Wirtschaftswoche, 31.05.2010, S. 24
Andreas Rees Chefvolkswirt Deutschland UniCredit HVB.
Welche Auswirkungen haben die europaweiten Sparprogramme für die Realwirtschaft?
Synchrone Sparprogramme werden die Konjunktur in Europa im nächsten Jahr spürbar dämpfen. Die Streichung von Subventionen für den Privatsektor schmälert die Kaufkraft und belastet die Binnennachfrage.
Wie entwickeln sich die Verbraucherpreise in den nächsten drei bis fünf Jahren?
Die Inflation schwankt mittelfristig zwischen einem und drei Prozent und bleibt unter Kontrolle. 2011 überwiegen aufgrund der Sparprogramme und des Auslaufens des Lagerzyklus sogar die deflationären Risiken.
Wie geht es mit dem Euro weiter - wo steht er in 6, 12 und 24 Monaten?
Der Euro bleibt zunächst schwach, weil die Fed die Zinsen bereits im ersten Quartal 2011 erhöht. Der Euro: in sechs Monaten 1,20, in zwölf Monaten 1,20 und in 24 Monaten 1,26.
Gustav Horn Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK).
Wenn alle Länder sparen, wird die Konjunktur im Euro-Raum im kommenden Jahr einbrechen, und wir fallen in die Krise zurück. Man hätte aus dem warnenden Beispiel Japans in den Neunzigerjahren nichts gelernt.
Die Preise steigen im Euro-Raum um etwas über zwei Prozent, also zielkonform. Inflationsbefürchtungen sind Hysterie. Sollte der Eindruck von Inflationsgefahr entstehen, wird die EZB die Liquidität sofort zurücknehmen.
Der Euro wird steigen, weil der Dollar abwerten muss, damit die amerikanische Wirtschaft ihr Leistungsbilanzdefizit überwindet. Prognosen sind angesichts der Irrationalität der Märkte nicht möglich.
Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.
Im Euro-Raum als Ganzem ist der Konsolidierungskurs nicht sehr scharf. Die für 2011 geplanten Ausgabensenkungen und Steuererhöhungen entsprechen zusammen nur etwa einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Ist die Krise in zwei, drei Jahren ausgeschwitzt, wird es der EZB nicht gelingen, die Inflation im Durchschnitt der kommenden zehn Jahre auf knapp zwei Prozent zu drücken, drei bis vier Prozent sind wahrscheinlicher.
Der Euro leidet nicht nur darunter, dass die EZB jetzt Staatsanleihen aufkauft. Er dürfte auch deshalb gegenüber dem Dollar abwerten, weil die US-Wirtschaft im Gegensatz zum Euro-Raum wieder ordentlich wächst.
Kai Carstensen,.Konjunkturchef.des ifo Instituts, München.
Die Bremswirkungen der Sparpakete werden spürbar sein - und können in Einzelfällen Rezessionen hervorrufen. Deutschland steht aber vergleichsweise gut da, weil es vom Export nach Asien besonders profitiert.
Die Zinspolitik der EZB orientiert sich am Durchschnitt des Euro-Raums. Aus deutscher Sicht niedrige Zinsen stimulieren die Konjunktur - etwas höhere Inflationsraten zwischen zwei und drei Prozent sind denkbar.
Konzentrieren sich die Finanzmärkte auf die Schuldenprobleme der Euro-Länder, ist eine Abwertung plausibel. Rücken die strukturellen Probleme der USA in den Fokus, ist die entgegengesetzte Entwicklung möglich.
Michael Hüther Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW).
Empirische Studien zeigen, dass eine glaubwürdige Konsolidierung über die Ausgabenseite - und dort über die konsumtiven Ausgaben - schon in kurzer Frist positive gesamtwirtschaftliche Effekte auslösen kann.
Europa steht vor keinem Inflationsproblem. Alle Indikatoren - Geldmenge, Lohndruck, Kapazitätsauslastung - sprechen dagegen. Die inflationsindexierten Anleihen und Inflationsswaps sehen keine Risiken.
Die derzeitige Euro-Schwäche ist vor allem durch Europa und nicht durch die Stärke der USA getrieben. Mittelfristig ist ein Euro-Kurs von 1,30 bis 1,35 plausibel. Dies gilt umso mehr, wenn weiter gespart wird.
Ulrich Kater Chefvolkswirt DekaBank.
Die Konjunktur in Euro-Land zeigt sich mit moderatem Tempo durchaus robust. Die weltwirtschaftliche Nachfrage ist stärker als die dämpfenden Effekte der Sparmaßnahmen in den südeuropäischen Euro-Ländern.
Im Zuge der konjunkturellen Erholung können kurzfristig auch Inflationsraten über dem EZB-Ziel erreicht werden. Aber nur kurzfristig, denn die Notenbank wird ihren Leitzins bis 2013 auf 3,5 Prozent erhöhen.
Der Euro tendiert schwächer, bis die Konsolidierung in Südeuropa zu sinkenden Defiziten führt und die Fed die Zinsen nicht erhöht. Kurs zum Dollar: in sechs Monaten 1,25, in zwölf Monaten 1,20 und in 24 Monaten 1,25.
Mallien, Jan
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