Die Frage, welche Auswirkungen der säkulare Rückgang der Geburtenziffern, speziell der Geburtenrückgang unter ein „Replacement level“, der sich in der Mehrzahl der Industrieländer im Laufe des 20. Jahrhunderts vollzogen hat, für die wirtschaftliche Entwicklung der betroffenen Volkswirtschaften hat, ist in wirtschaftswissenschaftlicher wie in wirtschafts- und sozialpolitischer Hinsicht von allergrößtem Interesse. Angesichts dessen überrascht es, dass sich bis heute vergleichsweise wenig Versuche finden, die aus theoretischer Sicht bestehenden möglichen Zusammenhänge einer gründlichen empirischen Untersuchung zu unterziehen. In einem ersten Schritt widmet sich das Projekt daher einer solchen Analyse, die sich auf insgesamt 104 Länder – darunter 27 Industriestaaten, die auch gesondert betrachtet werden – und einen Beobachtungszeitraum von 1960 bis 1990 stützt. Parallel dazu werden auf der Basis desselben Datenpanels Schätzungen zu den wichtigsten ökonomischen Bestimmungsfaktoren der beobachteten Geburtenentwicklung angestellt. Im zweiten Schritt werden die konkreten institutionellen Rahmenbedingungen für elterliche Fertilitätsentscheidungen in Industriestaaten, insbesondere in den vier EU-Staaten Deutschland, Frankreich, Vereinigtes Königreich und Schweden genauer dargestellt und vor dem Hintergrund der empirischen Befunde, auch im Hinblick auf mögliche Politikimplikationen, interpretiert.
Die empirische Analyse stützt sich auf ein für das Projekt konstruiertes Datenpanel, das vorrangig aus makroökonomischen Kennziffern bzw. Durchschnittswerten besteht, welche die wirtschaftliche Entwicklung, die Entwicklung des Geburtenverhaltens sowie diverse ökonomische und institutionelle Determinanten beider Größen messen. Auf dieser Basis werden parallele Schätzungen (a) für Niveau und Wachstum des BIP sowie – auf der Basis eines gängigen „Growth-accounting“-Ansatzes – der „totalen Faktorproduktivität“ in Abhängigkeit von der Altersstruktur der Erwerbsbevölkerung und (b) für das laufende Fertilitätsverhalten in Abhängigkeit von den jeweils aktuellen ökonomischen und institutionellen Rahmenbedingungen vorgenommen. Die genauere Betrachtung institutioneller Details, speziell nationaler familienpolitischer Maßnahmen, für eine wesentlich engere Auswahl von Ländern hat den Charakter illustrativer Fallstudien.
Das Datenpanel für die empirische Analyse wird aus verschiedenen Datenbasen zusammengestellt, die in den letzten Jahren angelegt wurden und bei vergleichbaren makroökonometrischen Studien regelmäßig Verwendung finden. Dies sind insbesondere die Penn World Tables (Version 6.1), die World Development Indicators der Weltbank sowie ergänzende Statistiken und Indikatoren zur demographischen Entwicklung (Mitchell 2003), zur Humankapitalausstattung (Barro und Lee 2000) und zur Struktur des Erwerbspersonenpotenzials sowie zu staatlichen Ausgaben und Einnahmen im Rahmen der sozialen Sicherung (ILO).
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass es auf der Basis der hier angestellten Multi-country macro-level panel regressions einen hochsignifikanten Zusammenhang zwischen der Altersstruktur der Erwerbstätigen, die im wesentlichen durch die vergangene Geburtenentwicklung bestimmt wird, und der Produktivität (BIP je Erwerbstätigen) und dem Produktivitätswachstum der erfassten Länder gibt. Dabei zeigt sich ein ausgeprägtes, invers u-förmiges Profil des Beitrags jeder Altersgruppe, mit den höchsten Werten für die Altersgruppe der 40–49-Jährigen und ansteigenden Werten für jüngere, abnehmenden Werten für ältere Erwerbstätige. Da dieses Ergebnis überwiegend durch einen gleichgerichteten Zusammenhang mit der totalen Faktorproduktivität getrieben wird und weit ausgeprägter ausfällt als typische, auf der Basis von Mikrodaten geschätzte Alters-Lohn-Profile, deutet es auf eine nennenswerte „Wachstumsexternalität“ der Altersstruktur der Erwerbstätigen hin, die nicht auf Unterschiede hinsichtlich individuell zurechenbarer Produktivitäten zurückgeht. Vielmehr dürfte dafür die richtige Altersmischung von Belegschaften auf Firmenebene oder im gesamten Arbeitsmarkt entscheidend sein. Die Resultate bestätigen im Übrigen frühere Ergebnisse von Feyrer (2002), die auf ähnlicher Grundlage erarbeitet wurden. An diese empirischen Schätzungen anknüpfende Simulationen zeigen, dass entwickelte Länder wie die USA oder Frankreich, deren zukünftige Altersstruktur aufgrund eines weniger ausgeprägten Geburtenrückgangs in der Vergangenheit ausgewogener sein wird als etwa in Deutschland, auf Dauer mit einem deutlich höheren kumulierten Wachstum von Produktivität, BIP und BIP pro Kopf rechnen können.
Die Schätzungen zu wirtschaftlichen Determinanten der laufenden Geburtenentwicklung liefern Resultate, die die wesentlichen einschlägigen Vorhersagen der ökonomischen Fertilitätstheorie grosso modo bestätigen und ebenfalls denen existierender Schätzungen entsprechen. Ein zunehmendes BIP pro Kopf hat einen negativen Effekt für die Fertilität, was als Resultat der als solcher nicht direkt testbaren Quantitäts-Qualitäts-Interaktion von Becker und Lewis (1973) gedeutet werden kann, die den positiven Einkommenseffekt bezüglich der Fertilität überlagert. Letzterer könnte daran ablesbar sein, dass höhere Qualifikationen von Männern einen positiven Effekt für die Fertilität haben, der – passend zu dieser Interpretation – allerdings nicht in allen Spezifikationen signifikant ist. Höhere Qualifikationen von Frauen haben hingegen einen signifikanten negativen Effekt für die Fertilität, was durch steigende Opportunitätskosten leicht erklärbar ist. Als signifikant und leicht interpretierbar erweisen sich schließlich auch die Effekte staatlicher Maßnahmen, die stark den Charakter intergenerationeller Umverteilung haben: während familienpolitische Leistungen einen positiven Effekt für die Fertilität haben, wirkt sich das Volumen umlagefinanzierter, staatlicher Alterssicherungssysteme, wegen der dadurch ausgelösten „fiskalischen Externalitäten“ von Kindern negativ aus. Durch abschließende Simulationen wird gezeigt, dass diese zuletzt genannten, institutionellen Determinanten durch gezielte Politikänderungen genutzt werden könnten, sehr niedrige Geburtenraten in Ländern wie Deutschland auf Dauer wieder substantiell zu steigern.
Im Rahmen der abschließenden Fallstudien werden familienpolitische Maßnahmen einiger EU-Staaten genauer beleuchtet, die nach den Standards entwickelter Volkswirtschaften stark variierende Geburtenziffern aufweisen: Deutschland (mit sehr niedriger Fertilität), Frankreich (mit relativ hoher Fertilität) sowie das Vereinigte Königreich und Schweden (mit „mittlerer“ Fertilität). Ein differenzierter Vergleich der nationalen Systeme monetärer Leistungen (direkte Transfers sowie Steuerminderungen allgemeiner Art und speziell für Familien mit kleinen Kindern), des jeweiligen Angebots an Kinderbetreuungseinrichtungen, der Ausgaben für Bildung, der Leistungen der nationalen Gesundheitssysteme für Kinder sowie der nationalen Rentensysteme (einschließlich des Umfangs spezieller, kinderbezogener Rentenansprüche) ergibt zwar kein einfaches, vollkommen schlüssiges Bild, das die unterschiedlichen Niveaus der Geburtenziffern vollständig erklärt. Gleichwohl zeigen sich etwa einige Defizite der deutschen Familienpolitik, insbesondere im Bereich des Ausgleichs von Opportunitätskosten der Kindererziehung bzw. beim Kinderbetreuungsangebot, bei Niveau und Struktur der Bildungsausgaben und nicht zuletzt in Gestalt eines besonders hohen Volumens der umlagefinanzierten sozialen Sicherung, speziell im Bereich der staatlichen Altersvorsorge.
M. Werding, S. Munz und V. Gács (2008), Fertility and Prosperity: Links Between Demography and Economic Growth (Endbericht), ifo Forschungsbericht Nr. 42, ifo Institut für Wirtschaftsforschung: München.
M. Werding (2008), „Ageing and Productivity Growth: Are There Macro-level Cohort Effects of Human Capital?“, CESifo Working Paper Nr. 2207 (Download, 343 KB).