein bisschen Endzeitstimmung über dem fast klösterlich anmutenden Gebäude inmitten der Hallenser Altstadt, in dem die Konjunkturbosse samt ihren Stäben brüten. Sie haben sich in dem kleinen, freudlosen Sitzungssaal verschanzt, essen Joghurt und Bananen. Geht einer mal raus, wispern sie schon, dass sie dessen Konjunkturprognose nun streichen können. Am Mittwoch überreichen sie ihr Gutachten im Bundeswirtschaftsministerium, wie immer im blassblauen Einband. Doch auch in diesem Moment werden sie den Gedanken wohl nicht los, dass diese 114. Gemeinschaftsdiagnose ihre Henkersprognose ist, die letzte, die sie in vertrauter Runde machen dürfen.
"Das erinnert mich an die Reise nach Jerusalem ", sagt einer. Im letzten Herbst hat es bereits ein Institut erwischt: Das HWWA flog raus, weil es als privates Institut nicht mehr Mitglied in der Leibniz-Gemeinschaft sein durfte. Ein anderer räumt ein: "Wir sind alle nervös. Es ist wie Mikado."
Sie alle sind sich einig: Die Ausschreibung ist ein Affront gegenüber ihrer Arbeit. "Die GD ist einzigartig in Europa", sagt Scheide. In keinem Land sei es vorstellbar, dass ganz unterschiedlich geprägte Ökonomen verschiedener Schulen sich auf eine gemeinsame Diagnose und wirtschaftspolitische Empfehlung einigen. "Nur Deutschland hat eine solche Diskussionskultur."
Dass mehr Wettbewerb bessere Prognoseergebnisse bringen soll, halten sie alle für ausgemachten Blödsinn. IWH-Präsident Ulrich Blum findet das neue Verfahren sogar gefährlich: Verlierer der Ausschreibung könnten sich verbünden und ein alternatives Prognose-Szenario entwerfen. "Damit würden sie im Vorfeld der GD-Veröffentlichung die Luft vermuffeln und die Medienaufmerksamkeit auf sich ziehen", befürchtet Blum. "Strategisch könnte sich das neue Verfahren als Albtraum für Glos entpuppen." Einen ersten Vorgeschmack gab es vergangene Woche: Das HWWI, Nachfolgeinstitut des rausgeflogenen HWWA, preschte während der Klausurzeit der fünf Wirtschaftsforschungsinstitute mit seiner Konjunkturprognose vor.
Für alle Institute wäre das Ausscheiden hart, vor allem wegen des Prestigeverlusts. "Die GD ist die Visitenkarte für die Öffentlichkeit und garantiert viel Aufmerksamkeit in den Medien", sagt Ifo-Konjunkturchef Flaig. Ihnen ginge auch viel Geld verloren. 1,3 Mio. Euro lässt sich die Bundesregierung Prognose und Beratung jährlich kosten. Bei fast allen Instituten sichert die GD je drei Stellen. Wer rausfliegt, muss sich daher ernsthafte Sorgen um die Zukunft seines Konjunkturbereichs machen - zumal der GD-Auftrag künftig nur alle drei Jahre vergeben wird. "Das ist eine lange Durststrecke für die, die es in der ersten Runde nicht schaffen", sagt DIW-Mann Steinherr.
Bitter zudem, dass es sie ausgerechnet zu einem Zeitpunkt erwischt, wo sie endlich mit guten Zahlen für den einst so kranken Mann Europas aufwarten können. Ihre Wachstumsprognose für 2007 dürfte irgendwo zwischen 2,3 und 2,8 Prozent liegen, je nachdem, ob sich die Optimisten aus Kiel oder die Pessimisten aus München, die Ifo-Leute, durchsetzen. Vermutlich aber werden es 2,5 Prozent - immerhin gut ein Prozentpunkt mehr als die Prognose vom vergangenen Herbst, als Optimisten und Pessimisten sich nicht so recht einig wurden.
Hinter den Kulissen wird wild spekuliert, wen es treffen könnte. Alle versuchen derweil, eine möglichst gute Position für das Rennen um die GD zu ergattern. DIW-Präsident Klaus Zimmermann sieht sich schon mit im Boot. Er ließ jüngst per Pressemitteilung verkünden, dass die "DIW-Konjunkturabteilung sehr große Erfolgschancen" hat. Das DIW besitze mit der "Betonung neukeynesianischer Erklärungsmuster ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber den Konkurrenten".
Zimmermann schießt damit gegen den ärgsten Gegenspieler, das Kieler Institut. Zwei Welten treffen hier aufeinander: die angebots- und die nachfrageorientierten ökonomischen Schulen. Der Ton wird rauer. Hinter vorgehaltener Hand äußert der eine oder andere auch mal ernsthafte Zweifel an der Qualität der Konjunkturanalyse des Mitbewerbers. Einträchtig sanft sind sie nur, wenn sie zusammensitzen.
Zu allem Überfluss verabschiedet sich bei zwei Instituten auch noch das Spitzenpersonal. Ausgerechnet jetzt will DIW-Konjunkturchef Steinherr so bald wie möglich in Ruhestand gehen. Ein Nachfolger ist bisher nicht in Sicht. Auch Ifo-Mann Flaig hat bereits aufgegeben. Er kehrt an die Münchner Uni zurück. Grund: Er möchte die beiden zusammengelegten Abteilungen "Konjunktur" und "Ifo-Index" künftig nicht mehr leiten. "Zu viel Verwaltung, zu wenig Forschung", sagt er. Beide Institute trifft der Personalwechsel zur Unzeit - mitten in der heißen Bewerbungsphase.
Als Konjunkturprognostiker haben die Herren ohnehin einen schweren Stand. Harsche Kritik sind sie gewohnt. Altbundeskanzler Gerhard Schröder erinnerte "diese Art der Wissenschaft an Meteorologie". Naturwissenschaftlerin und Bundeskanzlerin Angela Merkel wünscht sich am liebsten Angaben darüber, wie wahrscheinlich die Prognosen eintreten.
"Wir werden viel zu sehr auf unsere Treffsicherheit reduziert", klagt Steinherr. "Dabei ist doch klar, dass Prognosen immer falsch sind." Die beste Prognose sei nicht die treffsicherste, sondern die am besten fundierte. "Das unterscheidet Prognosen vom Kaffeesatzlesen." Die anderen nicken. Und gehen dann über zum nächsten Tagesordnungspunkt. Große Gefühle? Bloß nicht.
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
2012 2011 | 2010 | 2009 2008 | 2007 | 2006 2005 | 2004 | 2003 2002 | 2001 | 2000
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: