Vor zwanzig Jahren wurde mit dem Beitritt der fünf ostdeutschen Länder zur Bundesrepublik Deutschland die Wiedervereinigung vollzogen. Mit dem grundlegenden Systemwechsel verbanden sich insbesondere in den neuen Ländern große Hoffnungen auf eine Verbesserung der Lebensverhältnisse. Weithin unterschätzt wurden dabei jedoch die Schwierigkeiten der in der DDR sozialisierten Menschen, sich in dem für sie neuen Ordnungsrahmen zurechtzufinden. Nach verbreiteter Einschätzung hat auch dies dazu beigetragen, dass die wirtschaftliche Entwicklung nicht so spannungsfrei verlief, wie es anfänglich erwartet wurde.
Vor diesem Hintergrund veranstaltet das ifo Institut in Dresden zusammen mit dem Institut für Soziologie der TU Dresden am 09. Juli 2010 eine Tagung, bei der insbesondere die soziologischen und ökonomischen Folgen der Vereinigung näher beleuchtet werden sollen.
Freitag, 09. Juli 2010
10:00 - 10:15
Begrüßung durch Joachim Ragnitz (ifo Institut, NL Dresden)
10:15 - 11:00
Michael Thomas (BISS): Wittenberge – Eine alte Industrieregion zwischen Tradition und Öffnung
11:00 - 11:45
Karl-Siegbert Rehberg (TU Dresden): Wendeschock und Halbdistanz. Beobachtungen zu einem Gesellschaftszusammenbruch
11:45 - 13:00
Mittagspause
13:00 - 13:45
Michael Hofmann (Universität Jena): Beharrliches Establishment und traditionelle Volksmilieus. Soziale Strukturen in Ostdeutschland
14:00 - 14:45
Guido Mehlkop/Robert Neumann (TU Dresden): Einstellungen zum Wohlfahrtsstaat in Ostdeutschland
14:45 - 15:30
Karl Brenke (DIW Berlin): Enttäuschte Illusionen. Einkommensentwicklung in Ostdeutschland
Ab spätestens November 1989 wurde ersichtlich, dass sich die damalige DDR grundlegend verändern würde. Nach und nach wurde deutlich, dass es angesichts der politischen und ideologisch-moralischen Legitimationsdefizite des Staates sowie der offensichtlichen Schwächen der Wirtschaftsordnung nicht lediglich bei einer Ablösung der Regierung bleiben konnte, sondern dass es eines grundlegenden Systemwechsels bedurfte. Es kam zu einer vollständigen Systemtransformation: Auf politischer Ebene wurde das totalitäre SED-Regime durch eine Konkurrenzdemokratie ersetzt, auf ökonomischer Ebene die Planwirtschaft von der marktwirtschaftlichen Ordnung abgelöst. Dabei muss jedoch gesehen werden, dass es sich hierbei im Wesentlichen um einen Institutionentransfer von West nach Ost handelte, nicht aber um einen völligen Neuanfang oder gar einem neuartigen „dritten Weg“.
Dieser „Übergang“ verlief nicht ohne Friktionen: die „Abwicklung“ nicht wettbewerbsfähiger Staatsbetriebe der DDR führte zu einem enormen Rückgang der Beschäftigung, und auch bei den verfügbaren Einkommen bleibt bis heute ein spürbarer Abstand bestehen. Gleichzeitig entwickelte sich eine offene Gesellschaft mit politischen Rechten und bürgerlichen Freiheiten für alle Menschen, die Vielfalt der Lebensstile und Milieus nahm beachtlich zu.
Dieser umfassende und rasante soziale Wandel trug indes auch zu einer (vorübergehenden) Erosion der regulativen und integrativen Kapazitäten der Gesellschaft in den neuen Bundesländern bei. Die Folge waren Unsicherheit, eine weit verbreitete Angst vor Statusinkonsistenz, stark sinkende Fertilitätsraten und ein Gefühl der Entwertung aller in der DDR erbrachten Leistungen.
Im Rahmen dieser Tagung sollen die wesentlichen Aspekte des strukturellen Umbruchs seit 1989 aus wirtschaftswissenschaftlicher und soziologischer Sicht aufgezeigt und diskutiert werden. Das gesamte Ausmaß der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Umwälzungen kann erst jetzt, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, in ihrer Gänze erfasst und wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Zudem ist die Transformation noch nicht vollends abgeschlossen. Auch die „Mauer in den Köpfen“ soll Thema der Tagung sein.
Anja Ziesche
Bitte E-Mail: This e-mail address is protected against spambots. Please activate JavaScript in order to see them. mit Betreff „Teilnahme Tagung 09.07.2010“ senden. Die Teilnahme ist kostenlos.
Technische Universität Dresden Potthoff Bau 81 Hettnerstraße 1 – 3 01062 Dresden