Die Analyse und Prognose der konjunkturellen Entwicklung in der Gesamtwirtschaft und in wichtigen Branchen stehen im Mittelpunkt des diesjährigen ifo Branchen-Dialogs. Die Ergebnisse der Branchen Industrie, Handel, Bauwirtschaft und Dienstleistungen:
Das seit Anfang des Jahrzehnts schwache Wachstum der Industrieproduktion ist überwunden: 2006 wird das verarbeitende Gewerbe in der EU und in Deutschland dynamischer als die Gesamtwirtschaft expandieren (Deutschland: 4,5 Prozent; EU-15: 3,5; real). Die Indikatoren für die wirtschaftliche Entwicklung der Konjunktur signalisieren das erste Mal seit sechs Jahren eine fundierte Erholung. Im dritten Quartal 2006 ist die Auslastung der Kapazitäten in der EU-25 um 1,4-Punkte auf 83,1 Prozent angestiegen. In Deutschland war die Entwicklung mit einer Zunahme um 2,2-Punkte auf 86,4 Prozent noch stärker ausgeprägt. Auch die meisten anderen Indikatoren - insbesondere die Exporterwartungen - weisen für die deutsche Industrie auf eine stärker aufwärts gerichtete Entwicklung als für die europäische Gemeinschaft hin.
Der Vertrauensindikator für die Industrie in Deutschland liegt zum ersten Mal seit der Rezession 1993 auf höherem Niveau als für die EU insgesamt. Ein Blick in die Industriesektoren weist auf die Ursache des gestärkten Vertrauens hin: die weltweit gute Investitionsgüterkonjunktur. Für die anderen Industriesektoren – die Herstellung von industriellen Vorprodukten und Konsumgütern - melden deutsche Unternehmen keine nennenswert günstigeren Einschätzungen als ihre europäischen Konkurrenten.
Die hohe Bedeutung der weltweiten Investitionstätigkeit für die gegenwärtig laufende konjunkturelle Aufwärtsentwicklung schlägt sich in der sektoralen Prognose für die Industrieproduktion nieder. Im Durchschnitt über die drei Jahre 2006 bis 2008 wird die Entwicklung durch die Metallindustrie getrieben, wobei sie in Deutschland ein insgesamt höheres Wachstum als in der Europäischen Gemeinschaft aufweist.
Die Industriekonjunktur in Deutschland und in der Europäischen Gemeinschaft (PDF)
Auch im laufenden Jahr sind die Umsätze im Großhandel nach oben gerichtet. Im Durchschnitt der ersten acht Monate waren die nominalen Umsätze um etwa 7 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum (real 3 Prozent). Eine besonders lebhafte Nachfrage erfuhr der Produktionsverbindungshandel - die Umsätze stiegen um nahezu 10 Prozent (real knapp 4 Prozent). Der Konsumgütergroßhandel verzeichnete einen Umsatzzuwachs von nominal 3,7 (real 2,2 Prozent). Für das Jahr 2007 kann im Konsumgütergroßhandel von einer weiteren Aufwärtsentwicklung ausgegangen werden, wenngleich die schwächere Konsumkonjunktur nicht ganz spurlos vorübergehen wird. Der Produktionsverbindungshandel dürfte vom erwarteten Produktionsanstieg im verarbeitenden Gewerbe profitieren; Impulse dürften auch von den weiter zunehmenden Investitionen ausgehen. Insgesamt ist für den Großhandel mit einem nominalen Umsatzanstieg um 4 Prozent auszugehen (real 2 Prozent).
Die konjunkturelle Entwicklung im Einzelhandel hat in diesem Jahr wieder deutlich an Dynamik gewonnen. Im Jahresdurchschnitt errechnet sich ein Anstieg der Einzelhandelsumsätze von nominal 1,5 Prozent (real 0,5 Prozent). Gestützt wurde die Nachfrage allerdings durch Sondereinflüsse wie die Fußballweltmeisterschaft. Einer lebhaften Nachfrage können sich weiterhin die Discounter erfreuen, während die Waren- und Kaufhäuser und vor allem der Versandhandel erneut Umsatzeinbußen hinnehmen mussten. Die kleineren und mittleren Nahrungsmittelfachgeschäfte verzeichnen erstmals wieder einen höheren Zulauf (Bio-Welle). Gegen Jahresende 2006 ist wegen der bevorstehenden Mehrwertsteuererhöhung mit vorgezogenen Käufen von langlebigen Konsumgütern zu rechnen.
2007 wird das Fiskalpaket der Bundesregierung die Nachfrage der privaten Haushalte spürbar dämpfen und der Einzelhandel wird die nachlassende konjunkturelle Dynamik deutlich zu spüren bekommen. Im Jahresdurchschnitt ist mit einer Zunahme der Einzelhandelsumsätze von nominal 0,5 Prozent zu erwarten (real –0,5 Prozent). Die Erhöhung der Mehrwertsteuer wird sich bei anhaltendem Preiswettbewerb allerdings nur teilweise überwälzen lassen. Negativ wirken sich die im Jahre 2006 witterungsbedingten positiven Effekte, die zusätzliche Nachfrage durch die Fußballweltmeisterschaft sowie die in das Jahr 2006 vorgezogenen Käufe auf die Wachstumsrate der Einzelhandelsumsätze im Jahr 2007 aus. Gestützt wird die Nachfrage durch eine weitere Besserung der Beschäftigungslage.
Die längste "Rezession" der deutschen Bauwirtschaft ging 2006 zu Ende. Mit einer kurzen Unterbrechung im Jahr 1999 dauerte sie 11 Jahre. Das ifo Institut erwartet für das Jahr 2006 eine Zunahme der Bauinvestitionen um knapp 2 Prozent, 2007 dürfte es nur gut 1 Prozent werden. Die schwächere Entwicklung in 2007 ist dabei nicht unwesentlich auf die Mehrwertsteuererhöhung ab 2007 zurückzuführen, die erhebliche Vorzieheffekte ins Jahr 2006 mit sich bringt.
Die Klimaindikatoren aus dem ifo Konjunkturtest für die Bauwirtschaft zeigten bereits seit dem Sommer 2005 eine deutliche Aufhellung, und in diesem Sommer erreichte das Klima einen ähnlich günstigen Wert wie letztmals Mitte der neunziger Jahre. Insbesondere die Lageurteile verbesserten sich deutlich, die Geschäftsaussichten trübten sich dagegen in den letzten Monaten etwas ein.
Die kräftigste Nachfragebelebung ist im Unternehmenssektor zu beobachten. Während die Ausrüstungsinvestitionen bereits 2004 und insbesondere 2005 sichtlich zulegten, profitiert nunmehr auch die Bauwirtschaft von der spürbaren Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Die Auftragseingänge von gewerblichen Baumaßnahmen bei den freischaffenden Architekten sowie den Bauunternehmen weisen einen deutlichen Aufwärtstrend auf, so dass in dieser Sparte 2006 mit einem Wachstum von über 3 Prozent gerechnet werden kann. Der Wohnungsbau (2006: +1,8 Prozent) erhält eine einmalige Stimulierung durch die zahlreichen Eigenheimbauten, die 2005 noch beantragt wurden, um die ab 1.1.2006 gestrichene Eigenheimzulage noch zu "retten". Trotz verbesserter Steuereinnahmen schränkten die öffentlichen Hände in der ersten Hälfte dieses Jahres ihre Bauinvestitionen im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum ein. Im Jahresergebnis dürfte es demzufolge erneut einen Rückgang bei den öffentlichen Bauinvestitionen (-3 Prozent) geben.
Das Geschäftsklima im Dienstleistungsbereich hat sich laut ifo Konjunkturtest seit Mai 2005 deutlich gebessert. Im Mai 2006 ist beim Geschäftsklima ein (vorläufiger) Höhepunkt im jüngsten Konjunkturzyklus erreicht worden; seitdem schwächt sich das Geschäftsklima leicht ab. Bis zuletzt blieben jedoch beide Komponenten des Geschäftsklimas im positiven Bereich, auch wenn speziell die Geschäftserwartungen eine erhebliche Unsicherheit der Firmen über die Auswirkungen der bevorstehenden Mehrwertsteuererhöhung erkennen lassen. Relativ am günstigsten ist die konjunkturelle Verfassung derzeit immer noch im Bereich der Unternehmensdienstleistungen, speziell Unternehmens-, Steuer- und Rechtsberatung wie auch in der Datenverarbeitung. In konsumnäheren Bereichen wie etwa Gaststätten hat sich bisher noch kein klarer Aufwärtstrend durchgesetzt, auch wenn es zur Mitte des Jahres dank der Weltmeisterschaft zu positiven Sondereffekten gekommen ist.
Die insgesamt immer noch positive Konjunkturtendenz schlägt sich auch darin nieder, dass die Beschäftigtenerwartungen der Firmen weiter aufwärts gerichtet sind, wenn auch die Dynamik nachgelassen hat.
ifo Branchen-Dialog (Ifo Industry Colloquium)
Video introduction (Conference report ifo Branchen-Dialog 2005)