Die Zeit, 23.12.2008, Nr. 1, S. 65
DIE ZEIT: Keine soziologische These ist so berühmt geworden wie Max Webers Behauptung, dass der Protestantismus den Kapitalismus zur vollen Entfaltung gebracht habe. Ihre Studie trägt den Titel: Lag Weber falsch? Was bezweifeln Sie?
LUDGER WÖSSMANN: Weber beginnt mit der Beobachtung, dass protestantische Gegenden wirtschaftlich fortgeschrittener waren. Wir hatten die Idee, dass es dafür eine andere Erklärung geben könnte als eine spezifische protestantische Ethik. Nämlich die, dass Protestanten gebildeter waren.
ZEIT: Wie kommen Sie darauf?
WÖSSMANN: Jeder weiß, dass Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt hat. Weniger bekannt ist, dass er sich auch in vielen Predigten für den Bau von Schulen eingesetzt hat. In seinem Verständnis von Religion sollte jeder die Bibel, also Gottes Wort, selbst lesen können. Das könnte den – unbeabsichtigten – Nebeneffekt gehabt haben, dass Protestanten aufgrund ihrer besseren Bildung produktiver wurden und damit erfolgreicher. Also ganz im Sinne einer ökonomischen Betrachtung, die Bildung als lohnende Investition in Humankapital ansieht.
ZEIT: Können Sie diese Wirkung beweisen?
WÖSSMANN: Wir wollten das testen, was Weber Ende des 19. Jahrhunderts vor sich gesehen hat. Mein Kollege Sascha Becker und ich hatten das Glück, kaum beachtete Daten für die 450 preußischen Landkreise um 1870 zu finden. In einigen der von uns genutzten Archivbände waren die Seitenbögen noch nicht einmal aufgeschnitten. All diese Daten haben wir digitalisiert, und in der Tat: Die protestantischen Kreise waren wirtschaftlich fortgeschrittener.
ZEIT: Womit Sie Weber zunächst bestätigen.
WÖSSMANN: Absolut. Das war schon ein spannender Befund, denn die jüngere Forschung hat diesen Grundzusammenhang eher bezweifelt. Weber hatte natürlich noch keinen PC auf dem Schreibtisch. Unsere Analysen können ihn an dieser Stelle heute vollkommen belegen. Dann kommt aber eben der zweite Schritt.
ZEIT: Der Bildungsvorsprung der Protestanten.
WÖSSMANN: Und auch da sehen wir deutlich: Protestantische Landkreise hatten eine höhere Alphabetisierungsquote – im Durchschnitt sage und schreibe zehn Prozentpunkte mehr.
ZEIT: Jetzt müssen Sie aber noch erklären, warum Weber falsch lag.
WÖSSMANN: Unser zentraler Befund ist, dass der wirtschaftliche Unterschied zwischen Protestanten und Katholiken komplett verschwindet, wenn wir die ökonomischen Effekte der Bildung herausrechnen.
ZEIT: Wie geht das?
WÖSSMANN: Die moderne Humankapitaltheorie trifft Aussagen darüber, in welchem Maße sich Investition in Bildung rentiert. Wir können also annehmen, dass mit steigender Alphabetisierungsquote der wirtschaftliche Entwicklungsstand um einen bestimmten Betrag höher ausfällt. Genau diesen Betrag ziehen wir ab und bekommen so den Entwicklungsstand, den die Kreise bei gleichem Bildungsniveau hätten. Dann sehen wir, dass die höhere Bildung den wirtschaftlichen Vorsprung der Protestanten vollständig erklären kann – wir brauchen dafür keine spezifische Ethik.
ZEIT: Wenn aber das Bibellesen zum Kern der protestantischen Ethik gehört – dann wäre die Bildungsförderung doch genau ein Ergebnis dieser frommen Lebensführung oder »innerweltlichen Askese«, wie Weber sagt …
WÖSSMANN: Eine spezifische protestantische Ethik könnte natürlich dazu beigetragen haben, mehr in Bildung zu investieren. Aber für die Mechanismen, mit denen Weber argumentiert, bleibt nach unserer Analyse nicht viel Platz: dass Protestanten fleißiger arbeiten, weil sie wirtschaftlichen Erfolg als ein Zeichen für Gottgefälligkeit ansehen, und dass sie mehr sparen und reinvestieren, weil sie Luxus und Genuss ablehnen.
ZEIT: Wobei man zu Webers Verteidigung sagen kann, dass er sich vor allem auf den Protestantismus calvinistischer Prägung bezieht, während Sie sich die Wirkung des Luthertums angeschaut haben.
WÖSSMANN: Das stimmt. Weber bezieht sich auf pietistische Strömungen im Protestantismus, für die er betont, dass man die spezifische Ethik dort besonders sieht. Andererseits geht er zunächst explizit von Luther und dessen Berufsbegriff aus. Dass das dann in viel stärkerem Maße im Calvinismus zum Tragen kommt, muss man sicher so feststellen. Insofern ist unsere Theorie eher eine Ergänzung zur Weberschen These.
ZEIT: Woher wissen Sie eigentlich, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Ihren Daten besteht?
WÖSSMANN: Das hat uns am meisten umgetrieben. Es könnte ja sein, dass die protestantischen Gegenden schon vor Luther fortschrittlicher waren, sodass die höhere Bildung vielleicht ein Grund war, den neuen Glauben anzunehmen. Um das auszuschließen, machen wir ein natürliches Experiment.
ZEIT: Wie das?
WÖSSMANN: In unseren Daten sehen wir deutlich, dass sich der Protestantismus von Wittenberg aus ausgebreitet hat, wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird und dann Wellen schlägt. Die ebben auch irgendwann aus. Anders ausgedrückt: Je näher an Wittenberg, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass ein Herrscher sich für den Protestantismus entschieden hat. Das Deutsche Reich war ja damals zerstückelt, und es galt die Regel: cuius regio, eius religio …
ZEIT: … wessen Regierungsgebiet, dessen Religion.
WÖSSMANN: Die gesamte Bevölkerung musste schlicht mit dem Landesherrn zum Protestantismus übertreten, was nichts mit individuellen Einstellungen oder dem vorhergehenden Entwicklungsstand zu tun hatte. Um das zu belegen, haben wir Daten rund um das Jahr 1500 gesammelt – den Verstädterungsgrad, die Ausbreitung von Schulen, Universitäten und auch Klöstern. Für all diese Variablen hat vor Luthers Zeiten die Distanz zu Wittenberg keinerlei Erklärungskraft. Wenn wir uns dann aber für unsere Analyse nur die zufällige Variation in den Protestantenanteilen anschauen, die aufgrund der Nähe zu Wittenberg zustande kommt, sehen wir einen Anstieg der Alphabetisierungsquote. Deshalb interpretieren wir das als einen kausalen Effekt.
ZEIT: Hätten Sie nicht den Gegencheck mit einer katholisch geprägten Gegend machen müssen?
WÖSSMANN: Preußen war ja gar kein rein protestantisches Gebiet. Wir haben hier gerade das Glück, dass es das Land Friedrichs des Großen war, der gesagt hat, jeder solle nach seiner Façon selig werden. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung war katholisch, in einigen Regionen sogar geballt, zum Beispiel im Münsterland.
ZEIT: Trotzdem war Preußen protestantisch geführt. Kann der Bildungsvorsprung nicht auch institutionelle Gründe haben?
WÖSSMANN: Im 19. Jahrhundert waren die lokalen Verwaltungen für die Schulen zuständig. Es gab in Preußen schon 1763 ein Dekret, das sich nach Schulpflicht anhört, aber sehr unterschiedlich umgesetzt wurde. Insofern gibt es gewisse institutionelle Faktoren – aber eben genau weil protestantische Kreise das Dekret eher umgesetzt haben. Wir sehen sogar, dass Katholiken vom besseren Schulangebot in protestantischen Gegenden profitiert haben.
ZEIT: Bei den Protestanten gab es Pfarrhäuser mit vielen Kindern – hatte die protestantische Bildungsentwicklung gegenüber der katholischen auch einen natürlichen Vorteil?
WÖSSMANN: Inwiefern?
ZEIT: Auf der einen Seite waren Pfarrer die Bildungsträger, auf der anderen Mönche. Die einen konnten sich reproduzieren, die anderen nicht.
WÖSSMANN: Ja, das ist eine spannende Überlegung, die uns bei der Forschung auch immer klarer wurde: Für die Reproduktion der Bildung kann es nur ineffizient sein, sie genau denen zu übertragen, die selber keine Kinder haben. Da gab es im Katholizismus eine ziemliche Barriere.
ZEIT: Sprechen wir eigentlich nur von der Bildung der männlichen Bevölkerung?
WÖSSMANN: Nein, das ist wichtig: Wir haben uns auch die Schulbesuchsquoten von preußischen Mädchen und Jungen angeschaut. Und wieder sind es die protestantischen Gegenden, die schneller die Bildungskluft zwischen Mädchen und Jungen geschlossen haben.
ZEIT: Und woran liegt das?
WÖSSMANN: Da gibt es wieder ein interessantes Zitat von Luther, aus dem Jahr 1520: »Und wollte Gott, jede Stadt hätte auch eine Mädchenschule, darin täglich die Mägdlein eine Stunde das Evangelium hörten.«
ZEIT: Frühe Alphabetisierung durch Bibellesen – wäre das eine Erklärung für den Erfolg der Finnen beim Pisa-Test?
WÖSSMANN: Das ist sicher zu weit hergeholt, andererseits passt Finnland ganz gut in unsere Story: Mikael Agricola, einer der wichtigsten finnischen Reformatoren, war für mehrere Jahre in Wittenberg bei Luther. Und er ist der Erste, der die Bibel ins Finnische übersetzt hat. Auch dort hat der Protestantismus also früh eine Wertschätzung für Bildung gebracht.
ZEIT: Was nicht das gute Abschneiden der katholischen Bayern erklären könnte …
WÖSSMANN: Dafür gibt es viele gute Gründe, die wir hier nicht analysieren.
ZEIT: Kann man denn behaupten, dass sich konfessionelle Einflüsse heute noch bemerkbar machen?
WÖSSMANN: Interessanterweise ja. Wenn wir in aktuelle Mikrodaten in Deutschland schauen, verdienen Protestanten im Durchschnitt mehr als Katholiken. Außerdem haben Protestanten ein höheres Bildungsniveau – im Durchschnitt fast ein ganzes Bildungsjahr mehr. Und wiederum ist es so: Wenn man diese höhere Bildung herausrechnet, dann verschwindet jeder Einkommensunterschied. Über die Bildung scheint die Konfession auch heute noch einen relevanten Einfluss zu haben.
ZEIT: Was für bildungspolitische Rückschlüsse lassen sich daraus ziehen?
WÖSSMANN: Wir wollten vor allem belegen, wie wichtig Bildung für unsere Wirtschaftsentwicklung war. Wenn man allerdings weiß, wie lange die Vereinten Nationen schon ein Recht auf Bildung für alle fordern und wie wenig zum Teil passiert ist, kann man fragen: Liegt es daran, dass manche Gegenden viel zu arm sind? Oder gibt es weitere Einflussfaktoren? Wenn wir in unsere eigene Geschichte schauen, sehen wir, welche Rolle religiöse Gründe gespielt haben. Das könnte auch für heutige Entwicklungsländer gelten.
ZEIT: Wobei der Westen ja auch die hiesigen Religionen dorthin getragen hat.
WÖSSMANN: Sogar dazu gibt es neuere Forschungen: Wo katholische Missionare in die Kolonien kamen, blieb die Bildung weiter zurück als dort, wo protestantische Missionare waren. Aber heutzutage stellt sich die Frage sicherlich mehr nach dem Bildungsrückstand in vielen islamischen Ländern.
ZEIT: Sie schreiben in einer Ihrer Studien: Schulen gründen reicht nicht …
WÖSSMANN: Nicht, wenn der Antrieb der Eltern und der Kinder und Jugendlichen selbst dabei fehlt. Luther hat seine Predigten auch gezielt an die Eltern gerichtet. Eure Kinder müssen lesen lernen, denn nur so können sie »gute Christenmenschen« werden.
ZEIT: Sind Sie eigentlich evangelisch oder katholisch?
WÖSSMANN: Ich bin katholisch.
Die Fragen stellte Alexandra Werdes
Ludger Wößmann, 35, befindet sich im Forscherglück: Für eine Studie konnte der Bildungsökonom bislang kaum ausgewertete Statistiken aus dem Preußen des 19. Jahrhunderts ausfindig machen, mit denen sich die protestantischen Einflüsse in der deutschen Wirtschaftsgeschichte neu interpretieren lassen. Wößmann, Professor für Volkswirtschaftslehre und Bereichsleiter am ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München, und sein Mitautor Sascha Becker, inzwischen Professor an der Universität Stirling in Schottland, rütteln mit den Methoden moderner Ökonometrie auch an einer Ikone der soziologischen Literatur – Max Webers (1864 bis 1920) Hauptwerk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, das erstmals um 1905 herum erschien. Ludwig Wößmanns Forschungen haben sogar jenseits des Atlantiks große Aufmerksamkeit erregt: 2009 soll die Arbeit in dem von der Harvard-Universität herausgegebenen Quarterly Journal of Economics veröffentlicht werden – eine Auszeichnung, die deutschen Ökonomen nur selten zuteil wird.
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