Wirtschaftwoche, 30.04.2007, Nr. 18, S. 16
Herr Thum, Ostdeutschland ist 2006 mit rund drei Prozent insgesamt stärker gewachsen als Westdeutschland. Sachsen hatte mit 4,0 Prozent sogar das höchste Wachstum aller Bundesländer. setzt sich dieser Trend 2007 fort? Das ist gut möglich, zumal die Auftragsbücher im verarbeitenden Gewerbe, traditionell die Triebfeder der Wirtschaftsentwicklung im Osten, gut gefüllt sind. Allerdings warne ich davor, die erfreulichen Wachstumszahlen zu überschätzen. Wir haben es hier auch mit einem Niveaueffekt zu tun: Dass das verarbeitende Gewerbe in Ostdeutschland prozentual so stark wächst, liegt auch daran, dass die Ausgangsbasis so gering ist.
Wann schafft der Osten denn ökonomisch den Anschluss an den Westen? Das wird noch viele Jahre dauern. Der Aufholprozess ist seit 1996 nahezu eingeschlafen, das Bruttosozialprodukt pro Einwohner und pro Erwerbsfähigen hat weitgehend stagniert und liegt immer noch rund 30 Prozent unter Westniveau. Erst jetzt beginnt sich diese Lücke wieder langsam zu schließen. Internationale Erfahrungen legen nahe, dass das Gefälle langfristig um rund zwei Prozent pro Jahr abnimmt.
Wie kann die Politik diesen Prozess beschleunigen? Ich will lieber sagen, was sie nicht tun sollte - nämlich einen deutschlandweit einheitlichen Mindestlohn einführen. Das ist eine Maßnahme, die regional völlig unterschiedlich wirken würde und fatale Folgen für den Osten hätte! Ein Mindestlohn von angenommen sieben Euro mag harmlos sein für Stuttgart und München, aber nicht für Anklam, Halle oder Cottbus.
Was wären die Konsequenzen? Einige Menschen bekämen zwar etwas mehr Geld, viele andere hingegen würden ihren Job im Niedriglohnsektor verlieren oder in die Schattenwirtschaft abwandern. Natürlich werden in Ostdeutschland in manchen Sektoren extrem niedrige Löhne bezahlt, und das mag das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen stören. Nur: Der Markt und die Produktivität geben mancherorts nicht mehr her. Nehmen Sie nur das Beispiel Wachdienste. Bei einem zu hohen Mindestlohn würden viele Wachleute durch Videokameras und Alarmanlagen ersetzt
Welche ökonomischen Perspektiven hat der Osten langfristig? In den neuen Ländern gibt es eine sehr gute Infrastruktur und gut ausgebildete Fachkräfte. Ein wichtiger Standortvorteil für Investoren ist auch die im Vergleich zum Westen höhere Arbeitsmarktflexibilität. Im Osten gilt meist die 40-Stunden- Woche, die Löhne liegen 20 bis 30 Prozent unter Westniveau. Langfristig ist es aber - auch aus Investorensicht - wichtig, die Folgen der dramatischen demografischen Entwicklung in Ostdeutschland abzufedern, und zwar durch eine koordinierte Arbeitsmarkt-, Bindungs-, Familien- und Städtebaupolitik. In Ostdeutschland gehen die Bevölkerungszahlen bis 2020 weit stärker zurück als im Westen. Dies kann zu einem gefährlichen Mangel an qualifizierten Arbeitnehmern führen und eine noch stärkere Regionalisierung der Wirtschaftskraft bewirken, weil viele Unternehmen in die wenigen Wachstumskerne mit dichter Hochschullandschaft drängen, etwa in den Raum Dresden, wo leichter geeignetes Personal zu finden ist.
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