WirtschaftsWoche, 06.08.2007, Nr. 32, S. 25
Herr Professor Wößmann, sind Privatschulen wirklich besser, wie immer wieder behauptet wird? Aus den Pisa-Vergleichen wissen wir, dass in vielen Ländern Privatschüler besser abschneiden als Kinder öffentlicher Schulen. Das hat zwei Gründe. Es ist erstens sehr wahrscheinlich, dass Kinder aus bildungsnahen Schichten eher auf Privatschulen gehen. Und zweitens müssen sich Privatschulen mehr anstrengen, um zu überzeugen. Sonst bleiben die Schüler aus. Also brauchen sie ein besseres Management und mehr pädagogische Innovationskraft.
Schneiden in Deutschland die Privatschulen in der Pisa-Studie ebenfalls besser ab? Untersuchungen zeigen, dass Privatschulen in Deutschland zumeist nicht wesentlich besser sind, wenn man die Effekte der sozialen Selektion herausrechnet. Doch mit letzter Gewissheit kann ich Ihre Frage nicht beantworten. Denn die Politik verwehrt den Zugang zu den erforderlichen Daten.
Wie bitte? Die sogenannten Mikrodaten der deutschen Pisa-E-Studie 2003 zum Beispiel sind noch komplett unter Verschluss. Die Daten aus dem Jahr 2000 sind nur rudimentär und vorgefiltert für Wissenschaftler zugänglich. Glauben Sie nicht, die Politik hätte ein Interesse daran, dass diese Daten unabhängig analysiert werden können. Die Kultusministerkonferenz hat beschlossen, ab 2009 gar keine Bundesländer-Vergleiche im Pisa-Test mehr zu ermöglichen. Das ist unglaublich! Stellen Sie sich mal vor, die Arbeitsminister würden fortan keine länderspezifischen Arbeitslosenzahlen mehr veröffentlichen.
Warum ist die Politik so geheimniskrämerisch? Weil sie nicht will, dass präzise Vergleiche von Schularten und Bundesländern möglich sind. Es geht um Einzelergebnisse von Schülern und Schulen im jeweiligen Bundesland. Formal argumentiert die Politik mit dem Datenschutz. Aber das ist nur vorgeschoben. Das Identifizieren einzelner Personen lässt sich leicht verhindern.
Können Sie denn sagen, ob Bundesländer mit hohem Privatschulanteil besser oder schlechter abschneiden? Ja, die Daten sind eindeutig. Die Länder mit höherem Privatschulanteil sind leistungsstärker. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Privatschulen den Wettbewerb stimulieren und damit das gesamte System auf ein höheres Niveau heben.
Wir brauchen die Privaten als Zugpferde? Genau. Öffentliche Schulen, die einem Wettbewerb mit Privaten ausgesetzt sind, werden zwangsläufig besser. Dieser Effekt ist noch gravierender, wenn ein größerer Anteil der öffentlich finanzierten Schulen in privater Trägerschaft ist. Die Niederländer machen das so. Das wirkt im Idealfall wie eine Flut, die alle Boote nach oben hebt. Allerdings müssen die Eltern die Wahlfreiheit haben und der Staat die komplette Finanzierung übernehmen. Sonst haben wir wieder eine soziale Selektion.
Steuern wir auf ein Zwei-Klassen-System zu, wenn es mehr Privatschulen gibt? Na ja, unser öffentliches System gehört ja ohnehin schon wegen der frühen Aufteilung in einzelne Schulformen zu den ungerechtesten der Welt.
Dann wird sich das Problem der Sozialauswahl also noch verschärfen? Die Gefahr besteht. Immer mehr Leute sind unzufrieden mit dem verkrusteten und leistungsschwachen öffentlichen System. Die, die das Geld haben, sagen: Okay, wir schicken unser Kind eben auf eine dieser teuren Eliteschulen, die sich von der klassischen deutschen Privatschule in konfessioneller Trägerschaft sehr unterscheiden. Ärgerlicherweise wird so die Ungerechtigkeit erhöht, der Wettbewerb jedoch nicht stimuliert.
Was muss geschehen? Wir brauchen zunächst eine faire Finanzierung der Privatschulen. Das wäre gut für alle. Die Privaten müssten genauso viel Geld bekommen wie die öffentlichen, geknüpft allerdings an die Bedingung, kein Schulgeld mehr zu erheben.
Wäre das nicht der Untergang der öffentlichen Schulen? Nicht, wenn sie autonomer werden und sich gegen die Privaten wehren können.
Ein Markt braucht Transparenz. Eltern müssten einschätzen können, wie gut eine Schule ist. Richtig. In Ländern mit transparenten Schulleistungen sind die Lern-Ergebnisse erheblich besser. Allerdings nur dann, wenn es zentrale Abschlussprüfungen gibt. Sonst veröffentlicht jede Schule ihre Notenskala, die aber nicht vergleichbar ist.
Würde eine Schulrangliste helfen? Ja. Aber Sie können nicht einfach nur die Noten des Zentralabiturs veröffentlichen. Das würde das Bild verzerren. Wir bräuchten Leistungsmessungen, die dynamisch sind und soziale Effekte herausrechnen. Nur dann hätte eine Schule in Neukölln die gleiche Chance wie die in Blankenese.
Glauben Sie ernsthaft, dass Ihre Vorschläge durchsetzbar sind? Der Druck im Kessel steigt, Bildung rückt immer mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Doch die Konservativen sträuben sich gegen den Abbau der Selektionsmechanismen. Und die Sozialdemokraten haben Angst vor Wettbewerb, Autonomie und Leistungstransparenz.
Sie haben zwei Kinder, die bald in die Schule kommen. Werden Sie sie auf eine private oder öffentliche Schule schicken? Ich setze ja immer noch darauf, dass die staatlichen Schulen besser werden. Aber ich könnte mir auch eine kirchliche Schule gut vorstellen. Ich selbst war auf einem bischöflichen Gymnasium. Die Lehrer haben da ganz gute Arbeit gemacht.
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