Welt am Sonntag, 14.10.2007, S. 8
Bernhard Bueb gilt seit seiner Streitschrift "Lob der Disziplin" als Doyen konservativer Erziehung. Ludger Wößmann fordert in seinem Buch "Letzte Chance für gute Schulen" radikale Reformen. Hier ein "junger Starökonom", wie ihn die "Wirtschaftswoche" nannte, Anhänger von Gesamt- und Ganztagsschulen; dort der pensionierte Leiter des Elite-Internats Salem: Ludger Wößmann und Bernhard Bueb trafen sich bei WELT ONLINE zu einem Streitgespräch über Erziehung – und entdeckten erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Es wurde ein hoch spannender Gedankenaustausch.
WELT ONLINE: Die 68er haben unsere Schulen kaputt gemacht. Ludger Wößmann: Schon vor den 68ern gab es erste Schulvergleichstests, und da hat Deutschland ähnlich abgeschnitten wie heute, nämlich im unteren Mittelmaß. Die Hauptkonsequenz, die wir daraus gezogen haben, war, für die nächsten 25 Jahre an keiner internationalen Vergleichsstudie teilzunehmen. Bernhard Bueb: Die Kritik an der Schule ist nicht erst durch die 68er entstanden. Schließlich fällt die große Zeit der Schulreform ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts. Die 50er- und 60er-Jahre waren restaurativ. Reformen hat dann als Erster Georg Picht gefordert... WELT ONLINE: ...der ja ein CDU-Mann war... Bueb: ...oh ja, ein ganz konservativer. Aber das schließt sich nicht aus. 1968 hat nur etwas aufgenommen, was in der Luft lag. WELT ONLINE: Wir haben in Deutschland einen Großversuch gemacht: Nordländer gegen Südländer, Dreigliedrigkeit gegen Gesamtschule. Und wir haben Ergebnisse: Frühe Differenzierung ist besser, weil sie auf die verschiedenen Begabungen eingeht. Wößmann: Aber da haben wir keinen wirklichen Unterschied zwischen den Bundesländern. Alle entscheiden nach der vierten Klasse, im Alter von neun, zehn Jahren, wer auf welche Schule kommt. Außer Berlin und Brandenburg, die machen das nach sechs Jahren. Die meisten anderen OECD-Länder machen frühestens im Alter von 15 oder 16 eine Aufteilung. Wir und Österreich sind da die große Ausnahme, kein anderes Land meint, so früh alle Begabungen observieren zu können. Im internationalen Vergleich zeigt sich: je früher die Aufteilung, desto stärker die Abhängigkeit der Schülerleistung vom familiären Hintergrund. Das heißt, die frühe Aufteilung ist ungerecht. Wir haben übrigens auch die Unterschiede zwischen den Bundesländern untersucht, und das Ergebnis ist, dass Berlin und Brandenburg die geringste Abhängigkeit der Schülerleistung vom familiären Hintergrund aufweisen, das heißt, sie haben gerechtere Systeme. Bueb: Aus persönlichem Erleben gebe ich Herrn Wößmann recht. Ich war ein Schulversager, ein Spätentwickler und bekam keine Grundschulempfehlung für das Gymnasium. Meine Klassenlehrerin sagte: Der ist nett, aber dumm, und diese blöden Bildungseltern wollen, dass er aufs Gymnasium kommt. Da hat meine Mutter darauf bestanden, dass ich die Aufnahmeprüfung mache. Die habe ich bestanden – ich glaube bis heute, dass es eine Namensverwechslung war, weil ich sofort sitzen blieb in der fünften Klasse: eine Bestätigung der Vorhersage. Erst in der achten Klasse bekam ich eine Lehrerin, die diesen Teufelskreis durchbrach und sagte: Der ist nicht dumm. Und das war meine Rettung. Auch als Internatsleiter habe ich immer wieder erfahren, dass wir Kinder bekommen haben, die genau wie ich Spätentwickler waren, aber später ein tolles Abitur gemacht haben. Das Argument der Konservativen, die Vielfalt der Begabung bedürfe einer Vielfalt der Antworten, ist ein Scheinargument, denn die Begabung kommt eben nicht bei jedem Kind zum gleichen Zeitpunkt zutage. WELT ONLINE: Von Lehrern hört man oft: Schuld an den Bildungsdefiziten ist nicht die Schule, schuld ist das Elternhaus. Wie sollen wir mit Kindern vernünftig arbeiten, die von zu Hause weder Wissen noch Motivation mitbringen? Bueb: Ich habe eine Antwort: die Ganztagserziehung. Wir müssen leider einen Teil der Erziehung aus der Familie hinausverlagern. Doch jetzt kommt ein Bereich, der in der Pisa-Studie gar nicht vorkommt und bei Herrn Wößmann nur am Rande: die Frage der Erziehung und der Charakterbildung im Verhältnis zur akademischen Bildung. Wir haben immer noch die Belehrungsschule. Die deutsche Schule ist keine Charakterschule. In unserer Erziehung und Bildung ist das Spiel unterbewertet: Sport, Theater, Musik und so weiter. Wößmann: Das gilt besonders im frühkindlichen Bereich. Gerade da kann eine Bildungseinrichtung zur Ergänzung der Familie werden, und es hilft vielen Kindern, wenn sie im sehr frühen Alter in den Gruppenzusammenhang kommen und mit anderen Kindern Sozialkompetenzen aufbauen. Darum ist das nicht als Widerspruch zur Familie zu sehen. Nur müssen diese Einrichtungen auch einen Bildungsauftrag haben. Im internationalen Vergleich sehen wir, dass in den Ländern, wo mehr Kinder länger in frühkindlichen Bildungseinrichtungen verbringen, die Abhängigkeit der Schulleistung von der sozialen Herkunft gesenkt wird. WELT ONLINE: Gerade da dürften die Vorbehalte derjenigen am größten sein, die das am nötigsten haben, nämlich die islamischen Zuwanderer. Bueb: Das muss eben Gesetz werden. Nach wie vor ist unsere europäische Kultur maßgebend, und die Kinder islamischer Zuwanderer können zwar moslemischen Glaubens bleiben, sie müssen aber kulturell und sprachlich Deutsche werden. Und das können sie nur, wenn sie auch den Nachmittag in der Gemeinschaft verbringen. Deshalb ist diese Stoibersche Idee des Betreuungsgeldes für Eltern so fatal. Das darf es auf keinen Fall geben – wenn Sie das auf ihrer konservativen Internetseite so schreiben dürfen. WELT ONLINE: Wenn Sie das als Konservativer so sagen, werden wir das als liberale Internetseite auch so wiedergeben. Wößmann: Die Fakten zeigen: Für die Bildungsleistung, also selbst bei der Mathematik, wo man denken könnte, das ist relativ abgekoppelt von der Sprache, ist es entscheidend, ob zu Hause die Landessprache gesprochen wird oder nicht, also bei uns Deutsch. Darum ist es so wichtig einzufordern, dass die Sprache schon im frühkindlichen Alter gelernt wird. WELT ONLINE: Sie sind beide Anhänger von mehr Privatschulen. Also mehr Eliteschulen, und der Rest kann zusehen, wo er bleibt? Bueb: Hier muss ich Herrn Wößmann loben. Ich finde das eine glänzende Idee: privat führen und staatlich finanzieren. Ich halte das für eine wunderbare Utopie, weil ich glaube, dass mehr Autonomie, mehr Verantwortung, mehr Gestaltungskraft, auch mehr Wettbewerb der Schule so gut tun würden, wie sie der Wirtschaft gut tun oder jedem anderen Bereich, wo Menschen miteinander etwas tun. Wößmann: Eine Eliteschule wie Salem mag die Angst verstärken, dass mehr Privatschulen zur Verstärkung der Ungleichheit beitragen. Ziel muss es aber sein, dass so etwas für die gesamte Bevölkerung möglich ist. Darum müssen die Schulen öffentlich finanziert werden. Sie müssten auch alle Schüler aufnehmen, unabhängig von Herkunft und Wohnort. Wir müssen übrigens nur auf unser Nachbarland schauen, die Niederlande, da gibt es das schon. Alle Schulen sind öffentlich finanziert, aber drei Viertel der Schulen sind in privater Trägerschaft. Das ist also keine Utopie, das gibt es schon, und es führt nachweislich zu besseren Leistungen. WELT ONLINE: Investieren wir eigentlich genug in die Bildung? Wößmann: Wir liegen international, pro Schüler berechnet, im Mittelfeld. Es gibt viele Länder, die weit weniger ausgeben und besser abschneiden, und Länder, die mehr ausgeben und schlechter abschneiden. Geld allein wird unser Problem nicht lösen. Bueb: Man muss fragen, wie das Geld angewendet wird. Nehmen wir die halbherzige Einführung der Ganztagsschule. Das ist eine Katastrophe. Den ganzen Tag Schule ohne jede Konzeption. Wenn sie richtig gemacht wird, mit gemeinsamem Essen, mit gemeinsamem Spiel und so weiter, das kostet Geld. Warum ist Salem so teuer? Nicht wegen des Unterrichts, sondern wegen der vielen außerunterrichtlichen Aktivitäten, und die sind entscheidend wichtig. WELT ONLINE: Seit den 20er-Jahren stehen die Reformvorschläge im Raum. Werden wir die Reform der deutschen Schule noch erleben? Wößmann: Einerseits kann man nicht behaupten, dass in Deutschland wissenschaftliche Erkenntnisse schwungvoll in die politische Diskussion aufgenommen würden. Andererseits bin ich positiv davon angetan, was sich schon verändert. Vor drei Jahren hatte nur die Hälfte der Bundesländer eine zentrale Abschlussprüfung. Jetzt gibt es nur ein Land, das keine hat. Die linken Vorbehalte gegen Vergleichstests fallen also. Und selbst konservativ regierte Bundesländer beginnen, die Selektion zu verringern – gerade die. Die positiven Tendenzen können einem Hoffnung geben. Bueb: Ich habe drei Gründe, weshalb ich optimistisch bin. Erstens sind Pädagogen Berufsoptimisten. Zweitens wächst eine junge Generation von Lehrern heran, mit anderen Ideen, einem anderen Elan, einer anderen Bereitschaft, sich in den Dienst zu stellen, einem neuen Selbstverständnis, nämlich auch Erzieher sein zu wollen, nicht nur Unterrichter. Drittens: Die Menschen ändern dann etwas, wenn das Leiden groß genug ist. Das Leiden wird gerade so groß, und zwar gerade bei den Lehrern und Eltern, dass sie bereit sein werden, neue Wege zu gehen. Die Lehrer müssen politischer werden, mehr selbst in die Hand nehmen, und sie müssen sich zusammentun mit mächtigen Verbündeten, nämlich den Eltern. Dann würden sie auch diese Kluft überwinden, die entstanden ist, weil sie immer nur über die Kinder reden, die nicht genug lernen, statt über gemeinsame Ziele und Visionen und wie sie diese der Politik abfordern. Wenn das geschieht, dann würden auch die Lehrer ihren Ruf verändern, dann würde man sagen: Donnerwetter, was sind das für Leute.
Bernhard Bueb: "Lob der Disziplin". List Verlag, 18 Euro Ludger Wößmann: "Letzte Chance für gute Schulen". ZS Verlag, 16,95 Euro
Please send your comments or questions on specific articles to: presse@ifo.de. Please mention in your e-mail the article you are concerned with.
Phone: +49(0)89/9224-1604 Fax: +49(0)89/9224-1267
Press Echo
Comments on current economic policy issues in Policy Debate: