Es wird vermutet, dass die Einführung und Ausdehnung umlagefinanzierter Rentenversicherungssysteme negative Auswirkungen auf das Wachstum einer Volkswirtschaft hat. Die Akkumulation von Sachkapital verringert sich, da sowohl mit einer höheren gesetzlichen Rente als auch mit einem höheren Rentenversicherungsbeitrag die private Ersparnis geringer ausfällt. Der Rückgang der Ersparnis der privaten Haushalte wird nicht durch Ersparnisse im Rentensystem kompensiert, da bei einer Umlagefinanzierung alle Beiträge unmittelbar als Renten ausgeschüttet werden.
Diese Argumentation übersieht, dass für das Wachstum auch die Bildungsinvestitionen wichtig sind. Die Wähler erkennen, dass bei gegebenen Beitragssätzen ihre künftigen umlagefinanzierten Renten mit höheren Investitionen in das öffentliche Bildungswesen ansteigen, und haben damit ein zusätzliches Motiv, für höhere Bildungsausgaben zu stimmen. Mit einer höheren Investitionsrate in Bildung steigt aber die Wachstumsrate der Pro-Kopf-Einkommen. Damit kann der negative Effekt der geringeren Sachkapitalakkumulation überkompensiert werden. In diesem Projekt wird untersucht, wie der Effekt einer Einführung oder Ausdehnung einer umlagefinanzierten Rentenversicherung auf das Wachstum einer offenen Volkswirtschaft ausfällt.
Im Rahmen eines Modells mit überlappenden Generationen entscheiden die Wähler über die Höhe einer Lohnsteuer, die zur Finanzierung der öffentlichen Schulbildung dient. Dabei ist Sachkapital international mobil. Es wird der Fall einer kleinen offenen Volkswirtschaft betrachtet, bei dem die Ersparnis des betrachteten Landes keinen Einfluss auf den Zinssatz auf dem Weltmarkt hat. Für diese Konstruktion werden die Wirkungen unterschiedlicher Rentenformeln beleuchtet, wobei der Beitragssatz zur Rentenversicherung gegeben ist.
Eine Grundrentenformel führt zu einem höheren Wachstum als eine beitragsbezogene Rentenformel, wenn der Medianwähler weniger als den Durchschnittslohn bezieht, und zu einem niedrigeren Wachstum, wenn der Medianwähler mehr als das Durchschnittseinkommen bezieht. Wenn das Rentensystem von oben nach unten umverteilt, haben unterdurchschnittlich arme Individuen einen stärkeren Anreiz, für die Ausdehnung des öffentlichen Bildungssystems zu stimmen. Umlagefinanzierte Systeme führen erwartungsgemäß im Allgemeinen zu einer höheren Wachstumsrate als kapitalgedeckte Systeme. Dies gilt jedoch nicht zwingend, da das Umlagesystem gleichzeitig in der Regel auch das Lebenseinkommen und darüber auch die Nachfrage nach öffentlicher Bildung reduziert.
M. Kaganovich und V. Meier (2008), Social Security Systems, Human Capital, and Growth in a Small Open Economy, CESifo Working Paper No. 2488, München.