ZS Debatten, 08/2007, S. 2
Ludger Wößmann kommt gerade von einem Forschungsaufenthalt an der renommierten Harvard Universität zurück. Der junge Professor vom Münchner ifo Institut ist hierzulande einer der führenden Schulforscher und auch international begehrt. Aus Anlass seines demnächst erscheinenden Buches »Letzte Chance für gute Schulen – Die 12 großen Irrtümer und was wir ändern müssen« führte ZS DEBATTEN ein Interview mit ihm.
ZS DEBATTEN: Herr Professor Wößmann, was hat Sie dazu bewogen, gerade jetzt Ihr Buch zu schreiben? LUDGER WÖSSMANN: Ich bin Bildungsforscher, vor allem Schulforscher. Und ich bin Vater zweier kleiner Kinder. Was unsere Schulen leisten, ist vielerorts einfach schlecht, dramatisch schlecht. Warum ist das so? Wie sehen die Qualität unseres Schulsystems, das Leistungsniveau und die Chancengleichheit wirklich aus? Was müssen wir ändern? Solche Fragen interessieren mich als Forscher, und sie besorgen mich als Vater. Und im Gegensatz zu vielen anders lautenden Stimmen gibt es einen Zusammenhang zwischen Schülerleistungen und wirtschaftlicher Entwicklung, den ich in meinem Buch belege. Daran ändert auch der derzeitige konjunkturelle Frühling nichts, der vielen den Blick auf die Realitäten wieder nimmt. Im internationalen Schülervergleich sind wir nicht mal Mittelmaß. Wir müssen schnell handeln, denn Veränderungen im Schulsystem brauchen Zeit, bevor sie wirken.
Sie klingen richtig aufgebracht ... Wie genau lautet Ihr Credo? Ja, irgendwie bin ich aufgebracht. Manchmal macht es mich wütend, dass in Deutschland über das Thema Schule nur immer weiter diskutiert wird. Denn wir könnten auch schnell und richtig handeln, wenn wir wollten. Die Frage ist wie. Die Antwort liegt in den international vergleichenden Fakten und Daten, die ich zusammengetragen und analysiert habe. Sie helfen uns, zu verstehen, was falsch läuft. Und sie zeigen uns auch, was wir wirklich ändern müssen. Beides steht im Buch. Mein Credo und mein Plädoyer lauten: Brecht nicht immer wieder neue ideologische Reformdiskussionen vom Zaun, die nichts bewegen! Beschäftigt euch mit den Fakten, vergesst die alten ideologischen Rechts-links-Denkschemata, seht auf die anderen Länder und lernt daraus! Klingt irgendwie selbstverständlich, macht aber kaum einer. Konservative wie linke Politiker, konservative wie linke Lehrer oder ihre Interessenverbände, auch die meisten Eltern bleiben einfach unbeirrt weiter bei den alten Rezepten, die sich aus den subjektiven Erfahrungen in ihrer eigenen Schulzeit oder ihren überholten politischen Reflexen ergeben.
Was läuft denn Ihrer Meinung nach so falsch an unseren Schulen? Ein ganz zentraler Irrtum ist etwa, dass wir glauben, wir müssten einfach mehr Geld in die Bildung investieren, dann würde schon alles besser. Dem ist nicht so. Wir brauchen nicht unbedingt mehr Geld, wir müssen es nur anders einsetzen. Zum Beispiel haben meine Untersuchungen ergeben, dass die Ausstattung einer Schule mit Computern keinen überzeugenden Einfluss auf die Lernergebnisse hat. Auch die Einstellung von mehr Lehrern bringt so gut wie nichts. Die Studien sagen klipp und klar, dass Schüler in kleineren Klassen nur verschwindend geringfügig bessere Ergebnisse erzielen als Schüler in großen Klassen. Ein guter Lehrer schafft es eben auch, eine große Klasse zu unterrichten.
Und was sollten wir mit dem Geld anstellen? Es geht darum, das Geld gezielt einzusetzen. Und wofür Geld nötig ist, das können die Schulen am besten selbst entscheiden. So zeigen meine Forschungen, dass die Schülerleistungen dort am besten sind, wo die Schulen zwar öffentlich finanziert werden, aber selbständig über den Einsatz der Gelder entscheiden können. Wie in Holland. Natürlich muss der Erfolg dabei wiederum von außen kontrolliert werden: mit zentralen Zwischen und Abschlussprüfungen.
Was ist für Sie der schlimmste Fehler, den wir machen? Wirklich ein Skandal ist, dass Deutschland nach England als traurigem Spitzenreiter das Land darstellt, in dem die Ungleichheit der Schülerleistungen je nach dem sozialen Hintergrund des Kindes am größten ist. Und das liegt vorrangig an dieser allzu frühen Dreiteilung in Gymnasium, Haupt- und Realschule, auf der unser marodes Schulsystem schon seit Jahrzehnten aufgebaut ist. Und zur Qualität der Ausbildung scheint dieses System ja auch nichts beigetragen zu haben, wie man im Vergleich z.B. mit dem PISA-Spitzenreiter Finnland sehen kann: Dort werden die Kinder erst nach der 9. Klasse getrennt. Wir müssen endlich begreifen und die Kinder viel länger zusammen unterrichten!
Ist Ihr Buch eines über den PISA-Schock? Nein! PISA hat mir nur viele der Daten geliefert, mit denen ich arbeite. Ich gehe – auch in meinem Buch – weit darüber hinaus. Denn ich setze die verschiedenen PISA-Ergebnisse neu zueinander in Beziehung, vergleiche auch mit anderen internationalen wie nationalen Leistungstests, mit Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung und vieles mehr. So komme ich zu ganz neuen Ansichten und konkreten Handlungsempfehlungen für unsere Schulen. Zu Handlungsempfehlungen, die nicht – wie so oft – auf willkürlichen Interpretationen irgendwelcher PISA-Schlagzeilen basieren, sondern auf harten Fakten und Zahlen.
Und was sind diese Handlungsempfehlungen? Alles will ich hier nicht verraten. (Lacht) Lesen Sie »Letzte Chance für gute Schulen«!
Haben Sie Fragen, oder möchten Sie uns einen Kommentar zukommen lassen? Dann schreiben Sie uns unter presse@ifo.de. Bitte vermerken Sie in Ihrer E-Mail, auf welchen Artikel Sie sich mit Ihrer Reaktion beziehen!
Telefon: +49(0)89/9224-1218 Fax: +49(0)89/9224-1267
Presseecho
Stellungnahmen zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen unter Politikdebatte: