An overview of publications on financial market crisis can be found at Ifo Policy Issue: Financial Market Crisis
For this discussion forum a selection of the comments and questions received has been made. Contributions can be accessed via the links on the left-hand side or from the search function.
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, ich habe Verständnisschwierigkeiten mit Ihrer Antwort auf den Beitrag von Herrn Müller vom 17.11.2010. Sie schrieben ‘…, investieren kann man nur mit Ersparnissen. Die Kreditschöpfung der Banken ist ein Einmaleffekt. … Der Kredit aus dem Nichts ist ein zusätzlicher Geldbestand, der zirkuliert, aber nicht für Investitionen zur Verfügung steht, außer er wächst schneller als das Transaktionsvolumen, weil die EZB die Geldbasis schneller wachsen lässt.‘ Nun liegen dem gesamten Banken-Buchgeldgestand Bankenkredite zugrunde. Wenn der gesamte Banken-Buchgeldgestand letztendlich aus Bankkrediten besteht, ist es einleuchtend, dass der gesamte Buchgeldgestand ständig revolviert werden muss. Dass heißt die Kreditschöpfung der Banken ist bzgl. der Investitionen kein Einmaleffekt, denn die Banken benötigen ständig Kreditnehmer um die Geldmenge aufrecht zu erhalten. Wo liegt mein Fehler, wenn ich der Meinung bin: entweder wird ständig investiert, oder der Geldbestand schrumpft, bzw. kann eben noch durch degenerierende/spekulative/konsumtive Kredite aufgeblasen werden?
Sehr geehrter Herr W., Banken schaffen Geld, indem sie Kredite vergeben. Sofern Banken den Bestand an Krediten ausweiten, entsteht auch ein größerer Geldbestand. (Da die Kredite meistens nur begrenzte Zeit laufen, wird dieser Bestand ständig revolviert.) Daraus können so lange keine Investitionen finanziert werden, wie der zusätzliche Geldbestand nicht für ein Mehr an Transaktionen, sondern für mehr Bequemlichkeit bei den Transaktionen (Verringerung der Umlaufgeschwindigkeit) oder Geldhorte verwendet wird. Die Investition muss dann aus Ersparnissen finanziert werden, und die reichen auch gerade aus, denn sie sind ja der nicht konsumierte Teil des Sozialprodukts. Wird aber mehr Geld ausgegeben, als für die genannten Zwecke gebraucht wird, dann übersteigt das Angebot an Finanzierungsmitteln die Nachfrage für Investitionen, der Zins fällt, und es wird mehr investiert. Dann ist die gesamtwirtschaftliche Nachfrage größer als der Wert der laufenden Produktion, und die Wirtschaft expandiert. Wenn die Expansion in die Nähe oder bis zur Kapazitätsgrenze führt, gibt es sogar eine Inflation. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob dies Ihre Frage beantwortet, hoffe aber, Sie kommen damit ein Stück weiter. Mit freundlichen Grüßen Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Professor Sinn, vielen Dank für Ihre verständiche Vermittlung volkswirtschaftlich schwieriger Kost. Für mich sind Ihre Analysen sehr plausibel. Danke auf für den Kriminalfall "Targetsalden". Aber ich finde, Sie machen zu wenig deutlich, was die Konsequenzen Ihrer Handlungsvorschläge sind. Davor haben Politiker und Bürger Angst. In der Südwestpresse sagten sie letztlich: in Wahrheit brechen nur einige Vermögensportfolios zusammen. Ist es wirklich so harmlos? Herzliche Gruesse Dieter Scheiff
Sehr geehrter Herr Scheiff, ich freue mich sehr über Ihre netten Worte. Wenn es zu einem Austritt eines der Krisenländer aus dem Euro kommen sollte, werden einige Banken sich damit schwer tun. Die deutschen Banken sind davon nicht so stark betroffen, wie beispielsweise die französischen oder amerikanischen. Allerdings werden momentan neue Stresstests berechnet, die die Auswirkungen auch auf die deutschen Banken noch einmal überprüfen. Deutschland muss hingegen für eine Summe in Höhe von derzeit 582 Mrd. Euro gerade stehen, wenn es zu einem totalen Zahlungsausfall der GIIPS-Länder kommen sollte. Diese Summe enthält die Forderungen der Bundesbank gegenüber den GIIPS-Ländern. Mit freundlichen Grüßen Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Professor Sinn, zunächst einmal !DANKE! für den Fingerzeig auf die Target Salden - nirgendwo sonst wird die Unwucht in der Europäischen Bankenfinanzierung so auf den Cent genau sichtbar. Ich glaube aber nicht, das wir hier tatsächlich ein zusätzliches Risiko für die Bundesrepublik haben - wäre das Zentralbanksystem eine wirtschaftliche Einheit, hätte die doch EZB die (höchstwahrscheinlich nicht besonders werthaltigen) Ausleihungen an das griechische Bankensystem, die die griechische ZB mit den Guthaben finanziert hat, direkt in der Bilanz. Ich bin mir sicher, dass es auch zwischen den deutschen Bundesländern unausgeglichene "Targetsalden" gäbe, würde man diese erheben - und niemand würde darin einen verdeckten Länderfinanzausgleich sehen. Nach Ihren Nachforschungen sind die Salden letztlich Gegenstück zu der politisch gewollten unbegrenzten Bankenfinanzierung durch Zentralbankgeld, wofür der Bedarf naturgemäss in den Problemregionen am grössten ist. Mit dem amerikanischen Model wäre das Problem auf "mechanische" Art verhindert, aber wäre es nicht eher an der Zeit eine Beendigung oder zumindest deutliche Verteurerung der unbegrenzten Geldversorgung zu fordern? Die EZB soll gerne sicherstellen, das an sich gesunde Institute nicht in einer Marktpanik illiquide werden. Aber diese Hilfen dürften nicht so preiswert und permanent ausgereicht werden, dass sich ein Geschäftsmodell darauf aufbauen lässt. Wenn die Defizitländer so zum Defizitabbau oder Rückkehr zum regulären Kapitalimport gezwungen würden, müsste sich dies doch unmittelbar in einer Verringerung der Targetsalden niederschlagen - bitte korrigieren Sie mich wenn ich falsch liege.
Sehr geehrter Herr Weissbach, Sie liegen mit allem richtig. Ich glaube nur nicht, dass es in Deutschland solche große Target-Salden gibt, selbst wenn wir dafür ein Messsystem hätten, und zwar deshalb nicht, weil alle Bundesländer zum selben Staat gehören, am Finanzausgleich hängen und deshalb allesamt ein AAA-Rating haben. Sie gewinnen nichts, wenn sie ihre Papiere an die Banken verkaufen, die sich den Kredit dafür bei der jeweiligen Niederlassung der Bundesbank holen. Dieses Geschäft lohn sich nur, wenn man vom Markt abgeschnitten ist. Man könnte nun natürlich in Europa die gleichen Verhältnisse herstellen. Das wollen die Südländer mit Nachdruck. Sie haben immer vom deutschen Finanzausgleich geträumt und wollen jetzt das EZB-System als Brechstange dafür verwenden. Vielleicht haben sie Erfolg. Nur hat das gewaltige Implikationen für die Wohlstandsverteilung in Europa und die Anreize, neuen Wohlstand zu schaffen. Wenn man die Transferunion nicht will, muss man diejenigen Länder, die ihre Druckerpresse im Übermaß bedienen, veranlassen, dafür marktgängige Papier herzugeben, wie es in den USA üblich ist. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Prof. Sinn, gibt es bei den ausufernden Target-Krediten ein Limit, oder ist das ein Selbstbedienungsladen bis Deutschland pleite ist? MfG Thomas Böhme
Sehr geehrter Herr Böhme, letzteres, so befürchte ich. Es gibt keine Limits, außer dass die Banken des jeweiligen Landes Sicherheiten brauchen, die den vom Zentralbankrat festgelegten Standards entsprechen. Aber die wurden laufend gesenkt. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Staatsverschuldung und Bankenschuld Banken handelten jahrelang im Rahmen der staatlich vorgegebenen Bedingungen: Staatsfinanzierungen sind erwünscht; Staaten können nicht Pleite gehen; keine oder nur geringe Kapitalunterlegung erforderlich; lt. Anlagerichtlinien bevorzugt zu berücksichtigen. Die "plötzlich" festgestellte Überschuldung bzw. die daraus resultierenden Kreditausfälle sollen nun rückwirkend aus höherem Eigenkapital bestritten werden. Welche (dummen) Investoren sollten denn nun neues Eigenkapital bereitstellen, wenn dieses sofort anschließend durch die - letztlich staatlich verursachten - Kreditverluste wieder vernichtet wird? Allerdings nahmen die Banken mit Vergnügen die stetig steigenden Zinsen in Anspruch - was nach Marktusancen überdeutlich "steigendes Risiko" anzeigt. Dies und eine gewisse Blindheit gegenüber der finanziellen Situation ihrer staatlichen Kreditnehmer muss dazu führen, die Banken ebenfalls in die Pflicht zu nehmen. Das Grundübel 'Überschuldung' hat rein politische Ursachen und kann den Banken alleine nicht zur Last gelegt werden. Leider bedeutet 'Staatshaftung', dass dafür der Steuerzahler (das heißt die, die auch tatsächlich Steuern zahlen!) einzutreten hat. Die somit zweiseitige angelegte Schuldfrage muss deshalb auch von beiden Seiten gemeinsam geschultert werden. Eine Lösung dazu wäre m.E.: Die Zinsen der oder bestimmter Kredite werden temporär auf bzw. in Richtung Null gestellt. Die eingesparten Zinszahlungen sind als Tilgungen zu leisten. Das trifft die Gläubiger (-Banken) auf Jahre hart, bringt sie aber nicht selbst in die Zahlungsunfähigkeit. Positiver Nebeneffekt: Die Schuldnerstaaten haben keinen Zugang mehr zu privatem Kapital; notwendige Finanzierungen sind nur über die Staatsfonds (EZB, IWF etc.) und nur unter strenger Kontrolle möglich. Evtl. darüber hinausgehend erforderliche Direktabschreibungen müssten aufgrund der staatlichen Mitschuld staatlicherseits durch die zeitweilige Erlaubnis eines geringeren Eigenkapital-Prozentsatzes (eine 'nur' synthetische Festlegung) aufgefangen werden. Wieso die zuletzt beschriebene, m.E. pragmatische Lösung in der öffentlichen Diskussion nicht vorkommt, verstehe ich nicht. Mit freundlichen Grüßen
Sehr geehrter Herr V., es ist ein Fehler der Basel II Regelungen für die Banken, dass die Staatsanleihen nicht mit Eigenkapital unterlegt sein müssen. Leider bringt hier auch die Nachfolgeregelung Basel III keine echte Lösung. Wenn nun private Investoren den Banken kein neues Kapital zu Verfügung stellen, müssen die Staaten es tun. Ja die Banken müssen sogar gezwungen werden, das Staatsgeld anzunehmen, wenn sie es brauchen. Versuchen die Banken alternativ durch eine Reduzierung ihres Kreditgeschäfts zu gesunden, laufen wir in die Kreditklemme. Die soll eine Zwangskapitalisierung verhindern. Temporär geringere Eigenkapitalquoten zu verlangen halte ich dagegen für einen gefährlichen Weg. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Preisstabilität ohne Zinsschraube. Das Problem der Geldmengensteuerung durch Zinsen besteht darin, dass es einen systematischen Konflikt gibt. Wenn Inflation droht, dann versucht die Notenbank mit höheren Zinsen entgegenzutreten. Damit werden Investitionen teurer und so wird der wirtschaftliche Aufschwung abgewürgt mit Folgen für den Arbeitsmarkt. Gleichzeitig wird das Land für ausländisches Kapital interessant, das dann verstärkt ins Land fließt und der Inflation zusätzlichen Auftrieb gibt. Eigentlich sollte doch das Ziel sein, die Preise stabil zu halten und es gibt nach meiner Einschätzung einen direkten Weg, Einfluss auf die Preise und die Geldmenge zu nehmen. Die Inflation wird oft durch extern durch steigende Rohstoffpreise ausgelöst, die dann später zu höheren Produktpreisen und höheren Löhnen führen. Die Rohstoffpreise steigen wegen gestiegener Nachfrage (wegen eines weltweiten Aufschwunges) bei nur gering steigender Rohstofferzeugungsmenge. Im Fall einer globalen Rezession sinkt die Nachfrage und die Rohstoffpreise fallen, so dass dann viele Rohstofferzeuger ihre Produktion senken müssen. Ließen sich diese Rohstoffpreise nicht dadurch stabilisieren, indem große Vorratslager für Rohstoffe angelegt werden und die Notenbank mit Notenbankgeld in der Rezession die billigen Rohstoffe vom Weltmarkt gegen frisches Notenbankgeld einkauft? Dieses Geld wäre damit gedeckt, der Rohstoffpreis fällt nicht ins Bodenlose und viele Bergbauunternehmen können überleben. Die Reserven, die dabei aufgebaut werden, kann dann zur Stabilisierung der Preise genutzt werden, wenn Inflation droht. Der Preisanstieg wird dadurch etwas verringert und es wird beim verkauf Geld aus den Märkten genommen, ohne dabei an der Zinsschraube drehen zu müssen. Das würde die Konjunktur und die Preise stabilisieren. Die Gewinne, die die Notenbank durch diese Eingriffe erzielt, werden teilweise für die Lagerhaltungskosten benötigt oder können für den Schuldenabbau verwendet werden. Diese Rohstofflager bilden gleichzeitig eine strategische Reserve. Sehr geehrter Herr Sinn, warum ist das, was ich hier beschreibe, völliger Blödsinn? Es wäre jedenfalls eine Abkehr von der verschuldungsabhängigen Geldpolitik - hin zu einer teilweise physisch mit Rohstoffen gedeckten Geldmenge. Das würde am Ende auch das Vertrauen in das Papiergeld zurückbringen.
Sehr geehrter Herr Hecker, Ihr Vorschlag ist im Grunde gar nicht so abwegig. Eigentlich wird er von der Wissenschaft bereits seit Jahrzehenten diskutiert – wenn auch in etwas anderer Form. So wurde bereits in den 1970er Jahren vorgeschlagen (Alchian und Klein, 1973) Vermögenspreise wie Immobilienpreise und Aktienkurse direkt in den Preisindex einzubeziehen, auf dessen Grundlage die Stabilität des Preisniveaus definiert wird. Dieser Ansatz basiert auf der Annahme, dass Vermögenspreisänderungen (ähnlich wie die von Ihnen angesprochenen Rohstoffpreise) die künftige Entwicklung der Verbraucherpreise maßgeblich beeinflussen – denken Sie etwa an den Zusammenhang zwischen Immobilienpreisen und Mieten. Allerdings findet diese Idee sowohl in der wissenschaftlichen Literatur als auch unter Zentralbänkern kaum Zuspruch. Denn eine Reihe von Gründen spricht gegen ein Eingreifen der Zentralbank auf den Immobilien-, Aktien- oder Rohstoffmärkten: (1) Eine Ausrichtung der Geldpolitik an Rohstoff- oder Vermögenspreisen, die Gegenstand von spekulativen Investitionen sind, könnten die Risikobereitschaft von Investoren oder Spekulanten deutlich verstärken. Würde z. B. die Zentralbank – sei es durch ihren Leitzins oder gar durch den tatsächlichen physischen Erwerb – auf Rohstoffpreisänderungen reagieren, könnten die Marktteilnehmer im Falle sinkender Preise oder gar eines Crashs auf eine Intervention der Zentralbank spekulieren. In der Gewissheit, dass sich die Zentralbank starken Schwankungen an den Rohstoffmärkten entgegenstellen wird, würden Spekulanten das Risiko eines plötzlichen Preisverfalls wesentlich geringer einschätzen, wodurch ihre Risikoneigung und damit spekulative Entwicklungen an den Rohstoffmärkten letztendlich sogar noch verstärkt werden könnten. (2) Zwischen der Rohstoffpreisentwicklung und der Geldpolitik käme es so zu einer wechselseitigen Abhängigkeit. Während die Zentralbank auf Vermögenspreisänderungen reagiert, wären die Vermögenspreise ihrerseits von den Erwartungen der Wirtschaftssubjekte über die zukünftige Geldpolitik abhängig. In der Konsequenz stiege der Einfluss sich selbst erfüllender Erwartungen auf die Inflationsentwicklung und die Rohstoffpreise, wodurch letztendlich sogar die Stabilitätsziele der Zentralbank gefährdet würden. (3) Überdies ist die Lagerung derartiger Mengen an Rohstoffen, die für ein solches strategisches eingreifen notwendig wären, mit großen Problemen und insbesondere Kosten verbunden, während eine stabilisierende Wirkung auf die Märkte, wie gesagt, mehr als nur fraglich erscheint. Übrigens steuert die EZB erklärtermaßen nicht die Geldmenge, sondern zieht diese nur als ein Indikator zur Beurteilung des Inflationsdrucks heran. Mit freundlichen Grüßen Kai Carstensen
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, mit großem Interesse habe ich Ihre gestrigen Ausführungen beim 37. Augsburger Konjunkturgespräch mitverfolgt. Sie äußerten dabei u.a. drei Thesen: 1. Deutschland geht einer goldenen Dekade entgegen. 2. Das Kapital traut sich nicht mehr ins Ausland. 3. Der "Club Med" geht schweren Zeiten entgegen. Als Hersteller von Konsumgütern, insbesondere von Lebensmitteln, kann ich den zweiten Punkt bestätigen. Ich vermute, dass aufgrund des inländischen Liquiditätsüberschusses auch viele Anleger den Weg in die Agrar-Rohstoffmärkte gefunden haben. Preissteigerungen von über 100% bei Weizen innerhalb eines Jahres lassen sich nicht mit den partiell schlechten Ernten erklären. Die Folge ist nun, dass in Deutschland, in Europa, und weltweit die Lebensmittelpreise steigen. Nicht zuletzt in Tunesien waren es auch die gestiegenen Lebensmittelpreise als der berühmte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen gebracht hat. Die von Ihnen prognostizierte aufgehende Schere zwischen den südlichen "Kater"-Ländern der EU und "Party"-Ländern wie Deutschland birgt innerhalb einer freizügigen EU doch erhebliche Risiken. Wenn die Griechen und Spanier ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können, werden sie nicht tatenlos sitzenbleiben. Das Problem der Rohstoffspekulation, der explodierenden Lebensmittelpreise, scheint mir als Problem von der Politik noch nicht erkannt worden zu sein. Dies wird uns doch ebenfalls tangieren?
Sehr geehrter Herr Küchle, vielen Dank für den Hinweis. Die steigenden Lebensmittelpreise kommen vor allem daher, dass Lebensmittel und Öl heute bei der Energieversorgung fast perfekte Substitute geworden sind. 40% der US-Mais-Produktion geht in die Bioethanol-Erzeugung, und Weizen ist wiederum ein Substitut zum Mais, bei den Verbrauchern und bei der Anbauentscheidung der Bauern. In gewisser Weise kann man „mit Weizen heizen“. Ich habe das alles in meinem Buch „Das Grüne Paradoxon“ in einem Kapitel über Bioenergie ausgeführt. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Geschätzter Herr Professor Sinn! In der Süddeutschen lese ich mit großem Interesse Ihr Interview und Ihre Aussage, wonach es naiv sei, aus Finanzjongleuren ehrbare Kaufleute machen zu wollen. Das sehe ich auch so. Dennoch wird ständig davon geredet, dass es mehr Moral im Finanzmarkt bzw. für Finanzmarktakteure brauche (in derselben Ausgabe, wenige Seiten vor Ihrem Interview, steht auch, dass es politische Ökonomie brauche - gibts sowas wirklich, oder nur sehr begrenzt - eine Sozialisierung des Sinns des Marktes sollte gewagt werden, liest man...- ein reines Wunschkonzert??). Wenn es aber keine moralische Reinigung gibt oder geben wird, dann nützen wohl auch Regeln und Kontrollen nur sehr wenig, denke ich. Würde mich interessieren, welchen Schluss Sie aus Ihre Aussage ziehen würden? Irgendwie ist ja unbestritten, dass es Haftung, Verantwortung braucht, damit der Schaden nicht (wieder) jene trifft, die ihn nicht verursacht haben. Wie zuversichtlich sind Sie diesbezüglich? Würde mich sehr freuen, könnten Sie mir darauf antworten. Vielen Dank für Ihre Mühe und Ihr Entgegenkommen. Mit besten Grüßen Karl Brunner Klagenfurt
Sehr geehrter Herr Brunner, Sie haben Recht: Das Haftungsprinzip ist entscheidend. Aber es sind die Eigentümer der Bank, die nicht genug haften, weniger die Manager. Wenn Sie mehr dazu interessiert, das habe ich in meinem Buch Kasino-Kapitalismus ausgeführt. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Professor Sinn, ich habe vor kurzem Ihren Vortrag beim ifo-Branchendialog zur Konjunkturlage gehört, der wieder einmal sehr informativ und interessant war. Einige Fragen sind offen geblieben: 1.) Sie haben erwähnt, dass das Leistungsbilanzdefizit der USA nach wie vor riesig ist und dass seine Finanzierung, nachdem China und D sich hieran zuletzt weniger als früher beteiligen, durch GB bzw. "durch die Londoner City" übernommen worden ist. Sie selbst meinten eher flapsig, dass GB die Finanzierung irgendwie an andere weiter reichen wird. Es blieb offen an wen. Also: Gibt es weitere Informationen, wer dieses nach wie vor riesige Defizit finanziert und warum eigentlich? 2.) Auch wenn der derzeitige Konjunkturaufschwung in D offenbar diesmal mit von der Binnenkonjunktur angezogen wird, weist D nach wie vor einen erheblichen Leistungsbilanzüberschuss auf, d.h. wir exportieren nach wie vor netto Kapital. Wenn nicht mehr in die USA und wohl auch nicht mehr so viel in den europäischen Süden, wohin dann? Mit freundlichen Grüßen Franz Müller
Sehr geehrter Herr Müller, wenn ich das alles wüsste! Leider werden die Kapitalbewegungen nicht richtungsmäßig erfasst. Das weiß man alles nicht. Zu London habe ich mich vergebens bemüht, Klarheit zu gewinnen. Vielleicht sind es die Emirate, vielleicht auch wieder europäische Banken, die die Sachen kaufen, wer weiß. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
"Kasino-Kapitalismus" Sehr geehrter Professor Sinn Mit einer Mischung aus Genuss und Schrecken habe ich Ihr Buch gelesen und möchte Ihnen für Ihre Analyse danken. Auch wenn ich Ihrer Argumentation in anderen Fragen nicht folge, so muss ich doch Ihre Expertise neidlos anerkennen. Es wäre für den Leser allerdings weiterhin interessant zu erfahren, inwieweit Konsequenzen für die amerikanische Immobilienfinanzierung bezüglich rechtlicher Rahmenbedingungen entstanden sind. Sind amerikanische Banken weiterhin gezwungen, hochriskante Geschäfte zu finanzieren? Mir ist dabei klar, das sich aus der wirtschaftlichen Situation heraus dieses Problem akut nicht stellt. Da aber Immobilienpreise wieder steigen werden, könnten so abermals Zitronen in den Finanzmarkt gelangen, auch wenn sie sich dann vermutlich nicht so gut verkaufen lassen. Entweder führte dies dazu das sich die Zitronen bei den amerikanischen Banken sammeln oder das sich die Banken von der Immobilienfinanzierung fern halten. Beides wäre ökonomisch wenig wünschenswert. Weiterhin stellt sich mir die Frage, welche objektiven und rechtlich eindeutigen Kriterien bezüglich der Regulierung von Leerverkäufen anwendbar sind. Aus meiner Sicht besteht der Unterschied zu Termingeschäften neben der Intension, welche allerdings rechtlich schwer nachzuweisen ist, nur in der verkauften Menge der Aktien, also der Marktmacht. Welche Reglungsprinzipien hielten sie hier für tauglich? Mit freundlichen Grüßen Jens Dietzmann
Sehr geehrter Herr Dietzmann, vielen Dank für den Kommentar. Die Amerikaner haben jetzt einige Schritte zur Bankenregulierung getan und auch im Zuge des Basel-III-Abkommens auf eine Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen hingewirkt. Ob sie Basel III formell in ihr Rechtssystem übernehmen, bleibt freilich abzuwarten. Ich würde die Leerverkäufe vollständig verbieten. Sie tragen im Vergleich zu Termingeschäften für mich nicht erkennbar zur Verbesserung des Marktgeschehens bei. CDS-Kontrakte, die ebenfalls häufig auf tönernen Füßen stehen, weil sie meistens Wetten sind würde ich dadurch auf einen nützlichen Rest reduzieren, dass ich den Nachweis einer versicherten Gefahr verlange. Mit freundlichem Gruß Ihr Hans-Werner Sinn
Guten Tag, sehr geehrter Herr Professor Sinn, in der FAZ von heute war ein Bericht zu lesen über die Podiumsdiskussion im Haus der Jugend in Frankfurt mit Sarah Wagenknecht und Ihnen. "Einig sind sich beide", so steht geschrieben," dass die Deregulierung der Finanzbranche eine Ursache der Krise war." Eine Ursache, vielleicht, aber war nicht der weit grössere Anteil die Ausweitung zweifelhafter Kredite und deren Verbriefung? Denn wäre ein Weiterverkauf der "Risi-ken" an die Investmentbanken, und somit auch die Bündelung, nicht möglich gewesen, wäre wohl nichts passiert. Dann hätten nämlich die Kredite vergebenden Institute sehr wohl auf die Bonität geachtet. Nur weil sie die er-kennbar faulen Kredite an Investmentbanken weiterverkaufen konnten, wurden diese auch vergeben. Hätte man diese in den eigenen Büchern halten müssen, wären die erkennbar wackeligen Subprime Hypotheken nie vergeben worden. Die Investmentbanken bündelten diese Papiere und verkauften sie weiter. Somit hatten diese auch kein Interesse an der Qualität, da auch sie das Risiko nicht tragen mussten. Noch war nichts passiert, außer dass die unterschiedlichen Hypotheken mit ihren Risiken gebündelt und nun ein AAA bewertetes "Investment" wa- ren. Diese waren am Markt gefragt, also mussten neue Hypotheken zum Verbriefen her, da an diesen schließlich gut verdient wurde. Bald gab es nicht mehr genügend gute Papiere, deswegen wurden die weni-ger gut bewerteten Hypotheken genommen und verwendet. Somit konnten mehr Papiere "erzeugt" werden. Auch diese wurden AAA geratet, denn die Ratingagenturen verdienten schließlich damit gutes Geld und "glaubten" den Bankern, dass aufgrund der Streuung die Korrelation der Papiere untereinander gering sei. Dass Mitarbeiter der Ratingagenturen wussten, dass sie die Papiere nicht richtig bewerten konnten, geht aus einem Bericht der SEC hervor, die Mails von Ratingmitarbeitern veröffentlichte, die sich diese untereinander geschrieben hatten. Auch mit diesen neueren, überbewerteten Papieren hätte sich der Schaden im Falle einer Krise in Grenzen gehalten, da die "Luft" in diesen Papieren nicht "gehebelt" war. Dies erfolgte erst mit den Kreditausfallver-sicherungen. Benötigte man bisher echte Hypothekenkredite, so konnten nun synthetische CDOs, durch Sub-prime Hypotheken "gesichert" in beliebiger Anzahl vergeben. Ein äußerst lukratives Geschäft für die Banken, die Jahr für Jahr enorme Gebühren kassierten. Auch die synthetischen CDOs wurden mit Höchstbewert-ungen versehen, denn auch hier verdienten die Ratingagenturen gut. Durch die CDOs hatte sich dieser Teil des Finanzmarktes von der Realität abgekoppelt. Was kann man hieraus entnehmen? Es müsste verboten werden: - Eigenhandel der Institute - Verkauf des Risikos - Versicherungen ohne Besitz der versicherten Sache Die Finanzwirtschaft muss wieder der realen Wirtschaft dienen und keine Geldvermehrung betreiben. Denn dieses Geld, das mit dieser Art Investmentbanking "erzeugt" wird, ist nichts Wert, da sie die zugrunde lie- genden "tatsächlichen Werte" ja nicht vermehrt haben. Es handelt sich doch hier um Scheingewinne, die wirtschaftlich nicht relevant sind. Sie dienen nur den Akteuren selbst, die mit überhöhten Boni oder Provisi-onen Teile dieser Scheingewinne "personalisieren" und diese dann in Sachwerte wandeln, damit die nächste Krise diesem Teil der Scheingewinne nicht die "Luft rauslässt". Sehr geehrter Herr Professor Sinn, könnten Sie dieser Betrachtung als Hauptkrisenursache zustim-men? Auch engere Regeln nützen nichts, wenn weiterhin Geld aus dem Nichts geschaffen werden kann. Dies sollte das Recht der Notenbanken bleiben. Auch da ist dies schon kritisch genug. Weiter unten wird beschrieben: "Sinn bekräftigt seine Ansicht, dass auch wegen der hohen Löhne in Deutsch-land lang Geld ins Ausland geflossen sei, dann sei es eben in amerikanische Giftpapiere investiert worden und nicht in deutsche Fabriken." Welche Löhne haben Sie da in Ihrem Focus? Die "normalen" Löhne? Die gehen in den Konsum, da wird wohl kaum etwas gespart, was sich ausserhalb des Sparbuches investment-mässig anlegen liesse. Wie Sie auch wissen, sind die Löhne resp. die Lohnsumme in den letzten Jahren so gut wie nicht gestiegen, ganz im Gegensatz zu den Einkünften aus Unternehmertätigkeit und Kapitalanlagen. Nicht zu vergessen sind auch wirkliche "Gutverdiener", die ausserhalb ihres zum Lebensunterhalt benötigtem Kapital noch genügend Geld investieren können. Wenn Sie mit hohen Löhnen die Lohnkosten oder die Lohnnebenkosten gemeint haben sollten, so wissen Sie ja auch, dass diese in Deutschland nicht die höchsten sind. Die Lohnstückkosten liegen in etwa im oberen Drittel im Vergleich mit anderen europ. Ländern. Die Erfolge die BMW und Daimler in UK oder den USA hatten deuten nicht daraufhin, dass niedere Löhne und auch niedere Steuern ein Garant für den unternehmerischen Erfolg sind. Die entstandenen Löcher wurden hauptsächlich mit den im "Hochlohn-" und "Hochsteuerland" BRD erzielten Gewinnen gefüllt. Die Geldanlagen im Ausland hatten doch wohl andere Hintergründe. Blicken wir zurück, so hat sich etwa seit Mitte der 70er Jahre im letzten Jahrhundert im produzierenden Ge- werbe aufgrund der wachsenden Produktivität die Anzahl der Arbeitsplätze verringert bei gleichzeitiger Erhöhung der Beschäftigten im Servicebereich. Der Anteil der Produktion an der gesamten Wertschöpfung ging kontinuierlich zurück, ohne dass Arbeitsplätze ins Ausland verlagert wurden. Im Gegensatz zu den anderen großen Nationen (UK, Frankreich, USA) hat es Deutschland schon vor 2000 verstanden, einen höheren Anteil des produzierenden Gewerbes zu erhalten als in den angesprochenen Ländern. Hier mussten wir uns dann von "schlauen" Fachleuten und Journalisten sagen lassen, dass Deutschland das falsche Geschäftsmodell verfolgt, dass Produktion "out" ist, der Servicebereich und das Investmentbanking "in". Das deutsche Bankensystem wurde als "schnarchzapfig" bezeichnet, welches mit viel zu geringen Renditen arbeitet im Vergleich mit den internationalen Großbanken, der Servicebereich sei im internationalen Vergleich viel zu klein und die Ausrichtung auf die industrielle Produktio! n würde die Zukunft der Bundesrepublik gefährden und diese würde zurückfallen im internationalen Vergleich. Das war, wie schon gesagt, die Argumentation der "Fachleute" im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Leider setzte sich dann bei uns auch die "angelsäch-sische" Denkungsweise durch, die einseitig auf das Kapital setzt. Die Folgen lassen sich sehr gut in UK und den USA (aber nicht nur dort) sehen. In England sei nur auf die Situation der Automobilindustrie verwiesen oder auch auf die der Elektronik. Hatte England in den 80er Jahren noch die zweitgrößte Elektronikproduktion in Europa nach Deutschland, so ist es heute Italien, das diesen Platz einnimmt. In USA wird keine LEVIS- Jeans ( kein High Tech Produkt, aber mit Symbolwirkung) mehr genäht, obwohl dies mit modernen NC- gesteuerten Maschinen kein Problem sein sollte. Ein weiterer Indikator ist der Zustand der Automobilindustrie. Aber die Prioritäten waren anders, ich vereinfache einmal: - Verlagerung der Produktion ins Ausland, möglicht in Kooperation oder nur als Fertigungsstätte ohne eigene Beteiligung, um den Kapitaleinsatz zu minimieren - Keine Ausbildung in den Betrieben, wenn notwendig wird das Personal beim Wettbewerb wegge- kauft. Das erfordert weniger Aufwand (Kapital), man benötigt keine Ausbildungsinfrastruktur - Ausbau des Kapitalsektors bei produzierenden Betrieben, z.B. hat General Motors mehr Geld durch die GM eigene Bank durch Finanzierungen und Leasing verdient als mit der Produktion von Autos Gottseidank war die deutsche Wirtschaft aufgrund der Struktur (starker Mittelstand) nicht so "flexibel" und hat diesen Umbruch nicht im selben Umfange nachvollzogen wie die anderen Länder. Diese lächelten über die Deutschen und bauten zielstrebig den Service- und Finanzbereich aus und erhöhten dort die "Wertschöp-fung?!" und konnten Wirtschaftszuwächse erreichen, die wir nur neidvoll zur Kenntnis nehmen konnten. Die gab den "Neoliberalen" Auftrieb, die nun zielstrebig die deutsche Wirtschaft umbauen wollten, die Sozialsys-teme in Frage stellten und auf die zu hohen Löhne (Arbeitskosten) genauso hinwiesen wie auf die angeblich zu hohe Steuerbelastung, obwohl diese schon seit Jahrzehnten bei 20% bis 25% lag, auf das BIP bezogen, und somit unterhalb des Durchschnittes der EU und der OECD lag. Für Deutschland könnte man den Beginn dieser Betrachtungsweise so um 1990 feststellen. Im Verlauf konnte man dann noch durch den Druck der "Globalisierung" erreichen, dass die Lohnsumme im Vergleich zum BIP immer niedriger wurde, ganz im Gegensatz z.B. zu Frankreich. Aufgrund des Druckes der "Globalisierung" kamen die Löhne unter Druck, die Arbeitslosigkeit erzwang den Niedriglohnsektor. Das war per se nicht schlecht, schlecht war nur die teilweise Aufspaltung regulärer Jobs in Niedriglohnjobs, die aber praktisch keine Steuern und Abgaben zahlen. Dies soll noch weiter getrieben werden!? Diese Arbeitnehmer erhalten keinen vernünftigen Lohn und der Allgemeinheit fehlen Steuern und Sozialabgaben. Von den Vertretern der neoliberalen Ordnung wird immer auf den Druck der Globalisierung auf die Löhne hingewiesen. Nur, was ist denn diese "Globalisierung", wo kommt diese denn her? Im Gegensatz zu der BRD oder Japan, die nach dem Kriege ein "Wirtschaftwunder" geschaffen haben, aufbauend auf dem Stand der Industrie vor dem 2. Weltkrieg, war China bis zur Zeit Mao Tse Tungs ein Agrarland. Erst hinterher kam die vorsichtige Öffnung zum Westen. Diese Öffnung war die Grundlage der Investitionen, die der Westen dann in China tätigte. Schon in den 80er Jahren im letzten Jahrhundert haben doch amerikanische und europäische Firmen in "Mainland China" investiert, ohne dass juristisch schon alles klar war (z.B. Eigentum / Besitzverhältnisse), in dem sie auf die Macht des Faktischen vertraut haben. Die gewaltigen Investitionen zum Aufbau einer modernen Wirtschaft kamen doch zunächst aus dem Ausland. Hierzu wurden die Sonderwirtschaftszonen geschaffen z.B. Shenzen. Dass die chinesische Führung clever war und sich grundsätzlich einen Anteil von der Hälfte der Firmen sicherte, ließ sie am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben, ermöglichte ihnen den Einblick in alle firmeninternen Vorgänge. Denn es waren ja nicht nur "alte" Techniken, die nach China verfrachtet wurden. Texas Instruments, STMicroelectronics u.a. Halbleiterhersteller gingen frühzeitig nach China, obwohl diese z.B. in Singapur und Malaysia schon vor Ort waren. Die Globalisierung war nichts anderes, als China als verlängerte Werkbank zu benutzen. Es war! en zu dieser Zeit keine chinesischen Waren, die die Märkte überflutet haben, sondern es waren die "eigenen" Produkte. Hauptsächlich, aber nicht nur, haben die großen Konzerne die Fertigung nach China verlagert, um die laxen Umweltbestimmungen nutzen zu können, genauso wie die niedrigen Löhne und die durch wenige Arbeitsschutzmassnahmen eingeschränkte Verfügbarkeit der (Wan-der-) Arbeiter. Dass die Chinesen dann Parallelfabriken bauten, in denen sie dann "Kopien" herstellten, war eine logische Folge, aber sicherlich nicht in diesem Umfange vorausgesehen. Und bei uns stellen sich die Größen der Wirtschaft hin und sprechen mit Krokodilstränen in den Augen von der Globalisierung, die sie zu Lasten der hiesigen Arbeitnehmer und Sozialsysteme selbst vorangetrieben und finanziert haben. Nachdem nun in China über die letzten Jahre eine gute industrielle Infrastruktur zur Produktion hochwertiger Wirtschaftsgüter entstanden ist, finanziert vom Westen, kann man ja sehr gut die Globalisierungskeule schwingen, natürlich mit dem Hinweis auf die angeblichen Sachzwänge. Verlogener geht es nicht mehr!! Für deutsche Arbeitnehmer Löhne von China, für deutsche Vorstandsvorsitzende Be-züge wie in den USA, das ist wohl der Traum eines Teils unserer "Wirtschaftseliten". Aufgrund der starken Ausrichtung auf den Finanzsektor konnten nun die als "Vorbild" hingestellten Volks-wirtschaften den Export von zweifelhaften Finanzprodukten ankurbeln, was auch recht "erfolgreich" ver-wirklicht wurde. Diese "Luftnummern" erreichten einen "Gesamtwert" von nahezu dem 4-fachen des gesamten weltweiten BIP. Mit diesen "Werten" wurde Wirtschaftswachstum "erzeugt". Dieses fand aber nur in der Statistik statt. Eine Wirtschaft, die weite Teile ihrer Produktion ins Ausland, hauptsächlich nach China verlagert hat, kann im Inland nicht mehr viel bewirken. Das Land wird zwangs- läufig importabhängig. Das fördert natürlich den Protektionismus. Dass auch Intel Boss Andy Grove auf Protektionismus setzt, ist genauso nachvollziehbar. Bei der Stellung von Intel bei den Komponenten für PCs kann sich die Forderung von Grove nur auf Autos, Industriegüter, Konsumartikel,... beziehen. Und hier dürfte er recht haben. Welche Güter wollen denn die USA zusätzlich weltweit exportieren um den Arbeitsmarkt anzukurbeln? Selbst typische amerikanische Produkte wie LEVIS JEANS oder APPLE I - PHONE werden nicht in den USA produziert. Nein, Grove hat als einer der wenigen amerikanischen Wirtschaftsführer erkannt, dass das McKinsey -Prinzip der gnadenlosen Optimierung betriebswirtschaftlicher Vorgänge nach Finanz-zahlen zu Lasten der Volkswirtschaft erfolgt ist und die Überlebensfähigkeit dieser beeinträchtigt. Er sieht offensichtlich, dass es unmöglich ist, gegen die Konkurrenz aus China, Japan, Deutschland ...die industrielle Produktion hochzufahren, wenn der einheimische M! arkt nicht über Zölle geschützt wird, um den Preisdruck zu nehmen. Der Rückstand der US - Industrie im produzierenden Gewerbe ist gewaltig und würde zunächst kaum wettbewerbsfähige Produkte ermöglichen. Herr Professor Sinn, können Sie mir zustimmen, dass die Kapitalanlagen im Ausland differenziert zu sehen sind? Einmal zum Erzielen spekulativer Gewinne, was auch "normale" Firmen genutzt haben, als auch die "besseren" Produktionsbedingungen hauptsächlich in China zu nutzen. Die guten Löhne der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten werden wohl kaum in großer Anzahl im Ausland zur Kapital-anlage gelandet sein bei ca. 31 000 Euro Durchschnittsverdienst im Jahr. Der Durchschnittsverdienst aller Beschäftigten liegt bei ca. 41 000 Euro pro Jahr. Da ist vielleicht dann bei denen etwas mehr übrig, die den Schnitt heben. Mit freundlichem Gruß W. R.
Sehr geehrter Herr R., ich stimme Ihnen in den meisten Punkten zu. Was Sie zur Verbriefung und zum Outsourcing sagen ist Gegenstand meiner Bücher "Kasino-Kapitalismus" und "Basarökonomie". Mit den Löhnen sind natürlich bei Standortentscheidungen immer nur die Lohnkosten gemeint. Da haben Sie Recht. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, ich habe gerade Ihr Buch Kasino Kapitalismus gekauft. Den größten Teil des US-Rettungspaketes das Public-Private Investment Program, welches Sie dort erläutern, wirft auch ein schlechtes Licht auf den amerikanischen Präsidenten Obama. Der amerikanische Präsident und Friedensnobelpreisträger wird gemeinhin als intelligenter Gutmensch wahrgenommen, der sich nicht in erster Linie den Interessen der Reichen und Mächtigen verpflichtet fühlt, sondern vielmehr das Gemeinwohl aller Menschen im Blick hat. Die komplexen Zusammenhänge des PPIP, die Sie in Ihrem Buch hinsichtlich ihrer Wirkungsweise entflechten, sind für die breite Masse der Amerikaner kaum zugänglich. Barack Obama aber müßte erkennen, dass der amerikanische Steuerzahler, durch das PPIP, gezwungen wird, Banken, Hedgefonds und Pensionsfonds Geld zu schenken. Er müßte auch erkennen, dass die Geldgeschenke nur zum Teil in der Lage sind, die Solvenzprobleme der angeschlagenen Banken zu lösen, da ein großer Teil an die Hedgefond und Pensionsfonds abfließt. Ein wirklich guter amerikanischer Präsident wäre Finanzminister Geithner bei seinen Plänen frühzeitig dazwischengefunkt. Das schwedische Model, von dem die Engländer wohl am meißten gelernt haben, müßte bei der Rettung der Banken, in der ganzen Welt, Schule machen. Meinen Glückwunsch zu diesem Buch. Mit freundlichem Gruß Noel König
Vielen Dank, Herr König. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, bzgl. der Finanzkrise scheint mir die Situation allmählich recht einfach gestrickt zu sein. Meine vergangenen Fragen wurden nicht wirklich beantwortet. Ich möchte daher etwas konkreter werden. Ich erinnere mich in meiner Kindheit an Kettenbriefe, Sie kennen Sie sicherlich auch. Können Sie mir einen Unterschied nennen, der genau dieses Prinzip dieser Kettenbriefe gegenüber der Zockermentalität der Finanzbranche unterscheidet, nennen? Dwn einzigen Unterschied, den ich erkenne ist der, dass das System möglichst lange durch die Bankenwelt verschleiert wurde. Ich glaube inzwischen nicht mehr, dss, so wie Sie in Osnabrück in Ihrem Vortrag noch darstellten "alle keine Ahnung gehabt haben". Denn so naiv können doch Banken und die die beratenden Wirtschaftswissenschafter wirklich nicht sein. Oder wurde nur die angehört, die dem System "hörig" sind und darauf gepokert wude, dass die Zeche der Steuerzahler begleicht? Ich würde mir wünschen, das Sie, als Kapazität, auf genau diese Fragen eine konkrete Stellungnahme abgeben. Mit freundlichem Gruss Martin Schlütz
Sehr geehrter Herr Schlütz, man hat in der Tat auf den Bail out gepokert und ist deswegen zu viele Risiken eingegangen. Das habe ich in Osnabrück gesagt und das ist die These meines Buches zum Kasino-Kapitalismus. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, es wird diskutiert, dass sich die verschuldeten Staaten mittels Inflation entschulden könnten. Ist dies in der jetzigen Situation überhaupt für Deutschland möglich? Soweit ich weiss, haben die deutschen Staatsanleihen nur eine Restlaufzeit von durchschnittlich 3-4 Jahren. Falls nun die Inflation angeheizt wird, bedeutet dies wohl auch steigende Zinsen. Da der Staat sich aber bald wieder refinanzieren muss, würden dann auch höhere Zinszahlungen folgen, womit eine Entschuldung nicht mehr möglich ist. Sind meine Überlegungen korrekt oder habe ich was übersehen? Mit freundlichem Gruß Böhme
Sehr geehrter Herr Böhme, da haben Sie völlig recht. Nur eine nichtantizipierte Inflation kann die Staatsschulden erodieren. Antizipierte Inflation ist im Zins erfasst. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Sinn, Ihre zahlreichen Beiträge zur Schuldenkrise Griechenlands habe ich mit viel Interesse gelesen. Das europäische Währungssystem steht vor einem Scherbenhaufen und enthüllt dabei gewisse Parallelen mit der NS-Zeit. Griechenland steht vor dem Staatsbankortt, andere europäische Länder sind am Taumeln. Die EU sucht nach Wegen zur Stabilisierung des fragmentierten Wirtschaftsraums. Lesen Sie den vollständigen Beitrag unter: http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/000550> Mit besten Grüssen, Dr. Radu Golban
Sehr geehrter Herr Dr. Golban, da Herr Sinn unterwegs ist, antworte ich Ihnen. Wie Herr Sinn in zahlreichen Beiträgen schreibt, sieht er eine Wende in der europäischen Politik. Die ergriffenen und geplanten Maßnahmen führen seiner Meinung dazu, dass notwendige Korrekturmechanismen nicht mehr greifen. Die Zinsen hatten etwa begonnen, sich wieder an die Bonität der Länder anzupassen. Die Hilfszusagen führen nun dazu, dass diese Zinsspreizungen sich wieder etwas einengen. Die Zinsen der stark verschuldeten Länder sinken und die deutschen Zinsen werden etwas steigen. Der Rettungspakt verzerrt den Kreditfluss der Kapitalmärkte. Wir bräuchten daher vielmehr einen Pakt, der die bisherigen Inhaber der Staatspapiere an den Lasten einer Staatsinsolvenz beteiligt. Die Altgläubiger müssen auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Eine solche Insolvenz würde auch zukünftig Anreize für eine Kreditvergabe zu angemessenen Zinsen und bei den Staaten für eine nachhaltigere Politik geben. Viele Grüße Klaus Abberger
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, wenn schon Griechenland nicht zu seiner Drachme zurückkehrt -eine Empfehlung, die Sie seinerzeit abgegeben haben - wie wäre es dann, wenn Deutschland aus dem Euro Verbund austritt und damit deutlich macht, dass es nicht zum ewigen Zahler der EU werden will. Hat das Ifo Insitut derartige "Visionen" einmal durchgespielt? Was würde das für die deutsche Wirtschaft selbst, in Europa und gobal bedeuten? Unter der Maßgabe, dass man politische Erwägungen möglichst außen vor lassen kann! Und wäre es möglich, den Spekulanten damit den Garaus zu machen? Unsere, wie auch die anderen Regierungen haben es ja bis heute nicht geschafft, (oder wollen es auch nicht) wirksame Regeln für alle Arten von Bankgeschäften zu erlassen. Ich bin gespannt auf Ihre Antwort.
Sehr geehrte Frau W., ich habe das Szenarium nicht durchgespielt, aber ich denke, es übersteigt das, was wir Deutschen uns in Europa würden erlauben können. Davon abgesehen bin ich auch überzeugt, dass der Euro auch nützlich für Deutschland ist. Er schafft eine Zone der Stabilität und Prosperität im Herzen des Kontinents. Wir müssen nur das Schuldenproblem lösen und zu diesem Zweck die Südländer auf Kurs bringen, was freilich schwierig genug sein wird. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Professor Sinn, zu dem Thema Unterstützung für Griechenland haben Sie sich bereits dezidiert geäußert. Sie haben meiner Meinung nach ausnahmsweise einmal die deutliche Mehrheit in Deutschland hinter sich. Einige wenige Punkte möchte ich noch dazu anführen, die Sie bitte gerne in der weiteren Diskussion verwenden wollen: 1. Wie sieht es bei der Griechenland-Rettung eigentlich mit den Nicht-Euro-Staaten in der EU aus, insbes. mit Großbritannien? Soweit ich weiß, haben gerade die britischen Banken in erheblichem Maß in Griechenland investiert. Rettet Deutschland jetzt nebenbei auch noch diese Banken? 2. Profitiert hat nicht Deutschland durch den Euro, sondern einige Deutsche. Die meisten Arbeitnehmer zählen jedenfalls nicht dazu, sollen aber im Ergebnis bezahlen. Zusammengefasst bedeutet dies nichts anderes, als das deutsche (andere natürlich auch) Spekulanten und Unternehmer (insbes. am Export beteiligte) den deutschen Arbeitnehmern auf dem Umweg über Griechenland (...) auf kaltem Wege Kapital entzogen haben. 3. Geschäfte mit Pleitiers sind keine guten Geschäfte. Ein Geschäft mit jemandem der die Ware möchte, aber nicht zahlen wird, kann jeder abschließen. Ist dies von vornherein bekannt und wird dennoch im Vertrauen auf den Steuerzahler gemacht, ist es ein unzulässiges Geschäft zu Lasten Dritter. Und da die Bank ja Geld der Anleger an den Pleitier auszahlt zudem Veruntreuung, somit strafbar. 4. Die deutschen Firmen, die nach Griechenland exportieren und ohne eine Finanzhilfe um weitere Exporte bangen, können auch anders unterstützt werden: Wenn das Geld nicht nach Griechenland fließt, um dann teilweise auf Umwegen wieder in Deutschland zu landen, sondern direkt in Deutschland verbleibt - und z.B. für Steuersenkungen genutzt wird - können die Deutschen Steuerzahler/Konsumenten die Waren auch selbst kaufen. Das wäre billiger, sicherer, gerechter und sogar politisch profitabel Mit freundlichem Gruß, Volker Hegerfeld
Sehr geehrter Herr Hegerfeld, Sie haben leider mit all Ihren Punkten Recht. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
“Strategie ohne Taktiken ist der langsamste Weg zum Sieg. Taktiken ohne Strategie sind der Lärm vor der Niederlage” Sun Tzu (544 – 496 v. Chr. - chinesischer General, Militär- stratege und Philosoph, Buch: „Die Kunst des Krieges“) Lieber Herr Sinn, Sie sagen goldrichtig in Ihrem SPIEGEL-ONLINE-Interview, dass Griechenland ein „Geschäftsmodell“ fehlt. Das Gleiche gilt für meine zweite Heimat, Portugal. Nun, ein „Geschäftsmodell“ ist zwar vorhanden, aber es ist wenig differenziert und man kann, was viele andere auch und z.T. sogar besser können. Was fehlt ist ein glaubhaftes stark differenziertes Profil der weltweit einzigartigen und unverwechselbaren Stärken, das bei entsprechender Anwendung den Ländern nach aussen mehr Anziehungskraft und damit mehr Kredit verleiht. Bereits als 1986 meine zweite Heimat Portugal der EWG beitrat, sah ich das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich war nämlich bereits damals zur Überzeugung gelangt, dass die EWG „umgekippt“ war. Und zwar von einer extrovertiert-alterozentrischen Zielsetzung in eine introvertiert-egozentrische. In der Folge habe ich seitdem meine portugiesischen Freunde immer wieder darauf hingewiesen, dass, wenn solche (geschlossenen) Systeme am Ende ankommen, es „die weniger enwickelten Subsysteme sind, die als erste über die Klinge springen müssen“. Aber das wollte niemand hören, auch nicht meine über all die Jahre gemachten konkreten politisch-ökonomischen Vorschläge zur Vorbeugung einer solchen Situation (z.B. mein Artikel „Warum es sich (für Portugal) lohnt auf Afrika zu setzen“, von 1997). Und jetzt steht Portugal, hinter Griechenland, sozusagen auf dem „Zehnmeterbrett“ um in ein Schwimmbad ohne Wasser zu springen. Schiller, würde er heute leben, würde möglicherweise dazu sagen. „Gegen Subventionen kämpfen Götter selbst vergebens“. Und so wurde der staatl. regulierte Systemraubbau sozusagen zur Staatsreligion – bis nun endlich die kybernetischen Korrekturmechanismen der Natur zu greifen beginnen. Aber noch ist das „Lügen in die eigene Tasche“ nicht am Ende, obwohl der Anfang vom Ende bereits begonnen hat. Gestern setzte sich z.B. Prof. Arnulf Baring als einziger der Gäste von Anne Will über das punktuelle Griechenlandproblem hinweg und machte – sinngemäss – die folgende systemisch-ganzheitliche Aussage: „Wir alle und nicht nur Griechenland marschieren schon lange in die falsche Richtung, und falls nichts geschieht wird am Ende auch die Bundesrepublik da landen, wo sich Griechenland heute befindet“. Ich behaupte, dass es zwischen dem Teufel und Belzebub.d.h. Hilfe und Nichthilfe, einen eleganten Ausweg gibt und zwar einen kybernetischen (s. Anlage). Nachdem allerdings keiner der auf den rein materiellen Teil fixierten Problemkandidaten – Deutschland gehört mit dazu – an die Wirksamkeit desselben zu glauben bereit sein wird – die Portugiesen tun es nicht – , geschweige denn Hand anzulegen, gibt es als grossen Wurf nur eine Möglichkeit einer systemisch-ganzheitlichen Lösung: Deutschland, das zusammen mit Frankreich einer der Hauptanführer der in die Introversion und den Egozentrismus geratenen EU ist, wird den ihm noch verbliebenenen Rest an Macht in Brüssel einbringen müssen um einen Strategiewechsel in die Wege zu leiten um die EU und mit ihr alle ihre Mitglieder zu retten. Ich schrieb bereits 1997 an Freunde: „Man wird ‚Strohhalme‘ loslassen müssen, die man bisher für ‚Balken‘ gehalten hat und dafür echte ‚Balken‘ ergreifen müssen, die man bisher für ‚Strohhalme‘ gehalten hat. Das ist der Abschied vom schönen Schein zu dem uns die Ereignisse zwingen werden.“ Nun, dieser Moment ist jetzt gekommen. Man wird auf EU-Ebene wieder nach aussen blicken und sich den wachsenden Bedürfnissen von einigen Milliarden Menschen da draussen in der 3. Welt widmen müssen – in strategisch korrekter und wirksamer Weise, wohlverstanden. Das ist der externe, der Zielgruppenengpass. Zuvor wird man allerdings den internen Engpass – welches ist der fehlende Minimumfaktor, dessen Besitz es uns ermöglichen würde die beabsichtigte soziale Kettenreaktion auszulösen? – lösen müssen. Zum Beispiel: Ein grosser Befreiungsschlag in Form einer radikalen Steuerreform (Flat Tax, Bierdeckel!?). Wahnsinn, das ist nicht durchsetzbar? Stimmt, im Moment NOCH nicht durchsetzbar. Die handelnden Akteure benötigen also noch einige Zeit um richtig „durchzugaren“ oder – noch besser – durch Leute ersetzt zu werden, die die Welt auch ohne vorhergegangenen Leidensdruck mit anderen Augen zu sehen. Wahrscheinlich ist, dass man zur Lösung der Existenzfrage (der EU und seiner Susbsyteme) zunächst einmal weiterhin den linearen Weg wählt und einen der beiden Irrwege einschlägt. Das wird kurzfristig die kybernetischen Korrekturmechanismen derart anheizen, dass man sich in seiner Verzweiflung doch noch entschliesst den Strategiewechsel ad hoch einzuleiten, indem man die scheinbaren „Strohhalme“ aufgreift – und siehe da, es geschieht das, was schon Goethe wusste: „Sobald der Geist auf ein Ziel gerichtet ist, kommt ihm vieles entgegen.” Eine Positivspirale wird eingeleitet. Entscheidendes geschieht auf der immateriellen Ebene: Neues Vertrauen, Hoffnung und Motivation kommen auf; es geht wieder aufwärts. Einzige Vorbedingung: Die Macht darf vorher nicht auf die Strasse fallen – sonst wird uns anderfalls die sich dann bis zum bitteren Ende rasend schnell abspulende Negativspirale ganz schön beschädigen. Mit besten Grüssen aus Estoril Rolf Dahmer
Sehr geehrter Herr Dahmer, haben Sie vielen Dank für Ihre Stellungnahme. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, der Volkswirt Heiner Flassbeck vertritt die Meinung, dass zu niedrige Lohnkosten in Deutschland mitverantwortlich für die griechische Misere sind. Sie hingegen vertreten die Meinung, dass die Löhne gerade im Niedriglohnsektor immer noch zu hoch sind und sich dadurch zu wenig Investitionsprojete in Deutschland lohnen, was bewirkt, dass das Kapital ins Ausland abfließt, wodurch sich die großen Differenzen in den Handelsbilanzen begründen. Das Argument von Flassbeck halte ich für abwegig, impliziert es doch den Vorwurf an deutsche Firmen, dass diese ihre Produkte zu günstig anbieten und deshalb zu konkurenzfähig sind. Ihre Argumentation empfinde ich als schlüssig. Allerdings sehe ich einen Widerspruch ihrer Position im Kontext mit den bilateralen Hilfen, welche die Überschußländer im Notfall gewähren sollen. Meiner Meinung nach beflügeln die bilateralen Hilfszusagen den deutschen Kapitalexport, wärend das Kapital durch einen gut ausgebauten Niedriglohnsektor ja eigentlich im Land gehalten werden soll. Mit freundlichem Gruß Noel König
Lieber Herr König, bilaterale Hilfszusagen sind Kapitalexport, wenn Kredite gegeben werden, und Transfers, wenn das Geld geschenkt wird. Sie erhalten den deutschen Überschuss und das griechische Defizit in den Leistungsbilanzen. Ich stimme zu, dass das keine guten Lösungen sind, weil sie darauf hinauslaufen, dass wir unsere Exporte verschenken. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Guten Tag, ich las kürzlich auf Ihrere Homepage die Erklärungen zum Stichwort "Staatsbankrott". Worüber ich mich nun etwas wundere ist, warum der Staat denn überhaupt etwas gegen übermäßige Staatsverschuldung tun sollte? In dem Video "Welche Folgen hat ein Staatsbankrott" erklärt Herr Sinn, dass die Folge einfach ist, dass die Gläubiger eben Pech haben und ihr Geld nicht mehr vollständig zurückbekommen. Was ist daran denn so schlimm, volkswirtschaftlich gesehen? Oder gibt es andere Gründe, warum Staatsschulden ein Problem sein könnten? MfG, Daniel Lechmann
Sehr geehrter Herr Lechmann, was ist schlimm am Staatsbankrott? Allerlei. In der Erwartung des Bankrotts kann sich der Staat nicht mehr finanzieren und die öffentliche Versorgung bricht zusammen. Der Kapitalmarkt wird geschädigt, weil auch die Garantien des Staates für das Bankensystem, ob privat oder staatlich, wertlos werden. Der Zahlungsverkehr bricht zusammen. Das Ergebnis ist Chaos und Revolte auf den Straßen. Ein geordnetes Wirtschaften ist nicht mehr möglich. Das Land verliert an Wohlstand und versinkt im Chaos. Danach mag es sich wieder fangen, doch ist der Bazillus des Staatsbankrotts virulent, wenn der Bankrott einmal stattgefunden hat. Dauerhaft werden höhere Risikoprämien im Zins verlangt, die zu einer Abschwächung des Wirtschaftswachstums führen. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Professor Sinn, mit Vergnügen und großem Interesse verfolge ich Ihre Konjunkturberichte und Kommentare zur wirtschaftlichen Entwicklung. Leider sind Wissenschaftler rar geworden, die es verstehen, komplexe Zusammenhänge einfach und klar darzustellen und ordnungspolitische Empfehlungen unabhängig von ideologischen Einflüssen und tagespolitischen Opportunitäten auszusprechen. So habe ich auch Ihre Kommentare zur Griechenlad-Krise aufmerksam gelesen und möchte gerne Ihrer Argumentation folgen, dass ein vorübergehender Austritt der Griechen aus der Eurozone für alle Beteiligten der beste Weg wäre. Hierzu habe ich jedoch nur eine Anmerkung und viele Fragen: Wäre es nicht ein Gebot der Fairness, den Griechen gleichzeitig zu sagen, dass Sie bei einem Wiedereintritt für jede Drachme, die sie heute mit einem Euro bezahlen, wahrscheinlich nur noch 30 oder 50 Cents erhalten? Sie sprechen selbst von der Notwendigkeit einer drastischen Abwertung! Wer kann verhindern, dass Griechen schon heute Euroscheine mit dem X vor der Nummer horten um Ihre Ersparnisse zu schützen? Wie soll überhaupt ein derartiger Umtausch bei offenen Grenzen vonstatten gehen? Wer würde unter diesen Umständen einen Umtauschkurs von 1:1 akzeptieren? Gilt unter diesen Umständen noch die Regel, dass das schlechte Geld das gute Geld verdrängt? Zumindest für mich bleiben da noch viele Fragen offen! Freundlich grüßt Sie Dr. Thomas Wagner
Sehr geehrter Herr Dr. Wagner, der Umtausch müsste so geschehen, dass alle Konten in Griechenland über das Wochenende in Drachmen gewechselt werden und die Drachme zugleich abgewertet wird. Außerdem muss der Staat Griechenland ein Schuldenmoratorium erklären, wonach er die auf Euro lautenden Staatsschulden im gleichen Umfang abwertet. Da er ein souveräner Schuldner ist, darf er das. Die Leute werden im Vorfeld reagieren, indem sie ihr Geld von den Konten abheben und bunkern. Das tun sie in der Tat heute schon. Am besten wäre es gewesen, man hätte die Abwertung schon vor einem Monat überraschend gemacht. Aber auch der Bank Run, der jetzt stattfindet, könnte den Staat zum Schluss dazu zwingen, weil er die Bankenkrise sonst nicht mehr lösen kann. Warten wir ab, was geschieht. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, wenn es nach Angela Merkel geht sind die Weichenstellugnen zur Rettung Griechenlands auf den Weg gebracht. Der IWF soll eigeschaltet werden, ferner sollen bilaterale Kredite aushelfen, welche dem Vertrag von Lissabon offenbar nicht widersprechen. Aus meiner Sicht wurde ein Paradigmenwechsel vollzogen, den ich als Einstieg in eine Transferungion bezeichnen möchte. Die Griechen werden ihre Kredite nie und nimmer zurückzahlen können, es sei denn, sie würden Überschüsse in ihrer Handelsbilanz ausweisen, was ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint, wenn die Griechen in der Eurozone verbleiben. Ich teile daher ihre Schlußfolgerung voll und ganz, dass die Griechen die Eurozone verlassen sollten. Nur so kann die Währung abgewertet werden, was die Handelsbilanz der Griechen in die richtige Richtung lenken würde. Der Weg in die Transferunion bedeutet auch, dass der Steuerzahler die Renditen der griechischen Staatspapiere subventioniert. Mit freundlichem Gruß Noel König
Sehr geehrter Herr König, vielen Dank für diese Einschätzung. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Könnten Sie mir sagen wie es mit Haftungsfragen bei der besagten HypoRealEstate mit dem Verlust von ~ 100 Milliarden € aussieht? Mit freundlichen Grüßen Hans J. Matt
Sehr geehrter Herr Matt, es gibt keinen Verlust von 100 Milliarden Euro. Die HRE hat bislang 5,0 Milliarden Euro an Abschreibungen auf toxische Papiere realisiert, also nur ein Zwanzigstel der von Ihnen genannten Summe. Was Sie meinen sind staatliche Kredite und Bürgschaften (je hälftig) im Umfang von 102 Milliarden Euro. Das sind keine Verluste, denn der Staat kassiert einen Zins für die Kredite und eine marktübliche Avalgebühr für die Bürgschaften. Wahrscheinlich macht er damit sogar einen Gewinn. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Sinn, in der Tageszeitung "Die Presse" las ich Ihren Gastkommentar "Ist die Bankenkrise vorbei?" vom 27.06.2009. Daraufhin habe ich mir Ihr Buch Kasino-Kapitalismus gekauft. Danke dafür. Bitte CDS: "Leider kann dieses Buch die vielen unklaren Probleme, die sich im CDS- Bereich auftun, nicht abschließend erhellen." (K.-K., S.315) Ich würde mich sehr über weitergehende Untersuchungen und Artikel zu diesem Problem freuen. Anmerkung Risiko (1): Am 02.04.2009 (Online Ausgabe 1.4.09, siehe Anhang) fand sich in der gleichen Zeitung ein Artikel von Petra Adams. "...Wohin der Verlust des persönlichen Risikos (von führenden Managern, m.k.) bei gleichzeitiger Möglichkeit zu traumhaften Gagen beim Eingehen hoher und höchster Risiken geführt hat, haben wir jetzt gesehen." Wenn ich Sie recht verstanden habe sehen Sie die Aktionäre oft als Mit-Verursacher der Krise. Fehlen nicht kritische Worte gegenüber führenden Managern? Ich sehe diese auch als Teil des Systems. Anmerkung Risiko (2): An verschiedenen Stellen wie z. Bsp. bei "Warum die Nachhaltigkeit aus dem Blick geriet" (K.-K., S.95) kritisieren Sie die Risikomodelle. Ergänzend möchte ich anmerken mit "unendlichem" Risiko kann nicht sinnvoll umgegangen werden (ich finde die richtigen Worte nicht). (Siehe Anhang Gedanken zum Derivatmarkt Teil 2) Ausserdem sind Risiken im Finanzmarkt oft asymmetrisch verteilt. Mit freundlichen Grüßen
Sehr geehrter Herr K., vielen Dank für Ihre Schreiben. Leider habe ich noch keine neuen Informationen zu den CDS. Was die Manager betrifft, so sehe ich nicht, was die Erklärung sein könnte. Dass es böse Menschen sind, ist ja keine Erklärung. Dass die Anreizsysteme falsch sind, ist auch keine Erklärung, denn die sind ja nur abgeleitet. Die Erklärung des Zockens liegt im unzureichenden Eigenkapital, das den Aktionären Anlass gibt, die Anreize der Manager zu verzerren. Aber das habe ich in dem Buch ja ausgeführt. Um Schonung oder Verurteilung von irgendwem geht es mir nun überhaupt nicht. Ich bin kein Moralist, sondern suche Erklärungen für Wirkungszusammenhänge, und zwar möglichst tief. Das Geschehen um die Manager ist mir zu sehr an der Oberfläche. Mit unendlichen Risiken kann man in der Tat nicht umgehen, aber darum handelte es sich kaum. Es waren nur Risiken, die man anderen aufgeladen hat. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, erlauben Sie zum Thema "Kredithürde" die folgende Frage: Zwar ist die Kredithürde seit 2008 rezessionsbedingt wieder gestiegen, erreicht aber nicht den Wert von 2003 von über 60%. Auffällig ist allenfalls, dass jetzt (anders als zuvor) mehr große Unternehmen als kleine und mittlere über Kreditrestriktionen klagen, was an der unterschiedlichen wirtschaftlichen Situation der Sparkassen und Volksbanken auf der einen und der großen Privatbanken (auch der Landesbanken) auf der anderen Seite nach der Finanzkrise liegen dürfte. Trotzdem überrascht doch, dass im Gefolge der schwersten Rezession seit 1929 - und übrigens auch des Anstieges der Unternehmensinsolvenzen seit Mitte 2009 - die Kredithürde "im Schnitt" immer noch deutlich unter 50% gemessen wird. Jedenfalls scheint insofern das Ergebnis auf den ersten Blick nicht plausibel. Welche Erklärung haben Sie? Danke für Ihre Antwort und mit freundlichen Grüßen aus der Oberpfalz Volker E. Reich
Sehr geehrter Herr Reich, gerade weil es die schwerste Rezession der Nachkriegszeit ist und die Investitionen in den Keller gingen wie nie, wird die volle Schwere des Rückgangs der Kreditmöglichkeiten noch nicht sichtbar. Umso überraschender ist es, dass bei den Großunternehmen die Hürde heute höher ist als selbst bei der kleinen Flaute, die wir hatten. Das volle Ausmaß der Klemme wird sich im Aufschwung zeigen. Im Übrigen ist schon heute die Differenz zwischen den Ausleihzinsen und den Zentralbankzinsen in den USA und Europa auf einem historischen Höchststand. Kreditklemme heißt nicht, dass man keine Kredite kriegt, wenn man hohe Zinsen zu zahlen bereit ist, sondern dass die Zinsmargen hoch sind. Die Geldpolitik der Zentralbank scheitert im Moment am fehlenden Eigenkapital der Banken. Die niedrigen Zinsen werden nicht weitergereicht. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Professor, auf den Seiten 279 - 284 Ihres Buches beschreiben Sie eindrucksvoll die Gefahren der Deflation, die ja nu in vollem Gange ist. Was schlagen Sie vor, wie sie zu beenden sei? Keynes erwähnt in seiner Theorie den Silvio Gesell, dass er die richtigen Gedanken hätte. Er tauchte auch bei Mankiew in der Diskussion auf. Wäre das nicht ein Vorschlag? Mit freundlichen Grüßen Dr. med. Gerhardus Lang
Sehr geehrter Herr Lang, eine Deflation ist schwer zu bekämpfen, wenn man sie erst einmal hat. Eine chronische Krankheit halt. Am besten ist es, man rekapituliert die Banken in der Krise ganz schnell, damit keine Kreditklemme entsteht. Dann gibt es auch keine Deflation. Gesells Vorstellungen sind nicht falsch, aber schwerer umzusetzen. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof Sinn, Ich hab mit grossem interesse ihr buch Kasino Kapitalismus gelesen und gratuliere ihnen zur klarheit der darstellung und zu ihrem engagement,die oeffentlichkeit wach zu ruetteln (bei den politikern geht das wohl nicht). Mich wundert allerdings und das ist meine frage,warum sie nicht die abtrennung des investmentbanking von den grossbanken fordern: denn so lange die banken das billige EZB geld lieber in den renditestaerkeren Eigenhandel stecken,wird die kreditklemme wohl kaum beseitigt!? Und/oder waere es nicht sinnvoll die eher nutzlosen landesbanken mit der kreditgewaehrung an den mittelstand zu beauftragen und nur diesen und fuer diesen zweck billiges EZB geld zu gewaehren? Vielen dank Gruss Jochen Krautter,pensionierter Finanzvorstand Henkel
Sehr geehrter Herr Krautter, haben Sie vielen Dank für Ihre Nachricht. Bei den Landesbanken bin ich ganz bei Ihnen. Dass man denen mit Staatsgeld das weltweite Zocken erlaubt, wenn ich so sagen darf, habe ich nie verstanden. Ich habe es auch schon in einem Buch über die Landesbanken, das in den neunziger Jahren herauskam, kritisiert. Bei der Trennung in Investment- und Geschäftsbanken wäre ich vorsichtiger, denn was soll sie bringen. Auch nach einer Trennung können die Geschäftsbanken ihr Geld an die Investment-Banken verleihen, so dass die dann weltweit in riskante Papiere investieren. Was helfen würde wäre statt dessen, die Banken zu zwingen, ihre Kapitalmarkt-Anlagen mit erheblichen Eigenkapitalbeträgen zu unterlegen. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, Ihr Vorschlag, dass sich der Staat an den privaten Geschäftsbanken beteiligen sollte, um deren Eigenkapitalquoten zu heben, scheint mir fast völlig aus der aktuellen Diskussion verschwunden zu sein. Ich bitte Sie, dieses Thema, wieder stärker in den Focus der Öffentlichkeit zu rücken. Angesichts der immer stärker werdenden Kreditklemme, ist es der einzig faire Weg die Banken zu retten ohne Steuergeschenke an die Altaktionäre zu verteilen. Könnte diese von Ihnen entwickelte Stategie auf breiter Front umgesetzt werden, würde unser gesamtes Land sehr stark davon profitieren. Ich wünsche Ihnen einen "Guten Rutsch" und viel Erfolg im neuen Jahr, bei Ihrer wichtigen und oft mühsamen Überzeugungsarbeit. Herzliche Grüße Noel König
Sehr geehrter Herr König, auch Ihnen alles Gute im neuen Jahr. Ich werde sehen, wie ich den Vorschlag der Staatsbeteiligung an den Banken im Gespräch halte. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, warum fehlt in Deutschland der politische Wille, sich temporär an Banken, mit zu niedrigen Eigenkapitalquoten, zu beteiligen. Kann es daran liegen, dass den meißten Menschen nicht klar ist, dass eine Kapitalerhöhung im Kern bedeutet, dass die Aktien der Altaktionäre, nach der Kapitalerhöhung, nicht mehr den gleichen prozentualen Anteil am Gesamtunternehmen repräsentieren wie vor der Kapitalerhöhung. Und dies unabhängig davon, ob die Aktien der Altaktionäre nach der Kapitalerhöhung gefallen oder gestiegen sind? Mit freundlichem Gruß Noel König
Wenn ich das wüsste, lieber Herr König. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
(Anmerkung des Moderators: Dieser Beitrag bezieht sich auf die Diskussion vom 29. Oktober 2009)Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, die Analogie die Sie zwischen einem Unternehmen (Gewinn von 100, Schulden von 150) und dem Staat herstellen, enthält einen Fehler. Der Gewinn eines Unternehmens ergibt sich aus den Einnahmen abzüglich der Ausgaben. Die richtige Analogie bestünde aus dem Gewinn eines Unternehmens und einem etwaigen Budgetüberschuß des Staates. Hätte der Staat einen Budgetüberschuß von 1000 Milliarden Euro, könnte er die Staatsschulden von ca. 1600 Milliarden genauso gut beherrschen wie ein Unternehmen seine Schulden von 150 bzw. 160 bei einem jährlichen Gewinn von 100. Wie weit wir davon entfernt sind, brauche ich wohl nicht zu erläutern. Aber der Staat hat ja immer noch seine Immobilien. Mit freundlichem Gruß Noel König
Sehr geehrter Herr König, jeder Vergleich hinkt, zugegeben. Dennoch, das Einkommen einer Unternehmung ist der Gewinn, und das Einkommen des Staates sind seine Steuereinnahmen und Beiträge, nachzulesen in jedem Lehrbuch der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (Stobbe z.B.). Aber besser sollte man mit dem Kapitalbestand vergleichen. Unternehmen finanzieren stets einen erheblichen Teil des Kapitalstocks, mit dem sie arbeiten, mit Fremdkapital, und der Staat tut es auch. Nach Art. 115 GG darf er nicht mehr an neuen Schulden aufnehmen, als er real investiert, und ein Großteil des staatlichen Kapitalbestandes ist schuldenfrei. Ich gebe Ihnen aber Recht, dass man eigentlich nur eine Teilfinanzierung neuer Investitionen durch Schulden erlauben sollte und überhaupt enge Schuldengrenzen einziehen muss. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof Sinn, danke für Ihre Antwort. Bei den Staatseinnahmen hatte ich mich "versehen": Es stehen hier wohl ca. 1.050 Mrd. € etwa 1.600 € Staatsschulden gegenüber, was einem Verhältnis von Staatseinnahmen und -schulden von ca. 0,7 entspräche. Der Vergleich zu solchen anlageintensiven Unternehmen wie BMW bzw. VW würde indessen Relationen von immerhin 1,5 bzw. 2,1 ergeben. Ich sehe natürlich - unter den Maßstäben etwaige Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung - Deutschland gewiss nicht als "insolvenzgefährdet", meine aber, dass die Grenzen der Verschuldung (so langsam?) erreicht sind. Außerdem sehe ich nicht, dass diese Verschuldung in den nächsten Jahrzehnten nennenswert abgebaut werden könnte. Und das hielte ich für nicht ungefährlich, weil damit die Handlungsspielräume der "öffentlichen Hände" immer weiter sinken. Die "Finanzverfassungen" mancher Kommunen sind doch heute schon mehr als bedenklich. Etwa aus bankbetriebswirtschaftlicher Perspektive würde ich Deutschland daher schon intensiver beobachten (was Tripleas der Rater wert sind, haben wir erfahren!) und im Übrigen hoffen, dass es zu einer nächsten Finanzkrise nicht kommen wird. Reicht aber das Prinzip Hoffnung aus? Danke und mit freundlichen Grüßen nach München Volker E. Reich
Sehr geehrter Herr Reich, Ihre Sorgen teile ich vollauf. Keinesfalls reicht das Prinzip Hoffnung. Umso wichtiger ist die Schuldenbremse, die die alte Regierung noch im Grundgesetz verankert hatte. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, wenn ich es recht sehe, wäre ein Unternehmen bei einem Schuldenstand von 1.500 Mrd. € und jährlichen Einnahmen von etwa 500 Mrd. € "pleite", weil der fällige Kapitaldienst zumindest aus einer durchschnittlichen Umsatzrendite (vor Zinsen) nicht erwirtschaftet werden könnte. Beim Staat ist das offenbar anders und man fragt sich als bescheidener Betriebswirt, ob hier jemand - ohne, dass man das bislang merkte - das ökonomische Perpetuum mobile erfunden hat. Diese Frage drängt sich umso mehr auf, als die Regierung Staatseinnahmen über Steuersenkungen schmälern möchte und (vielleicht mit Laffer?) gleichzeitig Einnahmen stimulierende Wachstums- und Steuereinnahmenwunder erhofft. Daher erlauben Sie folgende Fragen: Wie muss man (empirisch) etwa den Zusammenhang zwischen Steuer-, Haushaltseinnahmen- und Staatschuldenveränderungen sehen? Gibt es eine Grenze für die Höhe der Staatsschulden? Eine Schuldenrückführung pro rate temporis durch diese und folgende Generationen erscheint mir immer mehr illusorisch. Welche realistischen Alternativen - jenseits eines "Währungsschnittes" - gibt es eigentlich? Danke für Ihre Antwort und Mit freundlichen Grüßen nach München Volker E. Reich
Sehr geehrter Herr Dr. Reich, der Staat hat jährlich ein Einkommen aus Steuern und Beiträgen von (aus dem Kopf) gut 1000 Milliarden. Das ist nicht wenig bei einem Schuldenbestand von 1500 Milliarden Euro. Ein Unternehmen, das bei Gewinnen von 100 Schulden von 150 hat, ist extrem gut aufgestellt. Gemessen daran ist der Staat noch lange nicht überschuldet. Auch ist das Immobilienvermögen des Staates sicherlich weit mehr als 1500 Milliarden Euro wert. Trotzdem ist die Schuld hoch genug und muss abgebaut werden. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, Sie sprechen von "angeblichen Wachstumszwang". In einer früheren Diskussion mit mir sagten Sie, würde die Zentralbank ihre Zinsgewinne nicht in den Bundeshaushalt einbringen, sondern erneut an den privaten Sektor verleihen, würde dies Inflation erzeugen. Wenn ein Großteil der Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken erfolgt, welche ihre Zinseinahmen fortlaufend für neue Ausleihungen verwenden, müßte dieser Prozess doch auch eine Ausweitung der Geldmenge und damit Inflation nach sich ziehen, falls das reale Wirtschaftswachstum mit der Ausweitung der Geldmenge nicht mithalten kann. Was wären Ihrer Meinung nach die Folgen, wenn das Wirtschaftswachstum ganz zum erliegen käme? Mit freundlichem Gruß Noel König
Sehr geehrter Herr König, Sie haben Recht, wenn die privaten Geschäftsbanken ihre Zinsgewinne vollständig thesaurieren würden. Das tun sie aber nicht, denn die Aktionäre wollen Dividenden. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, für uns Betriebswirte ist die fristenkongruente Finanzierung eine fast eherne Regel, deren Verletzung schwerwiegende Folgen haben kann. Denn wenn ein Unternehmen langfristiges Anlagevermögen so kurzfristig finanziert, das etwa der Kapitaldienst aus dem (zuwachsendem) Cashflow nicht geleistet werden kann oder eine Bank langfristige Ausleihungen mit Kurzfristkrediten refinanziert, kommt es fast regelmäßig zu Störungen des finanziellen Gleichgewichtes mit wachsender Gefahr der Zahlungsunfähigkeit. In Ihrem Buch "Kasinokapitalismus" sagen Sie nun sinngemäß, dass Aufgabe des Bankensystems auch die Fristentransformation sei. Es scheint, dass genau das die HRE - allerdings mit verheerenden Folgen - versucht hat. Oder soll man die HRE eher als Opfer des Zusammenbruchs des Geldmarktes (Interbankenhandel) sehen, dessen Aufgabe eben auch diese Fristentransformation ist? Danke für ihre Antwort und mit freundlichen Grüßen nach München Volker E. Reich
Sehr geehrter Herr Dr. Reich, die HRE hat, soweit ich der Presse entnehme, die Fristentransformation betrieben und dadurch hohe Zinsgewinne erzielt, ist aber am Zusammenbruch des Interbankenmarktes gescheitert. Das Modell ist bei gutem Wetter verlässlich, aber in der Krise nicht. Da ist die fristenkongruente Finanzierung besser. Nur verdient man dabei in Normalzeiten nicht so viel. Aber es stimmt natürlich, dass die Fristentransformation eine der zentralen Aufgaben eines Bankensystems ist, denn auch wenn die Sparer nur kurzfristige Zwecksparer sind, die ihr Geld nach wenigen Jahren zurück haben wollen, muss ja mal hin und wieder ein Haus gebaut werden. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
(Anmerkung des Moderators: Die Diskussion von Herrn König vom 19.10. wird hier fortgesetzt) Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, ist es nicht so, dass die Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken einen Wachstumszwang impliziert. Geschäftsbanken verleihen Kredite an den Staat oder private Unternehmen und wollen Ihr Kapital zuzüglich Verzinsung zurück, um es dann erneut zu verleihen. Um die Rückzahlung plus Zinsen bezahlen zu können, muß die Wirtschaft gesamtheitlich wachsen. Dauerhaftes exponetielles Wachstum erscheint mir aber in einer Welt mit endlichen Ressourcen nicht dauerhaft möglich. Würde man den Geschäftsbanken die Möglichkeit der Giralgeldschöpfung nehmen, wodurch sich die Gewinne der Notenbanken vergrößern, könnte der Wachstumszwang abgemildert werden, weil die Zinsgewinne der Notenbank in den Staatshaushalt eingehen und somit nicht wieder erneut als Kredit in den Wirtschaftskreislauf geschleust werden. Mit freundlichem Gruß Noel König
Sehr geehrter Herr König, Zinsen kann es auch in einer stationären Wirtschaft geben. Ihre Grundannahme ist deswegen leider falsch. Richtig ist, dass der Staat mehr Geldschöpfungsgewinne hätte, würde man den Giralbanken die Möglichkeit der Geldschöpfung nehmen. Aber ein angeblich vorhandener Wachstumszwang wird dadurch nicht gemildert. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn! Ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre schnelle Antwort. Tatsache ist, dass ich auch kein Lagervertreter bin; ich bin von meinen Wurzeln her Sozialdemokrat, und von meiner Qualifikation her mit Dr. Brauckseipe vergleichbar. Die Schwierigkeiten, andere Lösungen als die fortgesetzte Staatsverschuldung gegen den Zeitgeist einer eher konstruktivistischen Gesellschaft zu vertreten, haben natürlich auch - mehr oder weniger subtile - Rückwirkungen auf die Kommunikatoren. Daher meine Besorgnis einer schleichenden Sozialdemokratisierung, die ich allerdings auch bei den konservativen Parteien sehe. Nur - im Gegensatz zu Ihnen sehe ich fast gar keine Möglichkeiten, mit Staatskonsum einen selbsttragenden Aufschwung zu erreichen, unabhängig ob noch weitere schwere Krankheitsherde bestehen. Ich habe auf die verschiedenen US-Autoren verwiesen, die zur Weltwirtschaftskrise geschrieben haben. Auch wenn der staatliche Konsum das Gegenwartseinkommen erhöht, zeigt es sich als strittig, dass der Staat besser weiß, was die „richtige“ Spar- und Konsumquote ist. Sicher ist es angebracht, den Zusammenbruch des Bankensystems politisch zu verhindern. Aber überall, wo sich Regierungen in Krisen gestaltend/ fördernd etc. einmischen, klingen die Intentionen zwar nobel, aber die Hilfeleistungen entpuppen sich vorrangig als die biederen Instrumente der politische Ökonomie - und bezogen auf das GDP fallen die Ergebnisse viel bescheidener aus. FDR`s Nachfrage-Politik war, an der Macht zu bleiben, dass war die Realität seiner Ausgabenprogramme, „pork barreling“ in einzelnen Stimmbezirken, und speziell auf ihn bezogen „buying votes by buying boates“ (er ließ - ein Navy-Präsident - Schlachtschiffe bauen). Was nicht davor schützte, dass die Situation 1938 (US-Arbeitslosenquote 18%) immer noch ohne signifikante Fortschritte war. Zu dieser Zeit deutete sich sogar eine „Entfernte Verwandtschaft“ (Wolfgang Schivelbusch) zwischen dem Hitler-Regime und Roosevelt`s USA an, nicht nur was die Erfolglosigkeit der Politiken anbetrifft. FDR hätte die Wahl 1940 gegen den republikanischen Präsidentschafts-Kandidaten Wendell Willkie verloren, die Amerikaner waren mit seinen Leistungen zunehmend unzufrieden. Nur der in Europa und Asien heiße Krieg ließ ihn im Amt überleben. Auch für das Deutschland der 30er Jahre fehlt jeder Beleg, dass die NS-Keynesianistik einen selbsttragenden Aufschwung herbeiführen konnte. Im Gegenteil, die Situationen des Deutschen Reichs war Ende 1938 nach 5 Jahren fortgesetzter deutlicher Haushaltsdefizite (10% p.a.) finanziell so fragil, dass eine weder über inländische noch ausländische Kreditaufmärkte zu schließende Lücke in den Staatsfinanzen bestand. Ein starker Inflationsschub oder mgl. sogar ein Staatsbankrott stand zu diesem Zeitpunkt unmittelbar bevor. Die fehlende Bereitschaft, entgegen dem Reichsbankgesetz Kredite direkt an den Staat zu geben, führte zur Entlassung des Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht am 19.01.1939. Die Wirtschaftskrise eröffnete vorrangig Möglichkeiten, die politische Macht-erhaltung bzw. den Machtzugang zu sichern. Man wünscht sich ja geradezu empirische Belege herbei, dass für die Stimulus-Pakete der Multiplikator >1 ausfällt. Aber im Gegenteil, der „tatsächliche“ Multiplikator liegt fast immer im Bereich <1, was bedeutet, dass die Wirtschaftsleistung - private Investitionen und Beschäftigung - durch staatliche „Nachfrage-Erhöhung“ real vermindert wird. Die Daten aus mehr als 30 Jahren bestätigen nicht, dass die Multiplikatoren staatlicher Konjunkturprogramme den Wert von 1 übersteigen - siehe dazu Barro 2009 - "Stimulus Spending Doesn't Work". http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704471504574440723298786310.html Angesichts dieser Belege erscheint die Aussage tragfähig, dass ohne Hoover`s und Roosevelt`s Konjunkturprogramme die erste WW-Krise kürzer und weniger dramatisch ausgefallen wäre - siehe u.a. Amity Shlaes, "The Forgotten Man". Mir fällt es daher schwer, Ihre nachfrageorientierten Therapievorschläge nach zu vollziehen. Mit kommt dieser Ansatz vor wie eine mittelalterliche Behandlung, bei dem der Patient (finanziell) zur Ader gelassen wird und daran gesunden soll, faktisch wird er jedoch weiter geschwächt. Ich weiß auch, dass die Behandlung einer Grippe ohne Arzt sieben Tage dauert, mit Arzt dagegen eine Woche. Ich fürchte, mit diesem Therapieansatz - jenseits einer Evidenz-basierten-Medizin - jedoch im allgemeinen Tenor [Pardon] eines sozialdemokratischen Politikverständnisse werden wir noch um 2020 gegen die Auswirkungen dieser Krise ankämpfen. Mit freundlichen Grüßen nach München – Ihr – Bernhard Hamilton P.S. Jederzeit offen für eine linkliste zu Papers, die belegen, dass der Staatsausgaben-Multiplikator > 1 ausfällt.
Sehr geehrter Herr Hamilton, die häufigsten Werte für den Multiplikator, etwa durch Blanchard berechnet, liegen bei 0.8, sind also in der Tat kleiner 1, wie Sie es sagen. Indes sind diese Multiplikatoren für nahezu gleichgewichtige Ökonomien außerhalb der Krise berechnet, wo alle möglichen Crowding-Out-Mechanismen greifen, die den Multiplikator begrenzen. In der Krise könnte der Multiplikator sehr viel höher sein. Aber auch ein Wert von kleiner als 1 besagt nicht das, was Sie sagen. Ich zitiere Sie: Aber im Gegenteil, der „tatsächliche“ Multiplikator liegt fast immer im Bereich <1, was bedeutet, dass die Wirtschaftsleistung - private Investitionen und Beschäftigung - durch staatliche „Nachfrage-Erhöhung“ real vermindert wird. Diese Aussage stimmt nicht. Vielmehr ist die Erhöhung der Wirtschaftsleistung so lange als solche gegeben, wie der Multiplikator über Null liegt. Erst wenn er negativ ist, schrumpft die Wirtschaftsleistung, wie Sie vermuten. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Professor Sinn, vielen Dank für Ihre Antwort. Sie haben - bezogen auf Ihr Beispiel - recht. Dort tragen Bankaktionär und Gläubiger ein identisches Risiko: In einem Zustand ergibt sich eine positive Rendite von 6 %, im anderen Zustand ein Totalverlust. Dies ist jedoch nur ein Randfall. In der Realität dürfte es auch Zwischenschritte gegeben, etwa die Kombination "Totalverlust für den Aktionär und teilweiser Verlust für den Gläubiger". Hier sollte es sodann zu einem Auseinanderfallen von Gesamtkapital-Rentabilität (operative Rendite) und Verzinsungsforderung der Gläubiger und - in der Folge - zum klassischen Leverage-Effekt kommen. Vermutlich sind aber derlei Feinheiten - und auch das von mir genannte Zusammenspiel von Renditeforderungen und Marktwerten - in einem, auf ein breiteres Publikum abzielenden Buch nicht statthaft. Besten Dank für die Diskussion und viele Grüße! Josef Schosser
Anmerkung des Moderators: Das ist eine Antwort von Herrn Dr. Schosser auf den Beitrag vom 13. Oktober 2009
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, was halten Sie von folgenden Vorschlägen: 1. die Wiederherstellung des staatlichen Vorrechts der Geldschöpfung. 2. die Beendingung jeglicher Bandkengeldschöpfung (Giralgeldschöpfung) 3. die schuldenfreie Inumlaufbringung neuen Geldes z.B. durch öffentliche Ausgaben. Es gibt eine Initiativerklärung auf folgender Internetseite: www.monetative.de , welche auch von verschiedenen Volkswirtschaftsprofessoren unterstützt wird. Müßte unser Geldsystem nicht grundlegend verändert werden? Wie stehen Sie dazu? Mit freundlichem Gruß Noel König
Sehr geehrter Herr König, dem Bankensystem die Möglichkeit der Geldschöpfung zu nehmen ist eine Möglichkeit zur Vergrößerung der Geldschöpfungsgewinne der Notenbank, die vielfach ernsthaft diskutiert wurde. Ich sehe allerdings keinen Zusammenhang mit der Krise. Die Mechanismen, die zur Krise geführt haben, sind anderer Natur. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn,etwas spät über BR-Alpha bin ich auf ihr Buch "Kasino Kapitalismus" aufmerksam geworden. Heute sofort gekauft.Die Seiten 89-92 sind für mich ein hochgradiges DE ja-vu Erlebnis. In all den deutschen Talk-Show über die Finanzkrise hört man einen solchen Schwachsinn, wieso kennen diese selbsternannten Experten eigentlich nicht ihr Buch? Was noch fehlt ist eine Analyse 10 Jahre SPD-Finanzpolitik in Deutschland, bevor hier die Legendenbildung einsetzt. Mit besten Grüßen Friedhelm Frank
Sehr geehrter Herr Frank, vielen Dank für Ihre Zeilen. Ja, in der Tat fragt man sich manchmal, warum so viele Leute nicht zum Kern der Sache vordringen wollen, sondern im Nebulösen herumargumentieren. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Professor Sinn, ich lese gegenwärtig Ihr Buch "Kasino Kapitalismus". Die Ausführungen in Kapitel 4 zum Theorem von Modigliani und Miller erscheinen mir etwas unscharf. Mit zunehmender Verschuldung steigen die Renditeforderungen (=Verzinsungsansprüche) der Fremdkapital-Geber. Sofern das operative Geschäft nicht verändert wird (d.h. die Gesamtkapital-Rentabilität unverändert bleibt), geht damit dennoch eine Erhöhung der Eigenkapital-Rentabilität einher! Die Irrelevanz - aus Sicht der ursprünglich nicht oder geringer verschuldeten Unternehmung - kommt dadurch zustande, dass aufgrund der höheren Verzinsungsforderungen der Anspruchsgruppen die Summe der "Verkaufswerte" von Eigen- und Fremdkapital sich nicht ändert. Wichtig für die Beurteilung der Finanzierungspolitik ist also die Vermögensposition der Alteigentümer vor und nach der Emission von (zusätzlichen) Verbindlichkeiten. Wie so häufig führt das Denken in Renditen in die Irre! (formal unübertroffen: Jochen Wilhelm (1985), Arbitrage Theory). Noch ein Hinweis zur Literatur: Zweckmäßiger erscheint mir die Angabe des grundlegenden Aufsatzes: Modigliani / Miller: The cost of capital, corporation finance, and the theory of investment, American Economic Review, 48 (1958), S. 261-297. Viele Grüße Josef Schosser
Sehr geehrter Herr Schosser, vielen Dank für den Kommentar. Die Literaturverweise in den Fußnoten sind ja tatsächlich falsch. Ich hatte Mitarbeiter gebeten, die Quelle für MM einzutragen, und dann nicht aufgepasst. Ich bin aber wegen der fehlenden Kontrolle selbst verantwortlich. Was Ihren Hinweis auf die trotz MM steigende Eigenkapitalrendite betrifft, hoffe ich, die Unklarheit mit dieser Formulierung ausräumen zu können, die ich in der nächsten Auflage des Kasino-Kapitalismus verwenden werde: "Danach würde die mittlere Eigenkapitalrendite gar nicht steigen können, wenn fremdfinanzierte Banken ins Risiko gehen, weil der Anstieg des Zinssatzes, den sie für das Fremdkapital zahlen müssen, jedweden Vorteil zunichte machen würde. Konkret würden die Gläubiger von der Bank im obigen Beispiel eine nominelle Rendite von 6% verlangen, wenn die Bank sich für die riskante Strategie entscheidet, um im Mittel immer noch 5% zu erhalten (von einer möglichen Risikofurcht einmal abgesehen, die noch höhere Zinsforderungen begründen würde). Aber dann kämen die Bankaktionäre auch nur auf eine Maximalrendite von 6% und eine mittlere Rendite von 5%. Dem Geschäftsmodell wäre also der Boden entzogen." Sie schreiben, das Leverage würde die Risikoprämie auch erhöhen, wenn MM gilt. Richtig ist diese Aussage für den Fall, dass die Gläubiger sich mit einer kleineren erwarteten Rendite als die Aktionäre begnügen. Doch wenn die informierten Aktionäre die gleiche erwartete Rendite wollen wie die Aktionäre, und das sollte man ja wohl unterstellen, stimmt sie nicht. Das können Sie anhand meines Zahlenbeispiels leicht nachrechnen. Wenn der nominale Zins, der den Gläubigern geboten wird, 6% ist, erzielen sie und die Aktionäre im Mittel immer 5%, egal wie hoch die Schuldenquote ist. Obwohl Ihre Kritik also in diesem Punkt nicht unbedingt stimmt, hat sie mir aber doch sehr geholfen, denn mein Absatz war nicht scharf genug formuliert, weil er allgemein vom fehlenden Vorteil des Leverage bei Gültigkeit des MM-Theorems sprach, während ich doch eigentlich vom fehlenden Vorteil des Risk Taking bei gegebenem Leverage sprechen wollte. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, ich bin wie Sie der Meinung, dass sich der Staat in der heutigen Lage an den Geschäftsbanken temporär beteiligen sollte, um die Eigenkapitalausstattung dieser, zu verbessern. Ich finde es aber nicht plausibel, dass Geschäftsbanken sich derzeit zu günstigen Konditionen mit Zentralbankgeld eindecken können, für welches sie dann zum Beispiel wieder Staatsanleihen kaufen. Solche risikolosen Zinsdifferenzgeschäfte stellen versteckte Subventionen für Geschäftsbanken auf Kosten des Steuerzahlers dar. Ich bin der Meinung, dass sich die Regierungen generell kein Geld vom privaten Kapitalmarkt leihen sollten, sondern nur direkt bei der Zentralbank. Da die Zinsgewinne der Zentralbank dann wieder in den Bundeshaushalt eingehen, hätte der Staat sich das Geld dann faktisch zum Nulltarif geliehen. Das Argument, das dann keine Geldwertstabilität gewährleistet sei, halte ich nicht unbedingt für bewiesen. Ich denke hier müssten Kontrollmechanismen eingebaut werden, welche verhindern, das die Staaten sich hemmungslos Geld bei den Zentralbanken leihen können. Die enormen Staatsverschuldungen in der Welt, welche stetig ansteigen und meiner Meinung nach System bedingt sind, zeigen, dass hier Systemveränderungen angebracht wären. Mit freundlichem Gruß Noel König
Sehr geehrter Herr König, hier erwähnen Sie einen wichtigen Punkt, auf den man stärker hinweisen sollte, in der Tat. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Herr Prof. Hans- Werner Sinn hat in seinem bis heute unübertroffenen Buch “Kasino_Kapitalismus” eine erste hervorragende und verständliche Analyse und Vorschläge zur Finanzmarktregulierung abgeliefert. Ich verstehe nun aber nicht weshalb weiterhin widersprüchliche Aussagen über grundlegende Weiterentwicklungen einer Regulierung der Banken und Finanzen bestehen. Ich ziehe daraus den z.Zt. vereinfachten Schluss, dass die tatsächlichen Ursachen (nicht die Auslöser) der Krise noch weitgehend im Dunkel liegen. Daher sollte man doch alle DEMOKRATISCHEN ORGANE drängen zu mehr Aufklärung zu kommen, insbesondere vermute ich, dass die Judikative erhebliche Defizite hat, da es sicher noch erheblich mehr strafbare Vergehen im Dunkeln gibt, die über eine Steuerhinterziehung hinausgehen und die Legislative sollte doch noch parlamentarische Ausschüsse bilden um Ursachen zu finden. Danach können bessere Regulierungen gefunden werden, die von allen Ökonomen unterstützt werden können, dann weis man dort auch, ob Inflation oder Deflation droht? Sollte ich mich da so sehr täuschen. Gerne würde ich insbes. Herrn Sinn fragen.
Sehr geehrter Herr Klös, haben Sie vielen Dank für die Anfrage. Ich sehe die Probleme nicht im strafrechlich relevanten Bereich, sondern im Regulierungsrahmen. Insofern kommt man mit einer Aufklärung im Sinne von Untersuchungsausschüssen nicht weiter. Meines Erachtens liegen die Gründe doch offen zutage, wie ich in meinem Buch ausgeführt habe. Man muss jetzt meine politischen Empfehlungen umsetzen. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Professor Sinn, nachdem Sie die gestrige Diskussionsrunde, zu der die F.D.P. eingeladen hatte, aufgrund eines Anschlusstermins zeitig verlassen mussten, konnte ich zwei Anmerkungen nicht los werden bzw. diese Ihnen nicht als Frage stellen. Es eilt auch nicht aber ich würde mich freuen, bei Gelegenheit Ihr Statement zu den beiden folgenden Punkten zu erfahren: 1. Thema Bad Banks / "Buchhaltertrick": Sie gaben zu bedenken, dass die durch den "marktunüblichen" Verkaufspreis in Verbindung mit der späteren Verlustaus-gleichsverpflichtung bestehende Eventualschuld der abgegeben Bank eventuell als Drohverlustrückstellung zu passivieren wäre. Auch nach HGB (und erst recht nach IFRS) würde dies aber eine hinreichende Wahrscheinlichkeit voraussetzen, dass sich das entsprechende Papier nicht erholt. Ob die Papiere in x Jahren oder bei Endfällig-keit tatsächlich unter dem "Subventionspreis" notieren bzw. fällig werden wissen wir heute nicht - wir befürchten es nur. Gehen wir von Papieren aus, für die es derzeit keinen repräsentativen Marktpreis gibt, die ansonsten aber kein (hohes) Ausfallrisiko aufweisen. Dann wäre der Ansatz einer Drohverlustrückstellung nicht angebracht und der Vorwurf des Buchhaltertricks nicht fair. Natürlich: bei einem echt wertlosen weil ausfallgefährdetem Papier, müsste eine DVRS gebildet werden, um die Risiken transparent und vollständig abzubilden. Ich habe mit unseren Prüfern (für unser Haus stellt sich das Thema aber gar nicht) bislang nicht ausgetauscht - könnte mir aber vorstellen, dass eine Passivierung durchaus geboten sein könnte. Der Brand-melder lässt sich hoffentlich nicht ganz abschalten... Haben Sie hierzu schon nähere Erkenntnisse? 2. Basel-II und Risikoaktiva: Die Finanzmarktkrise steht in meinen Augen in ei-nem unglücklichen zeitlichen Aufeinanderprallen mit den ersten Effekten von Basel-II. Denn in 2007 und 2008 wurden mehr und mehr die RWA- und damit Kernkapital-entlastenden Effekte von Basel-II spürbar. Durch die Ratingmodelle und die abgestuf-te RWA-Anrechnung je nach Rating des Kreditnehmers sanken bei gleichem Ge-schäftsvolumen die RWA (bzw. stiegen die RWA nicht so stark wie das Geschäftsvo-lumen) mit der Folge freiwerdenden Eigenkapitals (für Neugeschäft oder für Aus-schüttungen, da weniger thesauriert werden musste). Jetzt, da die Krise auf die Re-alwirtschaft ausstrahlt und die Ratings der Kreditnehmer schmelzen wie der Schnee in der Märzsonne, schießen die RWA nach oben und die Kernkapitalquoten schmie-ren ab, weil das Eigenkapital unterjährig gar nicht Schritt halten kann - wohl dem, der gerade eine Kapitalerhöhung durchdrücken kann. Basel-II - und bitte, das war vom Regulierer gewollt - soll zu risikoorientiertem Pricing führen, indem es die RWA-Anrechnung und damit die EK-Unterlegung eines Kredits an die Bonität - sagen wir Ertragskraft - des Kreditnehmers bindet. In der Krise wird das zum Bumerang: Durch Rating-Migrationen "konsumieren" Banken Eigenkapital in einem Maße, dass Neuge-schäft (oder Prolongationen) fast nicht mehr drin sind (Sie als Aufsichtsrat unseres Hauses wissen, dass es sich bei uns etwas anders verhält - das ist aber HVB-spezifisch. Andere Banken trifft das aber schmerzhaft). Für mich heißt das pointiert: weg mit Basel-II, das ist genauso Volatilitäts-verstärkend wie Fair Value-Bilanzierung. Teilen Sie meine Ansicht? Wie gesagt - keine Eile. Es hat Spaß gemacht, Ihnen (und natürlich meinem CEO) zu-zuhören. Als Alumnus Ihrer "Nachbarfakultät" kenne ich Sie aus der ein oder anderen Vorlesung, in die ich mich während Studium bzw. Promotion interessehalber gesetzt habe und auch gestern wurden die erwartungen nicht enttäuscht. Einen schönen Tag und beste Grüße, Dr. Martin Hebertinger Hypovereinsbank
Sehr geehrter Herr Hebertinger, vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Nur kurz zwei Kommentare: 1. Was Sie schreiben, ist bilanztechnisch richtig. Dennoch handelt es sich um Buchhaltungstricks, denn wenn die Bank für ihre Bad Bank voll und ganz aufkommen muss und alles versicherungsmathematisch korrekt berechnet ist, kann es keine Entlastung geben. Es geht hier wirklich nur um regulatorische Arbitrage mithilfe des Gesetzgebers. 2. Mit der Frage der dynamischen Bewertungseffekte im Rahmen von Basel II habe ich mich in meinem Buch "Kasino-Kapitalismus" ausführlich auseinander gesetzt und komme zu Ihrem Ergebnis. Mit freundlichem Gruß Ihr Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, meine Frage bezieht sich auf das Thema Eigenkapitalzuführung des Staates an notleidende Banken versus Bad Bank-Konzept: In einer Veranstaltung der FDP in München am 29. Juli d.J. sagten Sie, dass Deutschland (im Gegensatz zu USA und GB, oder Schweden Anfang der 90er Jahre) aus ideologischen Gründen eher den Bad Bank-Weg statt den Weg der Kapitalzuführung und Beteiligung geht. Mich würde zum einen sehr interessieren, was Sie mit diesen ideologischen Gründen genau meinten. Zu meiner zweiten Frage: Ich kann die von Ihnen angeführten Vorteile der Beteiligungslösung sehr wohl nachvollziehen. Dennoch frage ich mich, ob das durch das neue Eigenkapital aufgebaute Vertrauen unter den Banken und die daraufhin folgende Anregung des Geld- und Kreditverkehrs nicht dadurch wieder reduziert wird, dass ja die nach wie vor toxischen Wertpapiere bei den einzelnen Banken verbleiben und damit noch lange für Unsicherheit sorgen, da sie ja nicht externalisiert werden. Oder wäre auch eine Kombination beider Wege denkbar? Besten Dank für Ihre Antwort. Mit freundlichen Grüßen Roland Behm
Sehr geehrter Herr Behm, mit den ideologischen Gründen meine ich die Auffassung, dass der Staat sich nicht beteiligen soll, weil Verstaatlichungen in der Vergangenheit problematisch waren, ohne zu sehen, dass es keine wirklichen Alternativen gibt. Eine theoretische Alternative ist, nichts zu machen. Dann schrumpfen sich die Banken gesund und die Wirtschaft kaputt. Eine andere ist, den Banken Geschenke zu machen. Dann verliert der Steuerzahler Geld, und die Banken machen in Erwartung neuer Geldgeschenke immer so weiter. Deswegen geht nur die staatliche Beteiligung. Die Kombination beider Wege ist denkbar. Ich habe nichts gegen die Bad Banks an sich, nur helfen sie meines Erachtens wenig. Man könnte die toxischen Papiere genausogut in den Bankbilanzen lassen und auf ihren Marktwert, der heute bei 30% liegt, abschreiben. Dann wäre auch Klarheit hergestellt. Das dann fehlende Eigenkapital fehlt ja in Wahrheit schon heute, nur sieht man es nicht. Der Staat müsste es auffüllen, und dann wäre das Vertrauen und die Funktionsfähigkeit des Bankensystems mit einem Schlage wiederhergestellt. Allerdings müsste der Staat seine Anteile bei der erstbesten Gelegenheit auch wieder verkaufen, denn er ist ja in der Tat ein schlechter Banker. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Anmerkung des Moderators: Dies ist eine Antwort von Prof. Dr. Hickel auf den Beitrag vom 29.07.09 Lieber Herr Sinn, für Ihre prompte Antwort danke ich Ihnen gerne. Auf mein geplantes Buch kann ich nach der Vorlage Ihres „Kasinokapitalismus“ nicht nur wegen der großen Übereinstimmung sondern auch der ausgesprochen gelungenen didaktischen Umsetzung (einschließlich der Grafiken) gerne verzichten. Mit der Internationalisierung des Begriffs Neoliberalismus auf der Konferenz, die der französische Philosoph Louis Rougie im August 1938 in Paris durchgeführt hatte, haben Sie Recht. Da dieses Ereignis mir nicht präsent war, habe ich die Wissenslücke gestern geschlossen. Dennoch, der Begriff Neoliberalismus als Schelte gegen einen entfesselten Kapitalismus ist weltweit besetzt. Deshalb spreche ich immer vom Ordoliberalismus als das gegenüber dem Neoliberalismus stehende Ordnungsmodell. Wie bisher bereits, ich werde künftig noch stärker betonen, dass die Schöpfer des Ordoliberalismus damit einen staatlich gestaltenden Neoliberalismus wollten. Ihre Hinweise zu Keynes im Kontext der Zunahme der Liquiditätsneigung teile ich uneingeschränkt. Mir geht es jedoch auch darum, seinen Beitrag zur Dominanz der Spekulationen als Kennzeichen des modernen Kapitalismus zu betonen (kaleidoskopischer Keynesianismus). In der Tat, nach meiner Auffassung müssen nicht nur die Finanzmärkte, sondern auch die Güter- und insbesondere die Arbeitsmärkte reguliert werden. Konstitutiv für die Regulierung der Arbeitsmärkte ist das Tarifvertragssystem, das das Grundgesetz auf die Tarifvertragsparteien überträgt. Wenn Sie es für sinnvoll halten, können Sie meine Charakterisierung Ihres Buches auch öffentlich kommunizieren. Jetzt wünsche Ihnen einen erholsamen Sommerurlaub. Mit freundlichen Grüßen Rudolf Hickel
Lieber Herr Sinn, für die Lektüre Ihres neuen Buchs „Kasinokapitalismus“ habe ich richtig viel Zeit eingesetzt. In einem Satz lautet mein Urteil zusammenge¬fasst: Dies ist eine ausgezeichnete Analyse der Ursachen, der Folgen, vor allem aber des sich daraus ableitenden Handlungsbedarfs im Sinne einer strengen Regulierung der Finanzmärkte, insbesondere der Banken. Zu diesem Werk gratuliere ich Ihnen uneingeschränkt. Dabei stelle ich fest, dass sich das Grundmuster Ihres Buches mit den Aussagen der vielen Vorträge, die ich zum Thema seit Anfang letzten Jahres gehalten habe, ziemlich deckt. Gerne überlasse ich Ihnen, wenn Sie es interessiert, mal eine Powerpointpräsentation aus der Vor-Lehman-Zeit“. Einige Hinweise: - Ihre Klarstellung zur Zinspolitik von Greenspan ist wohltuend. Damit räumen Sie mit der Legende von Greenspan als dem Verursacher der Finanzkrise auf. Er musste makroökonomisch für billige Liquidität sorgen. Dass dies die Hypothekenbanken - etwa die Country Wide - bei der Vergabe von Immobilienkrediten schamlos ausgenutzt haben, steht auf einem anderen Blatt. - Die Forderung nach einem Selbstbehalt – etwa von 20% - bei den Banken, die die Wertpapiere (SVI) packen – teile ich voll. Dadurch werden rationale Anreize gesetzt. - Übrigens höre ich soeben von der Pariser Börse, dass dort geplant wird, die Leerkäufe dadurch auszutrocknen, dass die geliehenen Ak¬tien nicht mehr unterhalb des Marktpreises verkauft werden können. - Auch teile ich Ihre Aufforderung, künftig eine Kernkapitalquote vorzuschreiben und bei deren Unterschreitung die betroffenen Banken zur Annahme von staatlichem Kapital zu zwingen. - Schließlich geht es nicht um die Bekämpfung von Gier, sondern um die Sicherung von Spielregeln, die das Austoben von Gier begrenzen. Marx würde wohl sagen: Durch die Gestaltung der Verhältnisse das Verhalten zu beeinflussen. Nach diesem Lob erlauben Sie mir zwei kritische Hinweise: 1. Der Titel Kasinokapitalismus lehnt sich sehr stark an J. M. Keynes an. Auf S. 135 in der neuesten Ausgabe der GT von 1936 heißt es: Wenn durch Spekulationen „die Kapitalentwicklung eines Landes das Nebenerzeugnis der Tätigkeiten eines Spielkasinos wird….“ Aus dieser Stelle habe ich schon vor Jahren den Begriff „Kasinokapitalismus“ für Keynes reserviert. Ein entsprechender Hinweis wäre wichtig. Denn dadurch würde endlich die vor allem in Deutschland durch die Ökonomenzunft dem Theore¬tiker Keynes zugeschriebene Version eines Vulgärkeynesianismus („Hydraulik“) zurückgewiesen. Keynes war einer der ersten Ökonomen, die die überbordenden Spekulationen in Richtung eines kaleidoskopischen Kapitalismus erkannt hat. Gesetze sind kaum noch formulierbar, nur noch die Maserung des Systems lässt sich beschreiben. 2. Ihre Aussagen zu den Ordoliberalen finde ich wichtig. Mit dem Zitat von Alexander Rüstow von 1932 weisen Sie zu Recht darauf hin, dass er - in deutscher Sprache - einen „neuen Liberalismus“ fordert, zu dem der ordnende Staat gehört. Dieser Sicht stimme ich voll zu. Aller¬dings zweifle ich daran, ob man das als Neoliberalismus bezeichnen soll. Die babylonische Begriffsverwirrung lohnt nicht. Ihre Abgrenzungs¬versuche gleichen einem Kampf gegen Windmühlen. Sagen wir doch, Rüstow und die vielen anderen Theoretiker der Sozialen Marktwirt¬schaft wollten gegenüber dem Manchester- bzw. FDP Liberalismus einen neuen, staatlich verantworteten Liberalismus. Ich spreche gerne von einem emanzipatorischen Liberalismus im Unterschied zum Wirtschaftsliberalismus. Der Neoliberalismus – ein Begriff der auch in die Globalisierungssprache übersetzbar ist – kennzeichnet das, was Sie Paläoliberalismus bezeichnen: gesellschaftssprengende Entfesselung der Märkte. Wer gegen den Neoliberalismus argumentiert, bedient sich der wichtigen Argumente von Rüstow, Röpke und Walter Euken. Schließlich noch der Hinweis: Dieses Buch mit dem Titel „Kasinokapitalismus“ wollte ich ganz ähnlich schreiben. In gewisser Weise haben Sie das Projekt überflüssig gemacht. Für die wissenschaftlich fundierte Aufklärung ist das ein Glücksfall. Für mich bedeutet dies, dass ich mein Buch anders akzentuieren muss. Mit freundlichen Grüßen Rudolf Hickel
Lieber Herr Hickel, vielen Dank für dieses freundliche Schreiben. Dass Sie etwas Ähnliches schreiben wollten und ich Ihnen nun praktisch das Thema weggenommen habe, tut mit leid. Sie finden aber bestimmt noch neue Variationen. Außerdem geht die Krise ja weiter. Es freut mich aber, dass wir bei der Beurteilung der Krise keinen Dissens haben wie bei so vielen anderen Themen. Den Hinweis zu Keynes nehme ich gerne auf. Sie wissen, dass ich nie ein Keynes-Kritiker war, sondern im Laufe meines Lebens ganz im Gegenteil eine ganze Reihe von neokeynesianischen Aufsätzen verfasst habe. (z.B. "Warum die keynesianische Politik keine dummen Bürger braucht", eine Lucas-Kritik, aus meinen frühen Jahren.) Die keynesianische Krisentheorie halte ich noch immer für absolut richtig. Die Erkenntnis, dass die Geldhortung spiegelbildlich zur realen Konjunktur verläuft und der einzige Grund für Nachfragedefizite ist, ist phänomenal einfach und richtig. Sie erklärt, wieso der Zusammenbruch des Interbankenmarktes und die damit einhergehende Zunahme der Liquiditätsneigung zur Übertragung der Krise auf die Realwirtschaft führte. Der mögliche Dissens zur Rolle keynesiansicher Rezepte in der jüngeren Vergangenheit rührt allein daher, dass ich damals keine keynesianische Krankheit vermutet hatte. Was den Neoliberalismus betrifft, liegen Sie nicht richtig. Rüstow selbst hat auf der Konferenz von Louis Rougie in Paris im Jahr 1938, die als Geburtsstunde des internationlaen Neoliberalismus gilt, diesen Begriff gewählt. Das war die konsequente Internationalisierung seines "neuen Liberalismus", den er bei der Vereinstagung 1932 proklamiert hatte, das Gegenteil des Paleoliberalismus, wie er sagte. Rüstow wollte den starken, ordnenden Staat. Später wurde dann statt Neo- auch Ordoliberalismus gesagt. Hören Sie auch, was Erhard dazu sagt: "Wenn nämlich jemals eine Theorie die Zeichen der Zeit richtig zu deuten wußte und einer ihren Erkenntnissen gemäßen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik neue Impulse gab, dann waren es die Gedanken der Männer, die heute als Neo- oder Ordoliberale gelten." Neo- und Ordoliberalismus sind identische Begriffe. Als "neoliberaler Täter", zu dem mich eine Zeit-Redateurin (eine gelernte Kinderpsychologin) zusammen mit Köhler, Merz und Baring im Herbst stempelte, liegt mir schon daran, dass diese Dinge nicht durcheinandergebracht werden. Ich selbst bin bestimmt kein Neo-Liberaler in dem Sinne, dass ich keynesianische und verteilungspolitische Maßnahmen ablehne. Nur in dem Sinne, dass ich die Rolle des Staates bei der Ordnungspolitik ebenfalls betone, wie Sie ja auch. Die Unterschiede liegen vor allem bei der Frage, ob der Staat in die Lohn- und Preisbildung eingreifen darf. Die Neoliberalen lehnen jegliche Eingriffe strikt ab. Ich auch. Sie aber nicht. Mit den besten Grüßen für einen erholsamen Sommer. Ihr Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, mit neuen Vorschriften zur Bilanzierung der "Neubewertungsrücklage" will die Bundesregierung im Rahmen der Fair-Value-Bewertung von Finanzanlagen über einen modifizierten Eigenkapitalausweis den Spielraum für die Kreditvergabe der Banken erweitern: Sind das nicht letztlich reine "Bewertungsspielchen" (zurück zum Niederstwertprinzip des HGB wäre hier meine Devise), die gerade nicht mehr Eigenkapital schaffen, auf dessen Grundlage m.E. allein (!) die Kreditvergabebasis einer Bank stabilisiert und erweitert werden kann? Weiterhin wehren sich derzeit insbesondere Sparkassen und Volksbanken gegen den Vorwurf, sie verhielten sich bei der Kreditvergabe an mittelständische Unternehmen zu restriktiv - vgl. Ifo-Kredithürde - bzw, es gäbe bereits eine Kreditklemme. Ich konzediere zwar, dass sich Banken - gerade vor dem Hintergrund der Finanzkrise und (!) der Rezession - vorsichtig verhalten (müssen), sehe aber in meiner Praxis als Unternehmensberater eigentlich schon seit einem Jahren ein zunehmend restriktives (und übrigens durchaus auch irrationales) Verhalten. Was meinen Sie dazu? Danke für Ihre Antwort und mit freundlichen Grüßen
Sehr geehrter Herr Dr. Reich, ich teile Ihre Bedenken. Man sollte den Banken mehr Eigenkapital verschaffen, anstatt ihnen die Feuermelder abzustellen. Eine Kreditklemme haben wir in Deutschland heute definitiv bei den Großunternehmen. Mehr als die Hälfte von ihnen beklagen, dass die Kreditvergabe der Banken restriktiv sei. Das ist mehr als in der letzten Flaute um das Jahr 2003. Die Eigenkapi-talverluste der Banken werden die Kreditklemme verschärfen. Ich habe mich ausführlich zu diesen Dingen übrigens in meinem Buch "Der Kasino-Kapitalismus" ausgelassen. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Sinn, ich habe mit großen Interesse Ihrem Vortrag in der Aula der Universität Osnabrück beigewohnt. Sie sprachen davon, dass die Volkswissenschaftler eigentlich Systemanalytiker seien. Nun, ich bin Mathematiker, in gewisser Weise also auch Analytiker. Zu meiner Frage: Als Export-Nation Deutschland, ist es doch notwendig, dass die exportierten Güter zu einem - wie auch immer bestimmten Preis - verkauft werden müssen. Ich habe verstanden, dass der Gegenwert - wenn man ihn denn so nennen darf - in den vergangenen Jahren im Wesentlichen nicht real bestanden hat. Zitat: "Die Porsches aus Deutschland wurde gegen wertlose Investmentpapiere verkauft" Gelernt habe ich daraus, dass das Kapital also eigentlich nicht vorhanden war. Nun: Ist es denn für eine Export-Nation Deutschland überhaupt möglich, einen "echten" Werteausgleich zu erhalten? Jedenfalls in dem Maße, welches notwendig wäre, um die notwendigen Waxhstums-Zahlen zu erreichen. Genauer: Eine Wertschöpfung muss durch einen adäquaten Ausgleichung erfolgen. Kann so etwas funktionieren? Welche "Werte" kann eine Nation wie Deutschland, die ja bis vor kurzem noch "Exportweltmeister" war, überhaupt adäquat erhalten? Denn: Diese Werte müssten doch erst in den "kaufenden Ländern" *echt/real* erwirtschaftet werden. Stellt man dies in Frage, bedeutet das ja umgekehrt, dass die in Deutschland "geschaffenen Werte" überbewertet sind. Die Konsequenz daraus wäre dann offensichlich. Vielen Dank Martin Schlütz
Sehr geehrter Herr Schlütz, vielen Dank für die Nachricht. Wenn wir exportieren, ohne zu importieren, müssen wir für die Exporte Wertpapiere erhalten. Das sind Ansprüche auf zukünftige Güterrückflüsse. In der Tat macht es keinerlei Sinn, permanent einen Exportüberschuss zu haben. Wer jetzt einen Überschuss hat, also nicht selbst die Güter verbraucht, die er produziert, will doch dafür später mit Zins und Zinseszins mehr Güter haben, um dann mehr zu konsumieren, als er verbraucht. Für ein Land wie Deutschland, das ein demographisches Rentenproblem hat, ist der heutige Exportüberschuss auf den zukünftigen Importüberschuss, wenn wir in Rente sind. Leider ging diese Rechnung nicht auf, weil die Amerikaner nicht zurück zahlen. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, ich habe gestern Ihren "Kasinokapitalismus" (fast durch-) gelesen. Mein Kompliment, wie Sie es verstehen, wissenschaftliches Niveau mit der Spannung eines Kriminalromanes zu verbinden. Natürlich gibt es einige Fragen, die ich im Laufe der Zeit versuchen werde, im Diskussionsforum unterzubringen. Für die Finanzkrise haben Sie die Anlässe und Ursachen umfassend nachgewiesen, wobei für mich der "Laschheitswettbewerb" wie der Irrglaube, dass bewusste Regulierung nicht notwendig sei, weil eine "invisible hand" stets segensreich wirke (etwa Greenspan) am Anfang stehen. Mich interessiert hier, ob Sie die Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen auch als Krisenursache sehen oder nicht. Denn es fällt ja auf, dass eine Gilde von Zockern offenbar nicht mehr weiß, wohin sie mit ihrem (zu vielen?) Geld hin soll, das dann gerade nicht in volkswirtschaftlich sinnvolle Kanäle wie realwirtschaftliche Investitionen und ihre Finanzierung, sondern zum Beispiel in dubiose cdo-Zertifikate zur Geldvernichtung fließt. Damit wird ein wesentliches Ordnungsprinzip in Frage gestellt. Als Betriebwirt sei es mir erlaubt, gestützt auf Eucken unseren Altmeister Gutenberg zu zitieren, der das Wirken des erwerbswirtschaftlichen Prinzip damit verband, dass "volkswirtschaftlich die beste Versorgung mit Gütern und Diensten erreicht (werde), wenn jedes einzelne Unternehmen versucht, auf die Dauer einen möglichst hohen Gewinn auf das eingesetzte Kapital zu erzielen". Dabei sei von den Themen wie "Nachhaltigkeit" und den Risken abgesehen, die z.B. durch die zu geringe EK-Ausstattung der Banken und sonstigen "Investoren" wie z.B. Hedgefonds "in Tateinheit" mit den zu hohen EK-Renditen induziert wurden. Das sind hier eher Nebenkriegsschauplätze. Die generelle Frage richtet sich also erstens auf die Gestaltung des kapitalistischen Systems unter dem Ziel, einen breiten, nicht dagegen einen zunehmend (?) nur noch partiellen Wohlstand zu erzeugen. Und sie richtet sich zweitens auf die Frage, ob nicht gerade diese "schiefe" Einkommen-/Vermögens-Verteilung zu den Systemrisiken führt, die wir mit der Finanzkrise beklagen. Wird letztlich also systematisch verhindert, dass sich das erwerbswirtschaftliche Prinzip - wie erwünscht und von unseren Altvorderen beschrieben - durchsetzen kann? Sehen sie das auch so und welche Systemregelungen benötigen wir gegebenenfalls? Auf die Antwort des Ordinarius für Volkswirtschaftlehre bin ich sehr gespannt, bedanke mich schon jetzt und verbleibe Mit freundlichen Grüßen Dr. Volker E. Reich
Sehr geehrter Herr Dr. Reich, auch diese Anfrage beantworte ich gerne. Die ungleiche Vermögensverteilung ist ein Dauerproblem der Marktwirtschaft. Einerseits sind ja schon die Einkommen notwendigerweise ungleich verteilt, andererseits wird aus hohen Einkommen anteilig mehr gespart als aus kleinen, was die Vermögensverteilung noch ungleicher macht. Zur Lösung des Problems habe ich neben vielen anderen Ökonomen schon lange die Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand durch eine Mitbeteiligung an den Unternehmen vorgeschlagen. Hier sind die Tarifpartner gefragt, die freilich in den sechziger Jahren, als das schon einmal intensiv diskutiert wurde, die Weichen Richtung Mitbestimmung stellten. Das war ein historischer Fehler. Man hätte lieber auf Mitbeteiligung statt auf Mitbestimmung setzen sollen, denn dann stünden die Arbeitnehmer in ihrer Eigenschaft als Vermögensbesitzer mit auf der Gewinnerseite der historischen Entwicklung. Aber man kann das ja noch nachholen. Die Riester-Rente war ein sinnvoller Ansatz. Andere Ansätze müssen folgen. Die Bankenkrise ist freilich nicht aus der ungleichen Vermögensverteilung entstanden. Wenn Sie das Buch gelesen haben, wissen Sie, wie groß die Rolle der US-Sozialpolitik war. Gerade der Versuch, jedem sein Häuschen zu geben, hat die Krise mitverusacht. Wir Deutschen hätten lieber unsere eigenen Vermögensbildungsprogramme fördern sollen, anstatt mit unseren Steuergeldern die amerikanischen Hausbesitzer zu finanzieren, wie wir es ja jetzt indirekt wegen der Krise tun. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Sinn, Sie schreiben häufig, dass die Finanzkrise wesentlich zu geringen Eigenkapitalerfordernissen bei den Banken geschuldet sei. Wenn ich naiv die Missbrauchsmöglichkeiten der Haftungsbeschränkung durchspiele, dann komme ich zum Ergebnis, dass höhere Eigenkapitalerfordernisse dazu führen sollten, dass der jeweilige Eigner einfach mehr Unternehmen mit für sich gesehen höherem Risikoprofil gründen muss, um rein statistisch gesehen die Verluste der einen zu sozialisieren und die Gewinne der anderen zu privatisieren. Große Banken machen ja nicht ausschießlich riskante Geschäfte, so dass die Verluste der windigeren Anlagen auch die Gewinne der konservativeren schmälern. In der Logik der oft gescholtenen Gier wäre ja zu erwarten, dass riskante Anlagen gar nicht in einem Haftungszusammenhang mit sicheren Anlagen kombiniert werden, um nicht deren Gewinne zu gefährden. Stellt die Haftungsbeschränkung an sich nicht das eigentliche Problem dar? Schließlich wurde sie eingeführt, um den Unternehmer "mutiger" (besser gesagt zu risikoaffin?) zu machen. Vielen Dank, Roland Scheel
Sehr geehrter Herr Scheel, ihre Überlegungen halte ich für richtig. In der Tat splitten sich Konzerne gerne in viele kleine Tochtergesellschaften auf, um den Haftungsverbund zu durchbrechen. Aber man kann die Trennung der Geschäfte nicht zu weit treiben, denn dann gelingt auch die Konsolidierung der Risiken nicht. Das Ganze ist ein feines Abwägungsproblem. Die Haftungsbeschränkung kann man kaum abschaffen. Man kann die Haftung aber durch die Anordnung höherer Mindesteigenkapitalquoten vergrößern. Mit freundlichem Gruß Ihr Hans-Werner Sinn
Es ist doch erstaunlich: Banken offerieren Mittelständlern seit Jahren immer neue Basel II-Offenbarungen - Kredite bekommen sie trotzdem nicht (siehe ifo-Kredithürde, die jetzt eher eine -klemme ist). Unsere Banken hatten es sich urgemütlich auf einem Verkäufermarkt eingerichtet, ließen lästige Kunden links liegen und suchten z.B. ihr Heil im Kreditersatzgeschäft - mit den bekannten Folgen). Dort galten einfachste Rating-Kriterien für diese Banken selbst allerdings nicht mehr. Das zugespitzt vorausgeschickt und Ihre Forderungen nach Reduzierung der Haftungsbegrenzung/höherer EK-Ausstattung der Banken eingedenk: Das Bankensystem - dazu gehören übrigens auch Sparkassen und Volksbanken allerdings als (was die Finanzkrise betrifft) "Einäugige unter den Blinden" - erfüllt seine volkswirtschaftliche Aufgabe meiner Meinung nach schon seit der Neuen-Markt-Blase 2000 - nicht mehr: Was jetzt Not tut, ist die ausreichende Versorgung der Unternehmen mit Kapital in bedarfs-, insbesondere mittelstandsgerechten Formen. Und das sollten wir mit Eucken und Gutenberg eigentlich wieder hinbekommen. Fazit: Ich sehe also primär ein wirklich gravierendes Systemproblem. Sie auch und was ist zu tun?
Sehr geehrter Herr Dr. Reich, vielen Dank für Ihre Hinweise und Ihre Frage. Ich habe meine Politikempfehlungen im letzten Kapitel meines bei Econ erschienen Buches Kasino-Kapitalismus dargelegt. Dort finden Sie Antworten, hoffentlich auch solche, die Sie befriedigen. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Prof. Sinn, anbei eine kurze Frage. In der aktuellen Spiegelausgabe Nr. 20 werden Sie im Artikel "Lob der Gier" mit dem Satz "wenn zu viel Angebot, gibt Inflation, wenn zu viel Nachfrage, gibt es Deflation" zitiert. Dieser Argumentation kann ich leider nicht folgen und bitte daher um eine Erklärung. Nach meinem Verständnis verhält es sich doch vielmehr so, dass es bei einem überhöhten Angebot aufgrund des Konkurrenzdruckes zu einem Preisverfall kommen dürfte, was folglich einer Geldaufwertung und somit einer deflationären Tendenz gleichkommt. Im Gegenzug dazu düfte eine erhöhte Nachfrage zu einer Angebotsknappheit und folglich zu einer Preissteigerung führen, was damit einhergehend einer faktischen Geldentwertung, sprich einer Inflation gleichkäme. Von daher bitte ich um eine entsprechende Erklärung. Mit freundlichen Grüßen Herold
Sehr geehrter Herr Herold, vielen Dank für die Nachfrage. Ich hatte den Satz auch schon bemerkt und mich daran gestoßen. Er wird dadurch, dass er aus dem Zusammenhang gerissen wurde, unverständlich. Es bleibt dem Leser leider verborgen, dass das Angebot bzw. die Nachfrage von Geld gemeint war. Heute haben wir wegen des Zusammenbruchs des Interbankenhandels eine gigantische Zunahme der Geldnachfrage (also eine Abnahme der Güternachfrage). Die Folge ist dass das Geld wertvoller wird, was eine Deflation der Güterpreise impliziert. Mit freundlichem Gruß Ihr Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Professor Sinn, den Standpunkt Nr. 103 "Deflation oder Inflation?" habe ich mit großer Aufmerksamkeit und Interesse gelesen. Sie rücken hier mit der Deflation ein Problem in den Vordergrund, das in Deutschland mit dem Hinweis auf die hohe Liquidität gerne vom Tisch gewischt wird. Dass die Liquidität nicht automatisch in Inflation münden muss, haben Sie überzeugend begründet. Aber welche Alternativen hätte z. B. die japanische Zentralbank? Die Anhebung des Leitzinses bietet m.E. keinen Ausweg aus der "säkularen Stagnation", da die privaten Haushalte hiermit einen weiteren Anreiz zum Sparen erhielten. Ob sich das Deflationsszenario realisiert, ist m. E. nicht eine Frage der Geldpolitik allein. Auch von den Gütermärkten müssen die richtigen Impulse kommen. Die Frage hier ist jedoch, welche Handlungsparameter die Wirtschaftspolitik überhaupt hat. Aus den früheren Debatten ist die Neigung von Vertretern der, im weitesten Sinne, keynesianischen Schule vertraut, der Lohnpolitik die Aufgabe zuzuweisen, für steigende Lohnstückkosten zu sorgen. Dies ist jedoch angesichts der Wettbewerbslage illusorisch. Eine solche Politik würde lediglich dazu führen, dass die Zahl der Unternehmen, die nach staatlicher Unterstützung rufen, steigen würde. Deshalb scheint es auch wichtig, in dieser Debatte auf einen weiteren Punkt hinzuweisen. Ob von der güterwirtschaftlichen Seite am Ende positive Preisimpulse kommen können, hängt auch hier von der Quantität des jeweiligen Angebots und damit vom Umfang der Kapazitäten ab. Die Krise zwingt zur Anpassung der Kapazitäten und je schneller diese erfolgt, desto eher können sich wieder aufwärts-gerichtete Preistendenzen auf den Märkten bilden. Die Politik verlängert daher tendenziell die Krise, wenn sie versucht, Kapazitäten, die man nach Überwindung der Krise glaubt wieder gebrauchen zu können, deshalb vor dem Untergang unbedingt retten zu sollen. Wenn also, wie es auch im Zusammenhang mit der Einrichtung des Wirtschaftsfonds Deutschland hieß, in besonderen Fällen auch volkswirtschaftliche Gesichtspunkte berücksichtigt werden sollen, dann sollten hier nicht nur Fragen der Systemrelevanz betrachtet werden, sondern auch die Auswirkungen auf volkswirtschaftliche Entwicklungspfade: Wachstum aus einem u.U. tiefen Tal heraus oder "säkulare Stagnation" auf einem anfangs relativ hohem Niveau. Mit freundlichen Grüßen Ihr Ottheinrich v. Weitershausen BDA
Sehr geehrter Herr von Weitershausen, haben Sie vielen Dank für Ihre Nachricht. Sie machen einen interessanten Punkt. Ich würde noch ergänzen, dass man die Investitionen nur wieder auf Trab bringen kann, wenn die Löhne nachgeben, denn das Mittel der Zinssenkung entfällt ja, wenn die Zinsen Null sind. Eine keynesianische Verschuldung hilft temporär, aber sicher nicht dauerhaft, und vielleicht wird die dauerhafte Gesundung erschwert, wenn ungesunde Kapazitäten künstlich am Leben gehalten werden. Indes können auch gesunde Kapazitäten verlorgen gehen. Das ist eine schwierige Gratwanderung. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Anmerkung des Moderators: Folgeantwort von Herrn Vorwallner auf den Beitrag vom 20.10.2009 Sehr geehrte Frau Bahr, sehr geehrter Herr Dr. Koll, grüßen Sie Prof. Sinn von mir. Ich hab ihn nach seinem Referat auf dem Kongress der ConSozial vor ein paar Jahren über die Messe ’geschleift’ und wir konnten ihn mit dem Auftritt des Sozialmarkts/der Messe wohl schon etwas erstaunen….. Der Sozialmarkt wird m.E. übrigens immer noch von den Volkswirten und Wirtschaftsforschern im Volumen und in den Wirtschaftsanteilen unterschätzt. Zur Frage kurz/lang/kurz beim Kreditgeschäft der Banken bleibe ich bei meiner Feststellung: Alle Banker, die langfristige Kreditvergaben nicht zum weitaus überwiegenden Teil zeitgleich und damit im Risiko berechenbar refinanzieren, haben gegen das kleine Einmaleins des Kreditgewerbes verstoßen und verstoßen weiter dagegen. Sie verdienen einen einfachen, schnellen und auch geldlosen Abschied deswegen, ob bei der IKB, der HRE/Depfa oder der Landesbank in Bayern und an vielen anderen Orten. Gibt es beim Ifo-Institut so was wie eine(n) Finanzhistoriker(in) ? Wohl nicht, wäre aber nicht schlecht. Es gab zB mal einen Bankier Münemann in München, der mit dem ‚Revolving’ von großen Kommunalkrediten (also aus kurz mach lang) mehrere Jahre sehr viel Geld verdiente, aber binnen kurzem Konkurs machte, als die Zinsstruktur sich erheblich veränderte, invers wurde, so nennt man das glaube ich. Das Phänomen ist also nicht neu und kein Profi kann glaubhaft erzählen, so was sei unvorhersehbar und überraschend. Dafür gibt’s eben das kleine Einmaleins. Es sollte damit aber auch nur einer von mehreren Systemfehlern unserer Finanzwelt aufgespießt werden. Es bleibt ein großes Ärgernis, dass es immer noch keine einzige tatsächlich nachgebesserte Regel für die Finanzmärkte in Deutschland und Europa gibt. Ich sähe es als Wettbewerbsvorteil für den Finanzmarkt in Europa an, wenn einige der jetzt aufgetauchten Regelverstöße schnell und dauerhaft durch Gesetz und Regularien wirksam verhindert würden. Daß das kapitalistische Wirtschaftssystem im übrigen den Konkurs nicht mehr als Waffe gegen Missmanagement -hier im Finanzsektor einsetzt - werden wir ’Gemeinen Steuerzahler und Wirtschaftsbürger’ noch über Jahrzehnte sehr teuer bezahlen, da bin ich sicher. Auch wird es so noch viele Jahre dauern, bis die unglaublichen Luftmengen an Geld aus den Bilanzen verschwinden. Hoffentlich wird dieser Prozeß wenigstens konsequent zu Ende gebracht. Mit freundlichen Grüßen Robert Vorwallner
Sehr geehrter Herr Dr. Sinn! Aus mathematischer Sicht haben Sie ja Recht, daß das mit den CO2 Rechten ein Nullsummenspiel wird. Es geht dabei jedoch um die Schlußfolgerung: Es gehört eben das System geändert, aber nicht die Vernunft. Mit erneuerbarer Energie eröffnen sich ganz andere Zukunftsaussichten, als mit dem Festhalten an einem - mittlerweile - versagendem - System. Mir fiel dazu die Geschichte von unserem (österreichischen) energieautarken Bauernhof des Herrn Löser ein, der nach seinen Vorträgen häufig gefragt wird, wann sich das rechnet. Und einmal antwortete er darauf verwundert: "Das weiß ich nicht, ich habe noch nie darüber nachgedacht, weil ich es ganz einfach machen wollte und weil ich von der Richtigkeit überzeugt war." Mehr denn je wird es doch darum gehen, visionär zu agieren und nicht nur als Erfüllungsgehilfe und Knecht eines Systems. Es liegt an Wissenschaftern wie Ihnen, Modelle für ein Geldsystem zu entwickeln, das Wachstum ermöglicht, aber nicht erzwingt. Denn genau das ist der wunde Punkt in der derzeitigen Finanzkrise, die sich zur Gesellschaftskrise entwickeln wird. Unser Geldschöpfungssystem war in der Aufbauphase der Wirtschaft nach dem Krieg hervorragend geeignet, relativ rasch einen vergleichsweise breiten Wohlstand zu schaffen. Das System war jedoch von Anfang an nicht dafür konstruiert, diesen einmal geschaffenen Wohlstand auch aufrecht zu erhalten. Spätestens seit den 80er Jahren begann sich das System quasi selbst zu kannibalisieren. Die Nationalökonomie, von der Sie ja ein prominenter Vertreter sind, hat den Zeitpunkt des nötigen Systemwechsels verschlafen. Nun wird Achselzuckend und freundlich lächelnd hingenommen, daß eben eine Abschwungphase bevorsteht - weil es doch immer schon ein Auf- und Ab gab in der Wirtschaft. Wann werden die Ökonomen endlich begreifen, daß Geld eben nicht nur wie ein Schleier über der Wirtschaft liegt. Mit freundlichen Grüßen Dr. Günther Hoppenberger
Sehr geehrter Herr Dr. Hoppenberger, vielen Dank für die Reaktion. Ich verstehe, was Sie sagen wollen, und so denken wohl viele. Aber überlegen Sie einmal, was es bedeutet. Wir fördern den Umweltschutz über das Maß hinaus, das durch die Zertifikatepreise induziert wird und freuen uns an den schönen Techniken, aber für die Umwelt erreichen wir nichts. Das darf doch nicht wahr sein! Und warum sollen wir das Zertifikatesystem ändern, wenn es doch grüne Technologien auf effiziente Weise hervorbringt? Auch das verstehe ich nicht. Was nun das Verschlafen der Bankenkrise betrifft, möchte ich doch darauf verweisen, dass ich einen Teil meiner Lebenskraft für die Erforschung der Risikoentscheidungen bei beschränkter Haftung aufgewendet habe und wohl hier auch der erste war. Daraus habe ich dann später ab etwa 2001 in einer Reihe von wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Beiträgen meine Forderung nach einer strikteren Bankenregulierung hergeleitet, was die Öffentlichkeit aber partout nicht hat zur Kenntnis nehmen wollen. Ich frage Sie, wer hier geschlafen hat. Die entsprechenden Schriften finden Sie auf der ifo-Homepage. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn
Sehr geehrter Herr Sinn, Ich habe zwei Frage zur Finanzkrise: Kann man in der Finanzkriese den (Teil-)Erklärungsansatz von F.A. v. Hayek erkennen, dass konjunkturelle Einbrüche und Krisen durch Fehlinvestitionen verursacht werden, die durch Verzerrung der Zinsinformation angeregt wurden? Glauben Sie, dass eine Aufgabe des Währungsmonopols (bspw. Aufhebung des Verbots unverzinslicher Inhaberschuldverschreibungen nach §35 BBankG) zu mehr Währungsdisziplin führen und auch Finanzkrisen weniger wahrscheinlich machen würde? Viele Grüße, Roland Scheel
Sehr geehrter Herr Scheel, vielen Dank für Ihr Mail vom 01. November an Prof. Sinn. Ich habe es übernommen, Ihnen zu antworten. - Sie fragen, ob man Theorien des Nobelpreisträgers F. A. von Hayek zur Erklärung der gegenwärtigen Finanzkrise heranziehen könnte. Ich glaube, Sie sind da auf der richtigen Spur. Bei der schnellen Recherche habe ich zwei Aufsätze von Joachim Starbatty, emeritierter Professor der Volkswirtschaftslehre an der Universität Tübingen, gefunden, die Ihnen vielleicht weiterhelfen. Deren Internet-Adressen lauten: http://www.hayek.de/frames/finanzkrise/Starbatty_Vortrag_12_2007.pdf http://www.uni-tuebingen.de/uni/wwa/download/GeschWipo/Die_Subprime_Krise _als_Folge_von_Fehlanzeigen_NZZ.pdf - Ihre zweite Frage, ob man durch Aufgabe des Währungsmonopols mehr Währungsdisziplin erreichen könne und dadurch Finanzkrisen weniger wahrscheinlich würden, ist hoch spekulativ, jedenfalls nicht einfach zu beantworten. Man könnte sicher auf die Eurozone verweisen. Deren Mitgliedsländer haben ihr Währungsmonopol auf die Europäische Zentralbank übertragen, gleichzeitig gilt aber auch der Stabilitäts- und Wachstumspakt, der die Verschuldung in den einzelnen Ländern eingrenzen soll. Ich glaube, der Stabilitäts- und Wachstumspakt muss zur Aufgabe des Währungsmonopols noch dazu kommen, damit man die Hoffnungen hegen kann, die in Ihrer Frage impliziert sind. Mit freundlichen Grüßen Dr. Robert Koll Persönlicher Berater des Präsidenten
Sehr geehrter Herr Professor Sinn, nachdem sich der Pulverdampf über den missglückten Vergleich hoffentlich wieder verzogen hat, möchte ich Ihrer These von den Ursachen der Finanzkrise zustimmen und widersprechen zugleich. Ja, die falschen Anreize und die fehlenden Regeln sind eine, die systemische Ursache, ebenso wie das seit langem beklagte Versagen der (finanz-) politischen Verantwortlichen in USA, Europa und andernorts, denn das Defizit an Regularien war seit längerem offenkundig. Auch jetzt, seit dem offensichtlichen Krisenbeginn vor fast anderthalb Jahren habe ich noch von keiner einzigen konkreten Regelverbesserung aus Berlin usw. gehört. Im Gegensatz dazu brauchte man für die 500 Milliarden-Spritze auf Risiko der Steuerzahler und Staats-Bürgen nur 14 Tage ! Für das Managerversagen nur ein Beispiel (von mehreren): Wer das Eigenkapital zigfach übersteigende langfristige Kredite vergibt und diese Ausleihungen aber vielfach nur sehr kurzfristig refinanziert, verstößt gegen das kleine Einmal Eins des Bankgeschäfts und ist deshalb ein Versager, um kein härteres Wort zu gebrauchen. Dieses “aus Lang mach Kurz“ ist ja ein ganz wesentlicher Grund für die Liquiditätsklemme vieler Institute. Anders ist es nicht erklärbar, dass große Institute im Wochen- und Monatsrhythmus hohe Milliardenbeträge brauchen um ihre Verbindlichkeiten zu decken oder eben sonst zahlungsunfähig werden. Mit freundlichen Grüßen Robert Vorwallner
Sehr geehrter Herr Vorwallner, vielen Dank für Ihr Mail vom 29. Oktober an Prof. Sinn. Ich habe es übernommen, Ihnen zu antworten. Es scheint, dass man sich jetzt auf internationaler Ebene verbesserte Regulierungen für die Finanzmärkte ausdenkt. In Washington hat man vor einigen Tagen bereits Prinzipien beschlossen, die nun durch Arbeitsgruppen in konkrete Ausführungsbestimmungen auszuformulieren sind. Da der Teufel bekanntlich im Detail steckt, darf man auf deren Ergebnis gespannt sein. „Aus Kurz mach Lang“, denke ich, gehört zu den häufigen Banktätigkeiten. Man verleiht das Geld langfristig zu einem bestimmten Zinssatz und hofft, sich kurzfristig billiger refinanzieren zu können. Dieses Vorgehen wird dann unmöglich, wenn die kurzfristigen Zinsen stark ansteigen. Diese Misslichkeit kann man vermeiden, wenn man auf die Fristenkongruenz zwischen Ausleihungen und Refinanzierung achtet, was offenbar nicht im nötigen Maße geschehen ist. Mit freundlichen Grüßen Dr. Robert Koll Persönlicher Berater des Präsidenten
Zur Finanzmarktkrise: Bei jedem (auch kleinem) Unfall wird nach einem Schuldigen gesucht, aus juristischen und versicherungstechnischen Gründen. Nun ist gerade der Finanzmarkt dabei in einem Malstrom zu verschwinden und er reißt noch viele mit. Der FINANZMARKT ist aber nun keine vergeistigte, körperlose Erscheinung. Er wird repräsentiert von lebenden Menschen und das Führungspersonal führt den Titel Manager. Es haben sicherlich nicht alle Manager verantwortungslos gehandelt und es gibt auch nicht d e n Manager, aber wer Fehler gemacht, sollte auch die (öffentliche) Verantwortung übernehmen. Die Führungseliten der Finanzinstitute sind da im Moment erstaunlich leise. Der Finanzbranche stände etwas öffentliche Reue gut zu Gesicht. Gerade ihr Institut hat den Schuldenabbau des Staates gefordert. Weniger Sozialleistungen, mehr Eigenverantwortung. Sie müssten doch eigentlich Sturm laufen gegen das staatliche Unterstützungsprogramm für notleidende Banken! Mit freundlichem Gruß W. Baumeister
Sehr geehrter Herr Baumeister, Sie erahnen meine Sorgen um die langfristigen Fehlanreize für das Bankensystem, die aus dem Rettungspaket resultieren. Glauben Sie mir bitte, dass ich ähnlich empfinde wie sie. Es gibt aber keine Alternative. Ohne das staatliche Geld hätte es die Kernschmelze gegeben, und wir alle wären in Mitleidenschaft gezogen worden. Mit freundlichem Gruß Hans-Werner Sinn