Süddeutsche Zeitung, 06.12.2007
“Familienleben“: Beilage der Süddeutschen Zeitung
Seit neun Jahren befassen Sie sich mit dem Schulsystem in Deutschland. Was ärgert Sie am meisten?
Die Fakten, die uns vor allem durch Pisa vermittelt worden sind, werden nicht wahrgenommen - und darum geschieht auch nichts. In Deutschland wird philosophiert, aber das hilft den Kindern nicht. Man müsste analysieren, ob bestimmte Maßnahmen Effekte haben oder nicht.
Sie schreiben, dass in Deutschland 30 Jahre lang nicht untersucht wurde, welche Wirkung Reformen hatten.
So wird Schulpolitik bei uns gemacht. Bildung ist ein Thema, bei dem es viele festgefahrene Meinungen gibt, angefangen mit der sehr frühen Aufteilung der Kinder bei uns, die es so nur noch in Österreich gibt. Alle anderen Länder haben das in den Sechziger-, spätestens Siebzigerjahren abgeschafft. Sie teilen die Kinder mit 15 oder 16 Jahren auf. Der Erfolg gibt diesen Ländern recht.
Ist Deutschland speziell unbeweglich?
Das wird jetzt aufbrechen müssen. Es gibt erste Tendenzen: Hamburg, Rheinland- Pfalz und Schleswig-Holstein legen Haupt- und Realschulen zusammen. Zwar wird immer noch früh aufgeteilt, aber das ist ein Schritt zur geringeren Aufteilung.
In Deutschland und besonders in Bayern ist man immer noch stolz darauf, dass nur die Besten das Abitur schaffen.
Das mag in einer Zeit vor einer Wissensgesellschaft funktioniert haben. Da brauchte man ein paar gut ausgebildete Köpfe als Entscheidungsträger. Die anderen hatten ordentliche technische Ausbildungen und machten ihre Arbeit. Heute sind gut bezahlte Jobs nur für Hochqualifizierte da. Wir müssen erreichen, dass auf breiterer Basis höhere Qualifikationen erworben werden. Das muss nicht alles übers Gymnasium laufen. Die Lehre ist heute noch eine gute Ausbildung und erleichtert den Weg in den Arbeitsmarkt. Doch wenn man da stehen bleibt, ist die Gefahr groß, aufgrund einer Krise seinen Job zu verlieren und keine Arbeit mehr zu finden. Die Wirtschaft ist heute viel dynamischer als früher.
Herr Wößmann, welche Ausbildungen sind heutzutage noch aussichtsreich?
Viele Unternehmen suchen Ingenieure, die nicht da sind. Das kann man übrigens nach einer Lehre und der Fachhochschule werden. Insgesamt liegt die Arbeitslosenquote bei Menschen, die eine Hochschulausbildung - Universität oder FH - gemacht haben, unter fünf Prozent, bei Menschen mit einer abgeschlossenen Lehre bei acht Prozent. Von denen, die keine Mittlere Reife erzielt haben, ist jeder Vierte arbeitslos, also 25 Prozent. Würde die Hauptschule dazu beitragen, eine gute Lehrstelle zu bekommen, wäre ja alles gut. Aber so ist es kaum noch. Da müssen wir wirklich umdenken.
In Ihrem Buch steht, in allen Ländern außer Bayern würde die Hauptschule in den nächsten zehn Jahren abgeschafft.
In Bayern besucht immer noch über ein Drittel jeden Jahrgangs die Hauptschule, vor allem in ländlichen Gegenden. Von den Verfechtern der Hauptschule wird gern angeführt: Rund um Ingolstadt sind alle glücklich und haben wunderbare Jobs. Das stimmt: Die Hauptschule ist hier tatsächlich noch nicht zur Restschule verkommen wie zum Beispiel in Berlin. Das kann man aber nicht verallgemeinern. Der Rückhalt für die Hauptschule ist in Bayern noch sehr groß. Doch auch hier wird es schwer - aus demografischen Gründen -, drei Schultypen flächendeckend anzubieten.
Wie haben Sie in Ihrer eigenen Schullaufbahn über Schule gedacht?
Ich versuche, die wissenschaftliche Forschung nicht mit meinen Erfahrungen zu vermischen, weil oft Ausnahmen die Regel bestätigen. Systematische Effekte erkennt man nur, wenn man sich systematisch alle Schulen anschaut. Ich besuchte ein Gymnasium mit sehr motivierten Lehrern, aber ohne Zentralabitur. Im Zivildienst hatte ich einen Kollegen, der auf einer anderen Schule im Mathematik-Leistungskurs war wie ich, doch viele Dinge, die ich gelernt hatte, gab es in seinem Unterricht nie. Das eine Abitur war mit dem anderen nicht vergleichbar, obwohl es in demselben Bundesland abgeschlossen wurde.
Darum sprechen Sie sich für zentrale, externe Abschlussprüfungen aus?
Ja, sonst ist der Schüler völlig auf den Einsatz des Lehrers angewiesen. Das kann nicht gut sein. Wenn ein Lehrer auf Bereiche der Mathematik verzichtet, weil er es zeitlich nicht schafft, dann fragt er diese Bereiche auch nicht im Abitur ab. Bei externen Prüfungen wäre das nicht möglich. Plus: Zentrale Prüfungen können das Lehrer-Schüler-Verhältnis nachhaltig verändern. Wenn der Lehrer selbst alle Arbeiten stellt und benotet, ist er der Richter - und das Feindbild. Bei externen Prüfungen heißt es: Lasst uns gemeinsam möglichst gut vorbereiten. Der Lehrer wird zum Coach. Da entsteht ein ganz anderes Unterrichtsklima.
Sind Sie für das Ende des Beamtentums?
Ich finde schon, dass einige von denen, die derzeit Lehrer sind und nicht die Fähigkeit haben, Wissen erfolgreich zu vermitteln, von Lehrern ersetzt werden sollten, die den Kindern etwas beibringen. Das kann aber auch im Rahmen des Beamtenrechts geschehen. Jeder von uns kennt legendäre Lehrer, bei denen man verloren ist. Solche Lehrer gehören in andere Positionen.
Warum werden legendär schlechte Lehrer dennoch an den Schulen gehalten?
Die Schulleiter wissen natürlich, welche Lehrer problematisch sind. Aber wenn einer versucht, einen Lehrer loszuwerden, winken die Juristen im Kultusministerium panisch ab. Solange er keine goldenen Löffel klaut, geschieht nichts. Darum hat es im derzeitigen Schulsystem keine Auswirkungen, ob die Schüler viel oder kaum etwas lernen. Ein Lehrer, der sich begeistert und vollen Einsatz bringt, steht am Ende des Tages genauso da wie ein Lehrer, der aufgegeben hat und nichts mehr tut.
Was meinen Sie im Buch mit „Vergeudung menschlichen Vermögens"?
Das bezieht sich auf die Ungerechtigkeit des Schulsystems. Kaum irgendwo auf der Welt hängen die Schülerleistungen so stark vom familiären Hintergrund ab wie in Deutschland. Es gibt viele kluge Kinder aus bildungsfernen Schichten, denen bei uns die Chancen sehr früh verbaut werden. Gleichzeitig werden viele nicht so clevere Kinder aufs Gymnasium gehievt, weil sie das entsprechende Elternhaus haben.
In der Mittelstufe ist der Unterschied zwischen den schlechtesten und besten Schülern bei uns weltweit am größten.
Genau: Aber nach der vierten Klasse, vor der Aufteilung, sind die unterschiede zwischen den Schülern gar nicht so groß, auch nicht im internationalen Vergleich.
Das heißt, wir produzieren selbst diesen Unterschied mit unserem Schulsystem?
Ja, zum einen mit der frühen Aufteilung. Zum anderen mit zu wenig frühkindlicher Bildung. Psychologische Forschung zeigt: Je eher wir damit anfangen, Kinder spielend lernen zu lassen, desto leichter fällt es ihnen später. Die Kinder, die nicht von zu Hause aus stimuliert werden, müssen früh Bildungsumfelder erhalten. Mittlerweile gehen 90 Prozent etwa zwei Jahre in den Kindergarten. Kümmern muss man sich um die zehn Prozent, die nicht hingehen.
Gute Bildung, sagen Sie, könnte das Land wirtschaftlich sanieren.
Mangel an Bildung steckt hinter vielen der Probleme, die wir haben. Es gibt Auswege wie Harz IV, aber das ist der schmerzhafte Weg. Der Königsweg wäre, mehr Leute auf ein höheres Bildungsniveau zu bringen, damit sie positivere Lebensverläufe haben.
Haben Sie Fragen, oder möchten Sie uns einen Kommentar zukommen lassen? Dann schreiben Sie uns unter presse@ifo.de. Bitte vermerken Sie in Ihrer E-Mail, auf welchen Artikel Sie sich mit Ihrer Reaktion beziehen!
Telefon: +49(0)89/9224-1218 Fax: +49(0)89/9224-1267
Presseecho
Stellungnahmen zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen unter Politikdebatte: